Die FOKT-Einrichtung wurde fertiggestellt und grundlich getestet, zuerst von Naydrad und dann — auf Anordnung Major Fletchers — vom technischen Offizier der Rhabwar, Lieutenant Chen. Abgesehen von kurzen Begegnungen auf dem Weg von oder zu den Speise- und Aufenthaltsraumen, war das Cha Thrats bisher einzige Moglichkeit, mit einem der Schiffsofffiziere direkt in Beruhrung zu kommen.

Nicht, da? man solch einen Kontakt zwischen den Offizieren der Herrscherklasse und einem Wesen des niedrigsten technischen Dienstgrads zu verhindern versucht oder bei Cha Thrat absichtlich Minderwertigkeitsgefuhle hervorgerufen hatte; das tat man beides nicht. Aber samtliche Mitarbeiter des Monitorkorps, die die ausgesprochen hohen technischen und theoretischen Anforderungen des Dienstes auf Interstellarschiffen erfullen mu?ten, kamen — zumindest nach der standesbewu?ten Einstellung einer Sommaradvanerin — dem Rang eines Herrschers so nah, da? es keinen Unterschied machte. Ohne jemanden bewu?t kranken zu wollen, verfielen sie immer wieder in eine eigene, au?erst technische Sprache, die nur Eingeweihte verstanden, und verursachten bei Cha Thrat tiefstes Unbehagen.

Jedenfalls fuhlte sie sich bei den Arzten in Zivil heimischer als bei diesen Wesen, die, bis auf ein paar kleine, aber wichtige Rangabzeichen auf dem Kragen, die gleiche Uniform trugen wie sie. Uberdies war es unmoglich, in Gesellschaft von Prilicla zu sein, wenn man sich nicht wirklich ausgesprochen wohl fuhlte. Deshalb machte sich Cha Thrat so klein, wie es ihre Physiologie zulie?, rief sich standig in Erinnerung, da? sie nicht mehr zur arztlichen Zunft, sondern zu den Wartungstechnikern gehorte, und bemuhte sich angestrengt, sich nicht einzumischen, wenn sich die anderen uber den Sinn und Zweck des Einsatzes unterhielten.

Aus Sicht der Kulturkontaktspezialisten handelte es sich bei Goglesk um einen Grenzfall. Der intensive Kontakt mit einer eher ruckstandigen Zivilisation konnte gefahrlich sein, weil man sich, wenn die Monitorkorpsschiffe wie aus heiterem Himmel auf die Planetenoberflache fielen, nie sicher sein konnte, ob man den Bewohnern in ihrer technologischen Entwicklung unter die Arme greifen sollte oder bei ihnen einen vernichtenden Minderwertigkeitskomplex auslosen wurde. Doch die Gogleskaner waren trotz ihrer Ruckstandigkeit in den Naturwissenschaften und der verheerenden Rassenpsychose, die sie am Fortschritt hinderte, zumindest als Individuen psychologisch gefestigt, und ihr Planet hatte bereits seit etlichen tausend Jahren keinen Krieg mehr erlebt.

Fur das Korps ware es der einfachste Weg gewesen, sich zuruckzuziehen, die gogleskanische Kultur so weitermachen zu lassen, wie sie es seit Beginn der Geschichtsschreibung getan hatte, und ihre Probleme als unlosbar abzuschreiben. Nichtsdestoweniger hatten die Spezialisten eins ihrer seltenen Zugestandnisse gemacht und einen kleinen Stutzpunkt zur Beobachtung, Nachforschung und begrenzten Kontaktaufnahme errichtet.

Der Fortschritt ist bei jeder intelligenten Spezies von der verstarkten Zusammenarbeit zwischen Einzelwesen, Familien oder Stammen abhangig. Auf Goglesk hatte jedoch schon immer jeder enge Kooperationsversuch einen starken Ruckgang des Verstandnisses, blinde Zerstorungswut und ernste korperliche Verletzungen zur Folge gehabt, so da? sich die Gogleskaner gezwungenerma?en zu einer Spezies von Individualisten entwickelt hatten, die nur fur die Dauer des kurzen Fortpflanzungsprozesses oder der Betreuung der Kleinkinder miteinander engen Korperkontakt hatten.

Das Problem war aufgrund einer Losung entstanden, die sich den Gogleskanern vor der Entwicklung von Intelligenz aufgedrangt hatte. Damals waren sie die Beute samtlicher Raubtiere gewesen, von denen es in den gogleskanischen Meeren wimmelte, hatten aber selbst ebenfalls naturliche Angriffs- und Verteidigungswaffen entwickelt: Stacheln, die kleinere Lebensformen lahmten oder toteten, und lange Fuhler auf dem Kopf, mit denen sie durch Beruhrung telepathischen Kontakt herstellen konnten. Wurden sie von gro?en Raubtieren bedroht, schlossen sie ihre Korper und Gehirne zusammen, bis sie die erforderliche Gro?e hatten, um mit ihren vereinten Stacheln jeden Angreifer zu toten.

Nach fossilen Funden auf Goglesk zu urteilen, hatte es einen gigantischen Uberlebenskampf zwischen den FOKTs und einer Spezies riesiger und besonders wilder Meeresraubtiere gegeben, eine Schlacht, die viele, viele tausend Jahre gewutet hatte. Den Sieg trugen am Ende die FOKTs davon, die sich danach zu intelligenten Landbewohnern entwickelten. Aber der Preis, den sie zu zahlen hatten, war furchtbar.

