Schlie?lich ri? er das Maul auf und antwortete: „Sie konnen mir nicht helfen, Cha Thrat. Sie haben selbst gesagt, da? Sie dazu nicht qualifiziert sind. Hier kann mir niemand helfen. Ich mochte weder Ihnen noch sonst jemandem etwas antun, aber ich furchte mich. Ich habe gro?e Schmerzen. Manchmal mochte ich allen anderen auch Schmerzen zufugen. Halten Sie sich lieber von mir fern, sonst verletzte ich Sie noch.“
Als der Schwanz des Chalders ruckartig ausschlug, Cha Thrats Sauerstoffflaschen streifte und sie dadurch erneut herumgewirbelt wurde, breitete sich ein gedampfter Knall im Wasser aus. Eine terrestrische Hand ergriff die Sommaradvanerin an einer der Huftgliedma?en und stoppte so ihre kreiselnden Bewegungen. Cha Thrat sah, da? der Patient sich wieder in seine dunkle Ecke zuruckgezogen hatte und sie nun beobachtete.
„Sind Sie verletzt?“ fragte O'Mara und lie? sie vorsichtig los. „Ist mit Ihren Anzug noch alles Ordnung?“
„Ja“, antwortete Cha Thrat und fugte hinzu: „Er ist fluchtartig weggeschwommen. Ich bin mir sicher, da? er mich nur aus Versehen mit dem Schwanz geschlagen hat.“
Der Terrestrier schwieg einen Augenblick lang und entgegnete dann: „Sie haben den Patienten Eins- Sechzehn vorhin beim Namen genannt. Naturlich kenne ich seinen Namen ebenfalls, weil das Hospital ihn fur eine mogliche Benachrichtigung der nachsten Angehorigen benotigt, aber ich wurde niemals daran denken, ihn auszusprechen, es sei denn unter ganz besonderen Umstanden, und auch dann nur mit der Erlaubnis des AUGL. Aber irgendwie haben Sie seinen Namen erfahren und sprechen ihn nun ebenso selbstverstandlich und beilaufig aus wie den von Cresk-Sar, Hredlichli oder mir. Cha Thrat, Sie durfen einen Chalder niemals.“
„Er hat mir seinen Namen selbst gesagt“, unterbrach ihn Cha Thrat. „Wir haben uns unsere Namen verraten, wahrend wir uns uber meine Beobachtungen bezuglich seiner unzulanglichen Behandlung unterhalten haben.“
„Sie haben seine Behandlung als unzulanglich bezeichnet?“ fragte O'Mara unglaubig. Er stie? einen unubersetzbaren Laut aus und fuhr dann fort: „Erzahlen Sie mir ganz genau, was Sie ihm gesagt haben.“
Cha Thrat zogerte. Der AUGL hatte inzwischen die dunkle Ecke verlassen und bewegte sich wieder auf sie zu, diesmal aber langsamer. Er hielt auf halbem Wege an, schwebte mit reglosen Flossen und starrem Schwanz auf der Stelle, wobei er die streifenformigen Tentakel wie einen wallenden, kreisformigen Facher um sich herumgeschlagen hatte. Er beobachtete die beiden und lauschte wahrscheinlich aufjedes Wort, das sie miteinander sprachen.
„Wenn ich es mir recht uberlege, erzahlen Sie es mir lieber nicht“, korrigierte sich O'Mara verargert. „Zuerst sage ich Ihnen, was ich uber den Patienten wei?, und dann konnen Sie versuchen, meine luckenhaften Kenntnisse aufzubessern. Auf diese Weise vermeiden wir Wiederholungen und sparen Zeit. Ich wei? namlich nicht, wieviel Zeit er uns furs Gesprach zugestehen wird, bevor er uns wieder unterbricht. Vermutlich nicht besonders viel, deshalb mu? ich schnell reden.“
Bei dem Patienten AUGL-Eins-Sechzehn handelte sich um einen Dauerpatienten, dessen Aufenthaltszeit im Orbit Hospital die der meisten medizinischen Mitarbeiter langst ubertroffen hatte. Das Krankheitsbild war und blieb unklar. Mehrere der besten Diagnostiker des Hospitals hatten Eins-Sechzehn untersucht und an bestimmten Stellen der Korperpanzerung Anzeichen fur Verformungen gefunden, die zum Teil die korperlichen Beschwerden erklarten: Ein Lebewesen, das fast vollstandig in einem Ektoskelett steckte, sich kaum bewegte und eine Art Vielfra? war, konnte unter dem Panzer schlie?lich nur zunehmen. Die allgemein anerkannte Diagnose lautete Hypochondrie, und dieses Leiden galt als unheilbar.
Der Chalder wurde immer nur dann ernsthaft krank, sobald die Rede davon war, ihn nach Hause zu schicken, und so war das Hospital zu einem Dauerpatienten gekommen. Den Chalder storte das nicht weiter. Arzte und Psychologen des Hospitals untersuchten ihn damals wie heute in regelma?igen Abstanden, und Assistenzarzte und Schwestern aller im Personal vertretenen Spezies folgten ihrem Beispiel. Zudem wurde Eins-Sechzehn fortwahrend von unterschiedlich sanft vorgehenden Studenten grundlich untersucht, von innen nach au?en gekehrt und erbarmungslos abgeklopft — und er geno? jede Minute davon. Der Lehrkorper des Hospitals war mit dieser Regelung zufrieden und der Chalder ebenfalls.
„Inzwischen spricht ihm gegenuber niemand mehr von seiner Entlassung“, schlo? O'Mara. „Haben Sie mit ihm daruber geredet?“
„Ja“, antwortete Cha Thrat.
