verlangt, und warum soll er ausgerechnet in dem Augenblick damit angefangen haben, die Station auseinanderzunehmen, als Sie gerade mal nicht zur Verfugung standen? Haben Sie zu AUGL-Eins-Sechzehn eine besondere Beziehung aufgebaut?“

Bevor Cha Thrat antworten konnte, warf Cresk-Sar emport ein: „Konnen diese umfangreichen psychologischen Nachforschungen nicht warten, Major? Meine unmittelbare Sorge gilt im Moment ausschlie?lich den ubrigen Patienten und dem Stationspersonal. Die Pathologie kann uns umgehend ein rasch wirkendes Narkotikum und ein Gewehr zum Abschie?en von Betaubungspfeilen liefern, um den Patienten ruhigzustellen, und dann konnen Sie gern.“

„Ein Betaubungsgewehr!“ rief eine der Kelgianerinnen mit sich verachtlich krauselndem Fell. „Lieber Doktor, Sie scheinen vollig zu vergessen, da? der Pfeil erst das Wasser durchdringen mu?, wodurch er bereits gewaltig abgebremst wird, und dann noch die Korperpanzerung von Eins-Sechzehn! Der einzig sichere Weg, den Pfeil wirkungsvoll zu plazieren, ist, ihn in das weiche Zellgewebe im Innern des Mauls zu schie?en. Um genau die richtige Stelle zu treffen, mu?te sich derjenige, der das Gewehr abfeuert, sehr nah an den Chalder heranwagen und konnte bei einem mi?gluckten Versuch dem Pfeil auf dem Weg ins offene Maul direkt hinterherfolgen, was naturlich den sofortigen Tod zur Folge hatte. Ich melde mich dafur jedenfalls nicht freiwillig!“

Bevor Cresk-Sar antworten konnte, sagte Cha Thrat zu ihrem Ausbilder: „Wenn Sie mir genau erklaren, was ich tun mu?, stelle ich mich gern freiwillig fur diese Aufgabe zur Verfugung.“

„Aber Ihnen fehlt doch jede Erfahrung in solchen Dingen, und Sie waren vollig uberfordert, wenn.“, setzte der Nidianer an, verstummte aber, als O'Mara mit erhobener Hand um Ruhe bat.

„Naturlich wollen Sie sich freiwillig melden, Cha Thrat“, sagte O'Mara leise. „Aber warum? Sind Sie besonders mutig? Sind Sie von Natur aus dumm? Haben Sie den Drang, sich umzubringen? Empfinden Sie vielleicht ein gewisses Ma? an Verantwortung, oder fuhlen Sie sich einfach nur schuldig?“

„Major O'Mara“, mischte sich Hredlichli energisch ein, „jetzt ist bestimmt nicht die Zeit, jemandem die Verantwortung zuzuschieben, und erst recht nicht, um eingehende Analysen durchzufuhren! Welche Ma?nahmen sind im Fall des Patienten Eins-Sechzehn — und meiner ubrigen Patienten — zu ergreifen?“

„Sie haben ja recht, Oberschwester“, raumte O'Mara murrisch ein. „Ich werde es auf meine Art erledigen und versuchen, Eins-Sechzehn zu beruhigen und vernunftig mit ihm zu reden. Ich habe mich schon oft mit ihm unterhalten, jedenfalls haufig genug, da? er mich in diesem leichten Anzug von anderen Terrestriern unterscheiden kann. Wahrend ich mit Eins-Sechzehn beschaftigt bin, mu? ich vielleicht hin und wieder auch mit Ihnen sprechen, Cha Thrat. Bleiben Sie deshalb bitte immer am Kommunikator. Verstanden?“

„Nicht notig, ich begleite Sie“, entgegnete Cha Thrat in bestimmtem Ton, wobei sie bereits in aller Stille mit geistig-seelischen Ubungen begann, die ihr dabei helfen sollten, sich mit dem Gedanken an eine vorzeitige Beendigung ihres Lebens anzufreunden.

„Na gut. Wahrscheinlich werde ich mit Ihrem durchgedrehten Freund sowieso viel zu beschaftigt sein, als da? ich Sie daran hindern konnte“, willigte O'Mara ein und gab danach erneut einen merkwurdigen Laut von sich, den der Translator nicht ubersetzte. „Dann kommen Sie jetzt mit!“

„Aber sie ist doch nur eine Schwesternschulerin, O'Mara!“ protestierte Cresk-Sar. „Au?erdem sollten Sie bedenken, da? Eins-Sechzehn Sie in Ihrem leichten Anzug vielleicht lediglich als ein hubsch ordentlich in Plastikfolie gewickeltes Stuck Fleisch ansieht. Diese Lebensform gehort zu den Allesfressern und hat sich noch bis vor kurzem von.“

„Ach, Cresk-Sar“, unterbrach ihn der Chefpsychologe, wahrend er bereits auf den Eingang zur Station zuschwamm. „Versuchen Sie etwa, mir Angst einzujagen?“

„Na gut“, lenkte der Nidianer ein. „Aber falls Sie dieses Problem nicht allein durch Ihre Redekunst in den Griff bekommen, werde ich diese Angelegenheit ebenfalls auf meine Art in die Hand nehmen. Oberschwester, fordern Sie sofort einen vierkopfigen Transporttrupp an, mit schweren Anzugen sowie Betaubungsgewehren und Mitteln zur korperlichen Ruhigstellung fur einen AUGL, der bei vollem Bewu?tsein und alles andere als kooperativ ist.“

Der Chefarzt sprach immer noch, als Cha Thrat bereits hinter O'Mara in die Station hineinschwamm.