Um eins der gewaltigen Raubtiere zu Tode zu stechen, hatten sich Hunderte von einzelnen FOKTs korperlich und telepathisch zusammenschlie?en mussen. Bei jeder derartigen Begegnung waren sehr viele von ihnen umgekommen, zerrissen oder gefressen worden, und den sich daraus ergebenden Todeskampf, der sich bei jedem Sterbenden wiederholte, nahm aufgrund der telepathischen Verbindung jedes einzelne Mitglied der Gruppen am eigenen Leibe wahr. In dem Bestreben, ihr Leiden zu verringern, hatten die FOKTs die Wirkung der telepathischen Krafte in der Gruppe durch die Entwicklung blinder Zerstorungswut abgeschwacht, die sich unterschiedslos gegen alles richtete, was sich in ihrer Nahe befand. Doch selbst so waren ihre in der Vorgeschichte erhaltenen seelischen Wunden nicht verheilt.

Der von einem Gogleskaner in Not ausgesto?ene Ruf, der einen solchen Gruppenzusammenschlu? einleitete, konnte, wenn er erst einmal gehort worden war, weder bewu?t noch unterbewu?t verdrangt werden, da dieser Schrei nur eins bedeutete: die Bedrohung durch au?erste Gefahr. Das war selbst in der heutigen Zeit, wo derartige Bedrohungen nur eingebildet oder unbedeutend waren, nicht anders. Der Zusammenschlu? fuhrte zwangslaufig zur blinden Zerstorung von allem, was sich in ihrer unmittelbaren Nahe befand und die FOKTs als Individuen hatten bauen, schreiben oder schaffen konnen: Hauser, Fahrzeuge, technische Anlagen, Bucher oder Kunstobjekte.

Aus diesem Grund erlaubten es die heutigen Gogleskaner, mit Ausnahme einiger sehr seltener Falle, niemandem, sie zu beruhren, sich ihnen zu nahern oder sie auch nur ansatzweise mit personlichen Worten anzusprechen,

wahrend sie hilflos und — bis ihnen Conway vor kurzem einen Besuch auf ihrem Planeten abgestattet hatte — hoffnungslos gegen die ihnen von der Evolution aufgezwungenen Lebensbedingungen ankampften.

Cha Thrat war klar, da? sich das medizinische Team ausschlie?lich uber die Probleme der Gogleskaner im allgemeinen und die von Khone im besonderen unterhalten wollte, und uber diese Themen entwickelten sich dann auch endlose Gesprache, die zu nichts anderem fuhrten als stets wieder zum Ausgangspunkt zuruck. Eigentlich hatte Cha Thrat mehrmals Vorschlage machen oder Fragen stellen wollen. Aber schon bald stellte sie fest, da?, wenn sie einfach den Mund hielt und geduldig abwartete — ein Verhalten, das ihrem Naturell schon immer widersprochen hatte —, dieselben Vorschlage und Fragen, die ihr unter den Nageln brannten, von einem Mitglied des Teams unterbreitet beziehungsweise beantwortet wurden.

Normalerweise war es Naydrad, die solche Fragen stellte, wenn auch viel weniger hoflich, als es Cha Thrat getan hatte.

„Conway hatte mitkommen sollen“, sagte die Kelgianerin, deren Fell sich mi?billigend krauselte. „Er hat es der Patientin versprochen, und dafur gibt es keine Ausfluchte!“

Das rosagelbe Gesicht der Pathologin Murchison wurde dunkler. An der Decke zitterten Priliclas schimmernde Flugel als Reaktion auf die unter ihm ausgestrahlten Emotionen, aber weder der Empath noch die Terrestrierin sagten ein Wort.

„Ich nehme an, da? es Conway durch die unbeabsichtigte, gefahrliche und beispiellose Geistesverschmelzung gelungen ist, die geistig-seelische Ausrichtung dieser Gogleskanerin zu durchbrechen“, unterbrach Danalta das entstandene Schweigen. „Aus diesem Grund ist er auch das einzige Wesen einer anderen Spezies, das Aussichten hat, sich der Patientin bis zumindest auf geringen Abstand zu nahern, selbst wenn er sie vor oder wahrend der Geburt wohl kaum beruhren darf. Obwohl wir viel fruher als erwartet gerufen worden sind, mu? es doch im Hospital noch viele andere geben, die fahig und willens sind, fur die paar Tage, die fur den Flug erforderlich sind, Conways Aufgaben zu ubernehmen.

Jedenfalls finde ich auch, da? Conway uns hatte begleiten sollen“, schlo? der Gestaltwandler. „Schlie?lich ist Khone seine Freundin, und er hat es ihr versprochen.“

Wahrend Danaltas Ausfuhrungen hatte Murchisons Gesicht bis auf wei?e Flecken rund um die Lippen den dunkelrosa Farbton beibehalten, und an Priliclas Zittern war deutlich abzulesen, da? die emotionale Ausstrahlung der Pathologin fur den Empathen alles andere als angenehm war.

„Ich stimme Ihnen ja grundsatzlich zu, da? niemand unentbehrlich ist, nicht einmal der leitende Diagnostiker der Chirurgie“, raumte Murchison in einem Ton ein, der das Gegenteil zu verstehen gab. „Ich will Conway auch gar nicht verteidigen, nur weil er zufallig mein Lebensgefahrte ist. Er konnte eine ganze Menge Chefarzte, die in der Lage sind, seine Arbeit zu verrichten, um Hilfe bitten. Aber das geht eben nicht innerhalb weniger Minuten oder Stunden und vor allem nicht, solange er mitten in einer Operation steckt. Au?erdem hatte allein die Einweisung in seinen Operationsplan Zeit gekostet, wenigstens noch mal zwei Stunden. Der Funkspruch der Gogleskaner hatte den Zusatz au?erst dringende. Also mu?ten wir sofort aufbrechen, auch ohne Conway.“

Вы читаете Notfall Code Blau
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату