uberflussige Locher in sein Schiff bohren. Wenn Sie glauben, verstanden zu haben, was Sie tun sollen, holen Sie sich das Material aus dem Lager, und bringen Sie es aufs Schiff. Ich werde Sie noch heute dort aufsuchen, bevor Sie Feierabend machen, um Ihnen alle.“
„Wozu dienen die transparente Wand und die ferngesteuerte Greifvorrichtung?“ unterbrach ihn Cha Thrat schnell, bevor sich der Lieutenant zum Gehen wandte. „Die Klassifikation FOKT klingt nicht gerade nach einer besonders gro?en oder gefahrlichen Lebensform.“
„.um Ihnen dann alle Fragen zu beantworten, die nicht auf Ihrem Informationsband behandelt werden“, schlo? er in bestimmtem Ton. „Viel Vergnugen, Cha Thrat.“
Die folgenden Tage sollten sich allerdings alles andere als vergnuglich erweisen, hochstens ruckblickend betrachtet. Den ganzen ersten Tag und die erste Nacht hindurch bereiteten die dreidimensionalen Zeichnungen und Montageanleitungen Cha Thrat gewaltige Kopfschmerzen, aber von da an wurden Timmins Besuche, um ihre Fortschritte zu kontrollieren, immer seltener. Dreimal schaute auch Oberschwester Naydrad, die kelgianische Mitarbeiterin des medizinischen Teams, vorbei, die, wie Tarsedth mal erwahnt hatte, eine Spezialistin fur Bergungstechniken unter erschwerten Bedingungen war.
Cha Thrat verhielt sich ihr gegenuber sehr freundlich, ohne unterwurfig zu sein, und Naydrad legte wie alle Kelgianer ein unhofliches, fast unverschamtes Benehmen an den Tag. Doch hatte sie an Cha Thrats Arbeit nichts auszusetzen und beantwortete alle Fragen, die sie nicht fur dumm oder zu belanglos hielt.
„Ich verstehe nicht ganz den Grund fur die transparente Trennwand in diesem Raum“, sagte Cha Thrat bei einem der Besuche Naydrads. „Der Lieutenant hat mir erklart, das habe psychologische Grunde, damit sich die Patientin geschutzt fuhle. Aber hinter einer undurchsichtigen Wand mit einem kleinen Fenster wurde sie sich doch bestimmt noch sicherer vorkommen. Braucht die FOKT neben einem Geburtshelfer auch einen Zauberer?“
„Einen Zauberer?“ wiederholte die Kelgianerin verwundert und fuhr dann fort: „Ach ja! Sie mussen diese ehemalige Schwesternschulerin sein, die hier noch immer in aller Munde ist und die O'Mara fur einen Medizinmann halt, stimmt's? Ich personlich glaube ja, da? Sie, was O'Mara angeht, recht haben. Aber es ist nicht nur diese Patientin namens Khone, die einen Zauberer braucht, sondern die gesamte Bevolkerung von Goglesk. Khone ist entweder eine sehr mutige oder eine sehr dumme FOKT, die sich freiwillig als Versuchspatientin zur Verfugung gestellt hat.“ „Ich kann Ihnen immer noch nicht ganz folgen, Oberschwester. Konnten Sie mir das bitte genauer erklaren?“
„Nein. Ich habe einfach keine Zeit, all die verzwickten Probleme dieses Falls zu erlautern und schon gar nicht einer Wartungstechnikerin, die krankhaft neugierig, aber nicht einmal direkt betroffen ist, oder die sich einsam fuhlt und lieber plaudern, als arbeiten will. Seien Sie froh, da? Sie keine Verantwortung tragen, dieser Fall ist namlich sehr heikel.
Jedenfalls“, fuhr sie fort und deutete dabei auf das Videogerat und das Regal mit den Videobandern am anderen Ende des Raums, „ist unsere Kopie des Bands mit der Krankengeschichte uber zwei Stunden lang, falls Sie an diesem Fall wirklich so interessiert sind. Nehmen Sie dieses Band bitte nur nicht mit von Bord.“
Trotz der standigen Versuchung, eine Pause zu machen und einen raschen Blick in das FOKT-Video zu werfen, setzte Cha Thrat ihre Arbeit fort, bis der Wartungsingenieur, der das Kommandodeck uberpruft hatte, den Kopf zum Unfalldeck hereinsteckte.
„Zeit zum Mittagessen“, sagte er. „Ich gehe jetzt in die Kantine. Kommen Sie mit?“
„Nein danke“, antwortete Cha Thrat. „Ich mu? hier noch etwas erledigen.“
„Das ist das zweitemal in drei Tagen, da? Sie das Mittagessen verpassen“, ermahnte sie der Terrestrier. „Sind alle Sommaradvaner so verruckt nach Arbeit? Haben Sie keinen Hunger oder nur eine verstandliche Abneigung gegen das Kantinenessen?“
„Nein, sehr gro?en und manchmal“, beantwortete Cha Thrat die drei Fragen der Reihe nach.
„Ich habe einen Packen Sandwiches dabei“, fuhr der Wartungsingenieur fort. „Garantiert nahrhaft und ungiftig fur alle Sauerstoffatmer, und wenn Sie sich den Belag nicht allzu genau ansehen, mu?ten Sie es eigentlich schaffen, das Zeug im Magen zu behalten. Interessiert?“
„Ja, sehr sogar“, bedankte sich Cha Thrat, wobei sie den Hintergedanken hegte, jetzt gleichzeitig ihren knurrenden Magen befriedigen und sich die ganze Mittagspause hindurch das FOKT-Video ansehen zu konnen.
Das gedampfte, aber hartnackige Heulen der Alarmsirene lenkte ihre Gedanken vom Planeten Goglesk und seinen eigenartigen Problemen auf die Erkenntnis, da? sie sich mit dem Video schon viel langer beschaftigt hatte, als die festgesetzte Mittagspause dauerte, und sich das Schiff plotzlich mit Leben fullte.
Sie sah drei Terrestrier in den grunen Uniformen des Monitorkorps am Eingang zum Unfalldeck vorbei in Richtung Kontrollraum rennen, und ein paar Minuten spater kam der unformige, grune Ball, der Korper Danaltas, aufs Unfalldeck gerollt. Direkt hinter ihm folgte eine wei?gekleidete Terrestrierin mit dem Abzeichen der pathologischen Abteilung, bei der sich um die DBDG Murchison handeln mu?te. Danach erschienen auch Naydrad und Prilicla: Die Kelgianerin schlangelte sich in schnellen Wellenbewegungen uber den Boden, und der insektenartige Empath huschte die Decke entlang. Die Oberschwester begab sich direkt zum Videorecoder, in dem noch das FOKT-Video lief, und schaltete das Gerat ab, als noch zwei Terrestrier an Deck sturmten.
Einer der beiden war Timmins, und bei dem zweiten handelte es sich, nach dem Abzeichen auf der Uniform und seinem gebieterischen Auftreten zu urteilen, um den Herrscher des Schiffs, Major Fletcher. Der Lieutenant ergriff als erster das Wort.
„Wie lange brauchen Sie noch, bis Sie hier fertig sind?“ fragte er Cha Thrat ungeduldig.
„Den Rest des Tages und den Gro?teil der Nacht“, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen.
Fletcher schuttelte den Kopf.
„Ich konnte noch mehr Leute darauf ansetzen, Sir“, schlug Timmins vor. „Naturlich mu?te man sie kurz in ihre Tatigkeit einweisen, was ein bi?chen Zeit kosten wurde. Aber ich bin mir sicher, da? man damit die Arbeitsdauer allenfalls auf vier, vielleicht auch drei Stunden reduzieren konnte.“
Der Herrscher des Schiffs schuttelte abermals den Kopf.
„Dann bleibt uns wohl nur noch eine Alternative“, meinte der Lieutenant.
Zum erstenmal blickte Fletcher Cha Thrat direkt an. „Nach Aussage des Lieutenants sind Sie imstande, diese Einrichtung selbstandig fertigzustellen und zu testen. Ist das richtig?“
„Ja“, antwortete Cha Thrat.
„Haben Sie irgend etwas dagegen, das auf einem dreitagigen Flug nach Goglesk zu erledigen?“
„Nein“, erwiderte sie mit fester Stimme.
Der Captain blickte nach oben auf Prilicla, den Leiter des medizinischen Teams des Schiffs, ohne etwas sagen zu mussen.
„Ich kann bei meinen Kolleginnen und Kollegen keine besonders ausgepragte Abneigung gegen die Begleitung dieses Wesens feststellen, Freund Fletcher“, berichtete der Empath. „Schlie?lich handelt es sich um einen Notfall.“
„Wenn das so ist, starten wir in funfzehn Minuten“, teilte Fletcher mit, wahrend er sich zum Gehen wandte.
Timmins blickte Cha Thrat an, als ob er ihr irgend etwas sagen wollte — moglicherweise einen Rat zur Vorsicht oder eine Empfehlung oder ein beruhigendes Wort. Doch schlie?lich hielt er nur eine locker geballte Faust hoch, uber der der abgespreizte Daumen senkrecht nach oben ragte; eine Geste, die sie noch nie bei ihm gesehen hatte. Dann war auch er verschwunden. Cha Thrat horte das Stapfen seiner Fu?e auf dem Metallboden des Bordtunnels, und auf einmal kam sie sich trotz der vier hochst unterschiedlichen Lebensformen, von denen sie dicht umringt war, sehr einsam vor.
„Haben Sie keine Angst, Cha Thrat“, trostete Prilicla sie, wobei die ubersetzte Stimme von den rollenden Schnalzlauten seiner melodischen cinrusskischen Sprache untermalt wurde. „Sie befinden sich unter Freunden.“
„Es gibt da ein Problem“, meldete sich Naydrad zu Wort. „Wir haben fur Ihre blode Korperform keine passende Beschleunigungsliege, Cha Thrat. Legen Sie sich auf eine Trage, dann schnalle ich sie darauf fest.“
12. Kapitel