Scheinbar eine Ewigkeit lang schwebten sie reglos und schweigend in der Mitte des riesigen Bassins und wurden dabei von einem sich genauso verhaltenden Patienten aus seiner Deckung heraus beobachtet, die er hinter zerfetzten kunstlichen Grunpflanzen gesucht hatte. O'Mara hatte Cha Thrat zuvor angewiesen, blo? nichts zu unternehmen, was Eins-Sechzehn als Bedrohung auffassen konnte. Deshalb mu?ten sie sich ihm ohne Waffen zeigen, und der erste Schritt sollte vom Patienten ausgehen. Zwar glaubte Cha Thrat, da? der Terrestrier damit wahrscheinlich recht hatte, aber trotzdem schwitzte sie so gewaltig, da? ihr Korper ganz glitschig und sehr viel warmer war, als es sich allein durch die Temperatur des lauwarmen, grunen Wassers, das ihren Schutzanzug umgab, erklaren lie?. Offensichtlich hatte sie sich bis jetzt noch nicht ganz mit dem Gedanken angefreundet, das ihrem Leben demnachst ein Ende gesetzt werden konnte.

Die Stimme des Chefarztes, die Cha Thrat uber den Kopfhorer in ihrem Anzug horte, lie? sie an allen Gliedern erzittern.

„Das Transportteam ist eben eingetroffen“, berichtete Cresk-Sar leise. „Bei Ihnen passiert ja gerade nichts. Kann ich das Team jetzt reinschicken, um die anderen Patienten in den OP bringen zu lassen? Es wird zwar furchtbar eng darin werden, aber immerhin kann man dort die Patienten behandeln, und gemutlicher als es derzeit auf der Station ist, ist es dort auch. Au?erdem sind Sie dann mit Eins-Sechzehn ganz allein.“

„Ist die Behandlung der Patienten denn dringend?“ erkundigte sich O'Mara im Flusterton.

„Nein“, antwortete Cha Thrat, bevor Cresk-Sar die Frage an die Oberschwester weiterleiten konnte. „Hauptsachlich geht es um routinema?ige Beobachtungen und Aufzeichnungen der wichtigsten Lebensfunktionen, au?erdem mussen ein paar Verbande gewechselt und heilungsfordernde Medikamente verabreicht werden. Eigentlich nichts wirklich Dringendes.“

„Herzlichen Dank auch, Schwesternschulerin Cha Thrat“, warf Oberschwester Hredlichli in einem Ton ein, der so atzend war wie die Atmosphare, die sie einatmete. „Ich bin hier erst seit kurzem Oberschwester, Major O'Mara“, fuhr sie fort, „aber ich glaube, da? ich ebenfalls das Vertrauen des Patienten genie?e, und wurde gerne zu Ihnen kommen.“

„Nein, Sie werden nicht kommen und das Transportteam auch nicht!“ widersprach O'Mara entschieden. „Ich mochte unseren Freund nicht durch zu viel Hin und Her auf der Station verangstigen oder verunsichern. Und noch was, Hredlichli. Ihr Schutzanzug konnte einen Ri? bekommen, und Sie wissen sehr gut, da? die Beruhrung mit Wasser bei Chloratmern auf der Stelle zum Tod fuhrt. Wir Sauerstoffatmer konnen schlimmstenfalls ertrinken, wenn uns nicht rechtzeitig geholfen wird, aber Wasser ist fur uns wenigstens nicht giftig oder sogar. Ojemine!“

Der Patient AUGL-Eins-Sechzehn gab zwar immer noch keinen Laut von sich, dafur hatte er sich aber in Bewegung gesetzt. Wie ein organischer Riesentorpedo scho? er auf O'Mara und Cha Thrat zu, wobei er sich von echten Torpedos lediglich dadurch unterschied, da? diese keine Mauler haben, die sich plotzlich aufsperren.

Verzweifelt schwammen die beiden Sauerstoffatmer in entgegengesetzte Richtungen, um dem angreifenden Chalder zwei Ziele statt eines zu bieten. Wahrend der Patient den einen erledigte, so lautete die Theorie, hatte der andere vielleicht genugend Zeit, es bis zum sicheren Personalraum zu schaffen. Wie O'Mara zuvor beteuert hatte, sei das allerdings nur der Plan fur das Eintreten einer kaum vorstellbaren Eventualitat. Er hatte einfach nicht glauben wollen, da? der normalerweise so schuchterne, zuruckhaltende und zugangliche AUGL-Eins-Sechzehn fahig sein konnte, gegen irgend jemanden einen todlichen Angriff zu fuhren.

Diesbezuglich sollte er recht behalten.

Das gewaltige Maul klappte zu, kurz bevor der Chalder durch die Lucke scho?, die sich zwischen dem Chefpsychologen und der Sommaradvanerin geoffnet hatte. Der gro?e Korper schwenkte nach oben, bis er uber ihnen war, tauchte auf der anderen Seite wieder nach unten und umschwamm sie in engen Kreisen. Die gewaltige Stromung wirbelte und drehte die beiden Sauerstoffatmer wie Treibholz in der Mitte eines Strudels herum. Cha Thrat hatte keine Ahnung, ob der Chalder sie in der vertikalen oder horizontalen Ebene umkreiste; sie wu?te nur, da? er so nah war, da? sie jedesmal die Druckwellen des Wassers spurte, wenn das Maul zuklappte, was nur zu haufig der Fall war. In ihrem ganzen Leben war sie sich noch nie so hilflos, verwirrt und verangstigt vorgekommen.

„Horen Sie mit diesem Unsinn auf, Muromeshomon!“ rief Cha Thrat laut. „Wir sind hier, um Ihnen zu helfen. Warum machen Sie das?“

Zwar wurde der Chalder langsamer, doch zog er weiter seine engen Kreise um die beiden herum.

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