7. Kapitel

Cha Thrat erhielt zwei zusatzliche freie Tage, aber ob das als Belohnung fur ihre Hilfe bei AUGL-Eins- Sechzehn gemeint war oder O'Mara solange brauchte, um ihren Wechsel an die Geriatrie fur FROBs in die Wege zu leiten, wollte Cresk-Sar nicht verraten. Die Sommaradvanerin stattete Eins-Sechzehn drei ausgedehnte Besuche in der AUGL-Station ab, in der sie so herzlich aufgenommen wurde, da? sich das lauwarme Wasser fast in Eis verwandelte, aber sie wollte es nicht riskieren, noch einmal zum Freizeitbereich zu gehen oder das Hospital auf eigene Faust zu erkunden. Die Chance, in Schwierigkeiten zu geraten, war geringer, wenn sie auf ihrem Zimmer blieb und sich das Programm auf den Schulungskanalen ansah.

Tarsedth erklarte sie fur so verruckt, da? sie ihrer Ansicht nach in eine Anstalt gehore, und wunderte sich, warum O'Mara diese Diagnose nicht bestatigt hatte.

Zwei Tage spater erhielt Cha Thrat die Mitteilung, rechtzeitig zum Fruhdienst in der Geriatrie fur FROBs zu erscheinen und sich bei der leitenden DBLF-Schwester zu melden. Cresk-Sar sagte, da? es diesmal nicht notwendig sei, sie auf der Station vorzustellen, da Oberschwester Segroth — wie wahrscheinlich samtliche Mitarbeiter des Hospitals — mittlerweile alles Wissenswerte uber sie erfahren haben durfte. Das mag auch der Grund gewesen sein, weshalb man Cha Thrat nach ihrem uberpunktlichen Eintreffen erst gar nicht zu Wort kommen lie?.

„Das hier ist eine chirurgische Station“, erklarte ihr Segroth beflissen und deutete auf die Monitorreihen, die allein drei Wande des Personalraums einnahmen. „Wir haben siebzig hudlarische Patienten und sind einschlie?lich Ihnen zweiunddrei?ig Schwestern und Krankenpfleger. Alle Mitarbeiter sind warmblutige Sauerstoffarmer verschiedener Spezies, und auch Sie brauchen bei den hiesigen Umweltbedingungen keine andere Ausrustung als einen G-Gurtel und einen Atemschutz. Die FROBs sind in pra- und postoperative Patienten eingeteilt und durch eine licht- und schalldichte Wand voneinander getrennt. Solange Sie hier noch nicht Bescheid wissen, werden Sie sich mit keinem der postoperativen Patienten befassen oder sich ihm auch nur nahern.“

Bevor Cha Thrat Zeit hatte zu sagen, da? sie verstanden habe, fuhr die Kelgianerin schon fort: „Wir haben hier einen FROB-Schuler, einen Klassenkameraden von Ihnen, der Ihnen bestimmt mit Vergnugen all die Fragen beantworten wird, die Sie mir aus Angst nicht zu stellen wagen.“

Das silberne Fell krauselte sich an den Flanken in unregelma?igen Wellen, und zwar auf eine Art, die, wie Cha Thrat durch die Beobachtung von Tarsedth in Erfahrung gebracht hatte, nichts anderes als Zorn und Ungeduld bedeuten konnte. „Nach dem, was ich von Ihnen gehort habe, Schwester“, erzahlte die DBLF unbeirrt weiter, „sind Sie eine von der Sorte, die sich das uber die Hudlarer verfugbare Material langst angeschaut hat und nun ungeduldig darauf wartet, einen eigenen Beitrag zu leisten. Versuchen Sie das gar nicht erst. Bei dieser Station handelt es sich um ein vom Diagnostiker Conway speziell eingerichtetes Projekt, und wir erschlie?en hier chirurgisches Neuland, deshalb sind Ihre Kenntnisse bereits uberholt. Bis auf die wenigen Male, bei denen O'Mara Sie fur den Patienten AUGL-Eins-Sechzehn braucht, werden Sie nichts anderes tun als Zusehen und Zuhoren und nur hin und wieder auf Anweisung der erfahreneren Schwestern und Pfleger oder von mir ein paar einfache Aufgaben verrichten.

Ich will namlich nicht gleich am ersten Tag von Ihnen durch eine Wunderheilung in Verlegenheit gebracht werden“, schlo? sie.

Es war einfach, ihren FROB-Klassenkameraden unter dem ubrigen diensthabenden Personal, das sich teils aus kelgianischen DBLFs und teils aus melfanischen ELNTs zusammensetzte, ausfindig zu machen, und noch einfacher, ihn von all den FROB-Patienten zu unterscheiden. Cha Thrat konnte kaum glauben, da? es solch einen entsetzlichen Unterschied zwischen einem erwachsenen und einem alten Hudlarer gab.

Als sie sich ihm naherte, vibrierte die Sprechmembran ihres Klassenkameraden sanft. „Wie ich sehe, haben Sie Ihr erstes Treffen mit Segroth heil uberstanden“, sagte er. „Argern Sie sich nicht uber die Oberschwester; eine Kelgianerin mit Weisungsbefugnis ist noch schlimmer als eine ohne. Wenn Sie genau das tun, was Sie Ihnen sagt, dann geht schon alles in Ordnung. Ehrlich gesagt, bin ich heilfroh, endlich mal ein freundliches und bekanntes Gesicht hier auf der Station zu sehen.“

Das war eine seltsame Bemerkung, dachte Cha Thrat, weil Hudlarer gar keine Gesichter im eigentlichen Sinne hatten. Aber dieser bemuhte sich redlich, sie zu beruhigen, und dafur war sie ihm dankbar. Er hatte sie jedoch nicht mit ihrem Namen angesprochen, und ob er das absichtlich oder aus Versehen unterlassen hatte, wu?te sie nicht. Vielleicht besa?en Hudlarer und Chalder au?er der enormen Korperkraft noch weitere Gemeinsamkeiten. Bis sie sich sicher war, ihn beim Namen zu nennen, ohne da? er sich beleidigt fuhlte, konnten sie sich gegenseitig ja mit „Schwester“, „Pfeger“ oder einfach nur mit „Hallo, Sie!“ ansprechen.

„Ich bin im Moment gerade damit beschaftigt, die Patienten mit dem Schwamm zu waschen und mit dem Nahrungspraparat zu bespruhen“, erklarte der hudlarische Krankenpflegeschuler. „Wurden Sie sich bitte einen der Behalter mit dem Nahrungspraparat umschnallen und mir auf meiner Runde folgen? Auf diese Weise konnen Sie gleich einige unserer Patienten kennenlernen.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr er fort: „Mit diesem Patienten hier konnen Sie schon deshalb nicht sprechen, weil auf seiner Sprechmembran ein Schalldampfer sitzt, damit die Laute, die er aussto?t, den ubrigen Patienten und dem Personal nicht auf die Nerven gehen. Er hat namlich erhebliche Beschwerden, und auf die Behandlung mit schmerzstillenden Medikamenten spricht er praktisch nicht an. Im ubrigen ist er sowieso nicht in der Lage, sich verstandlich auszudrucken.“

Es sprang sofort ins Auge, da? dies kein gesunder Hudlarer war. Seine sechs gewaltigen Tentakel, die den schweren Rumpf normalerweise das ganze Leben hindurch beim Schlafen wie beim Wachen in aufrechter Stellung tragen, hingen wie verfaulte Baumstamme reglos an den Seiten des Stutzgestells herab. Die harten Hornhautballen — die Knochel, auf denen der FROB lauft, wahrend die Finger zum Schutz vor Bodenkontakt nach innen gedreht sind — waren verbla?t, ausgetrocknet und rissig. Die Finger selbst, die sich gewohnlich mit traumwandlerischer Sicherheit und Prazision bewegten, wurden von unaufhorlichen spastischen Zuckungen heimgesucht.

Gro?e Bereiche des Ruckens und der Korperseiten waren von teilweise aufgenommenem Nahrungspraparat bedeckt, das man erst abwaschen mu?te, bevor die neue Schicht aufgespruht werden konnte. Wahrend Cha Thrat den alten Hudlarer betrachtete, bildete sich an dessen Unterseite eine milchige Ausdunstung und tropfte in die Absaugpfanne, die sich unter dem Gestell befand.

„Was fehlt ihm denn?“ fragte Cha Thrat. „Wird er oder kann er uberhaupt geheilt werden?“

„Hohes Alter“, antwortete ihr Klassenkamerad barsch. In beherrschterem und sachlicherem Ton fuhr er fort: „Wir Hudlarer sind eine Spezies mit gro?em Energiebedarf und stark gesteigertem Stoffwechsel. Mit zunehmendem Alter sind insbesondere die Nahrungsaufnahme- und Ausscheidungsmechanismen, die normalerweise beide willkurlich gesteuert werden, als erstes von einer fortschreitenden Degeneration betroffen. Wurden Sie bitte diesen Bereich neu bespruhen, sobald ich mit dem Abwaschen des eingetrockneten Nahrungspraparats fertig bin?“

„Selbstverstandlich“, sagte Cha Thrat.

„Die Degeneration ruft wiederum eine starke Verminderung der Blutzirkulation in den Gliedma?en hervor, was zu wachsenden Schaden an dem betreffenden Nervensystem und der Muskulatur fuhrt“, fuhr der Hudlarer fort. „Das Endergebnis ist eine allgemeine Lahmung, das Absterben der Enden der Gliedma?en und schlie?lich der Exitus.“

Der Hudlarer arbeitete sehr behende mit dem Schwamm und trat schlie?lich zuruck, damit Cha Thrat frisches Nahrungspraparat aufspruhen konnte. Als er seine Ausfuhrungen fortsetzte, hatte seine Stimme ein wenig von der kuhlen Gelassenheit verloren.

„Das ernsthafteste Problem fur einen hudlarischen Patienten der Geriatrie ist jedoch, da? das Gehirn, das nur einen relativ geringen Teil der vorhandenen Energie verbraucht, vom Degenerationsproze? noch einige Zeit uber den Stillstand des Doppelherzens hinaus organisch unbeeintrachtigt bleibt. Darin liegt auch die eigentliche Tragodie. Da? ein Hudlarer, dessen Korper um ihn herum unter Schmerzen verfallt, verstandesma?ig ruhig und ausgeglichen bleiben kann, gibt es nur selten. Jetzt verstehen Sie bestimmt, warum diese Station, die erst vor kurzem fur Conways Projekt vergro?ert worden ist, von allen im Hospital diejenige ist, auf der noch am ehesten psychisch gestorte Patienten behandelt werden.

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