O'Mara gab einen weiteren unubersetzbaren Laut von sich, und sie fuhr schnell fort: „Das erklart auch, warum ihn die ubrigen Schwestern nicht beachtet haben, wenn andere Patienten behandelt werden mu?ten, und der von mir gestellten Diagnose einer unbekannten Herrscherkrankheit zugestimmt haben, die.“
„Sie sollen zuhoren, nicht reden!“ unterbrach sie der Terrestrier in scharfem Ton, wahrend der Patient immer naher an sie heranzutreiben schien. „Meine Abteilung hat zwar versucht, die eigentlichen Grunde fur Eins- Sechzehns Hypochondrie herauszufinden, aber ich sah mich nicht genotigt, seine Probleme zu losen, und deshalb bestehen sie immer noch. Das klingt wie eine Entschuldigung, und das ist es auch. Aber Sie mussen verstehen, da? das Orbit Hospital keine psychiatrische Klinik ist und auch nie sein kann. Konnen Sie sich ein Krankenhaus wie dieses vorstellen, in dem der Gro?teil der Patienten so vieler verschiedener Spezies, deren blo?er Anblick geistig gesunden Lebewesen Alptraume bereitet, womoglich in guter korperlicher Verfassung, aber ansonsten geistesgestort ist? Es ist fur mich so schon schwer genug, die Verantwortung fur das geistig-seelische Wohlbefinden des Personals zu tragen, und ich kann gut darauf verzichten, zusatzlich umnachtete Patienten am Hals zu haben, und sei es auch nur ein harmloser Irrer wie Eins-Sechzehn. Wenn ein vom medizinischen Standpunkt kranker Patient Anzeichen geistiger Instabilitat aufweist, wird er unter strenger Beobachtung gehalten, falls notig ruhiggestellt und zur angemessenen Behandlung auf seinen Heimatplaneten zuruckgebracht, sobald seine korperliche Verfassung einen solchen Transport zula?t.“
„Ich verstehe. Das entschuldigt naturlich auch Ihr Verhalten“, bemerkte Cha Thrat.
Die rosa Gesichtsfarbe des Terrestriers wurde dunkler, und er fuhr fort: „Horen Sie genau zu, Cha Thrat, das ist jetzt sehr wichtig. Die Chalder sind eine der wenigen intelligenten Spezies, bei denen die Eigennamen nur zwischen Lebensgefahrten, direkten Familienangehorigen oder ganz besonderen Freunden benutzt werden. Jetzt haben Sie, eine Fremde von einer anderen Spezies, den Namen von Eins-Sechzehn aus seinem eigenen Mund erfahren und sogar laut ausgesprochen. Haben Sie das aus Versehen getan? Ist Ihnen bewu?t, was dieser Namensaustausch bedeutet? Er bedeutet, da? alles, was Sie dem Chalder gesagt und jede zukunftige Ma?nahme, die Sie ihm versprochen haben, genauso bindend ist, wie das feierlichste Versprechen gegenuber der hochsten physischen oder metaphysischen Macht, die man sich vorstellen kann? Begreifen Sie jetzt den Ernst der Lage?“ wollte O'Mara wissen, wobei er einen ruhigen, aber eindringlichen Ton anschlug. „Warum hat er Ihnen seinen Namen verraten? Und woruber haben Sie sich mit ihm genau unterhalten?“
Einen Moment lang konnte Cha Thrat nichts sagen, weil der Patient sehr nah herangekommen war, und zwar so nah, da? sie jede einzelne Zacke der sechs Zahnreihen erkennen konnte. Ein seltsam distanzierter und unbeeindruckter Teil ihres Verstands warf die Frage auf, durch welche evolutionare Notwendigkeit die oberen drei Reihen langer als die unteren waren. Da klappte das Maul mit einem knochernen, vom Wasser gedampften Krachen zu, und der beeindrucktere Teil ihres Gehirns machte sich daruber Gedanken, wie es wohl geklungen hatte, wenn eine Gliedma?e oder gleich der ganze Korper zwischen diese Zahne geraten ware.
„Sind Sie eingeschlafen?“ raunzte O'Mara sie an.
„Nein“, antwortete Cha Thrat und fragte sich, wie ein intelligentes Wesen eine derart dumme Frage stellen konnte. „Der Chalder und ich haben uns unterhalten, weil er einsam und unglucklich ist. Im Gegensatz zu mir haben die Schwestern fur ihn sowieso keine Zeit, da sie standig mit der pra- oder postoperativen Behandlung anderer Patienten beschaftigt sind. Ich habe dem Chalder von Sommaradva und den Umstanden erzahlt, die zu meinem Herkommen gefuhrt haben, und auch davon, was ich alles machen konnte, falls ich mich furs Orbit Hospital als geeignet erweisen sollte. Er sagte mir, ich sei zwar mutig und einfallsreich und vor allem nicht alt und krank, aber zunehmend angstlich wie er selbst.
Er hat mir erzahlt, da? er oft davon getraumt habe, frei im warmen Ozean von Chalderescol II umherzuschwimmen, anstatt in dieser keimfreien, wassergefullten Kiste mit seinen ungenie?baren Plastikpflanzen“, fuhr sie fort. „Er konne zwar mit den anderen AUGL-Patienten uber seinen Heimatplaneten sprechen, aber die stunden wahrend der postoperativen Erholung oft unter Beruhigungsmitteln. Das medizinische Personal sei freundlich und spreche auch in den seltenen Momenten, in denen es dafur Zeit habe, mit ihm. Au?erdem hat er mir versichert, er werde niemals aus dem Hospital fliehen, weil er zu alt, angstlich und krank sei.“
„Aus dem Hospital fliehen?“ staunte O'Mara. „Wenn unser Patient das Orbit Hospital allmahlich als Gefangnis betrachtet, ist das, von der psychologischen Seite her gesehen, durchaus als Zeichen der Besserung seines
