Jetzt, wo sie Khones Aufenthaltsort genau bestimmen konnte, lenkte Naydrad die Sonde flink bis zu dem Raum, in dem sich die Gogleskanerin befand. Prilicla gesellte sich zu dem Kreis der anderen, die sich um den Repeaterschirm des Krankentransporters versammelt hatten, auf dem bereits die Sensordaten zu sehen waren.
Die Bilder zeigten das Innere eines der kleinen Untersuchungszimmer des Krankenhauses sowie die Gestalt Khones, die an der niedrigen Wand lag, die Arzt und Patient wahrend der Behandlung voneinander trennte. Auf einem kleinen Tisch befand sich eine Anzahl verschiedenster, auf Hochglanz polierter Holzinstrumente mit sehr langen Griffen, bei denen es sich offenbar um Sonden, Dehnsonden und Spatel zur nichtoperativen Untersuchung von Korperoffnungen handelte, einige Gefa?e mit einheimischen Medikamenten und — uberhaupt nicht dazu passend — der leere Rontgenscanner, den Conway zuruckgelassen hatte. Einige der Instrumente waren auf den Boden gefallen, und es hatte den Anschein, da? Khone gerade einen Patienten auf der anderen Seite der Wand untersucht hatte, als sie zusammengebrochen war. Zudem war es wahrscheinlich, da? die letzte Nachricht, die Wainright erhalten hatte, von diesem Patienten stammte.
„Freundin Khone, mein Name ist Prilicla“, sagte der Empath uber den Kommunikator der Sonde. „Sie brauchen keine Angst zu haben.“
Wainright stie? einen unubersetzbaren Laut aus, um Prilicla daran zu erinnern, da? sich Gogleskaner bis auf die gegenseitige Vorstellung am Anfang eines Gesprachs nie direkt als Personen ansprachen und schon bei dem Versuch in seelische Bedrangnis gerieten.
„Dieses Gerat wird niemandem Schmerzen oder Schaden zufugen“, fuhr Prilicla unpersonlicher fort. „Sein Zweck ist es, die Patientin ganz sanft hochzuheben und an einen Ort zu transportieren, an dem sachkundige Hilfe geleistet werden kann. Das Gerat wird jetzt damit beginnen.“
Auf dem Repeaterschirm sah Cha Thrat, wie die Sonde zwei breite, flache Leisten ausfuhr und zwischen Khones liegenden Korper und den Boden schob.
„Stopp!“
Die beiden Stimmen — Khones, die uber den Translator kam, und Priliclas, die als Reaktion auf den explosionsartigen Anstieg der emotionalen Ausstrahlung der Gogleskanerin ertonte — erschallten gemeinsam. Der zerbrechlich wirkende Korper des Empathen wurde gebeutelt, als ware er von einem heftigen Wind erfa?t.
„Entschuldigen Sie, Freundin Khone.“, begann der Cinrussker. Dann besann er sich und fuhr fort: „Das schwere Unbehagen, das der Patientin verursacht worden ist, sei aufrichtig entschuldigt. In Zukunft wird man sich um noch gro?ere Sanftheit bemuhen. Aber ist die zu behandelnde Arztin vielleicht imstande, Angaben uber die genaue Stelle und die moglichen Ursachen der Schmerzen zu machen?“
„Ja und nein“, antwortete Khone mit schwacher Stimme. Da Prilicla nicht mehr zitterte, mu?ten ihre Beschwerden nachgelassen haben. „Die Schmerzen sitzen im Bereich des Gebarmutterhalses“, fuhr sie fort. „Die unteren Gliedma?en haben den Dienst versagt und leiden unter eingeschranktem Gefuhlsvermogen, und die oberen Glieder und der mittlere Korperbereich sind in gleicher Weise, aber nicht so deutlich betroffen. Die Herztatigkeit ist beschleunigt und die Atmung schwierig. Es wird angenommen, da? der Geburtsvorgang begonnen hatte und unterbrochen worden ist, aber der Grund dafur ist unbekannt, da der Scanner seit einiger Zeit nicht mehr funktioniert und Zweifel bestehen, ob die Finger der Patientin zum Austausch der Energiezelle noch geschickt genug sind.“
„Die Sonde enthalt einen eigenen Scanner und sendet die optischen und klinischen Befunde zu den Arzten drau?en vor dem Haus“, beruhigte Prilicla sie. „Sie wird au?erdem die Energiezelle in dem anderen Scanner austauschen, damit die Patientin den Arzten drau?en mit den eigenen gogleskanischen Beobachtungen und Fachkenntnissen helfen kann.“
Der Empath begann wieder zu zittern, aber Cha Thrat hatte den Eindruck, das Zittern entsprang eher seiner Sorge um die Patientin, als da? es durch die zuruckkehrenden Schmerzen Khones hervorgerufen wurde.
„Jetzt wird der Scanner aktiviert“, fuhr Prilicla fort. „Er wird ganz dicht an die Patientin herankommen, sie aber nicht beruhren.“
„Danke“, entgegnete Khone.
Wahrend sie die immer ausfuhrlicheren Ergebnisse der Abtastung von Khones Beckenbereich verfolgte, nahm Cha Thrats Verargerung uber ihre mangelnden physiologischen Kenntnisse von der gogleskanischen Spezies immer mehr zu. Da machte es nur wenig Unterschied, da? auch Prilicla, Murchison und Naydrad auf diesem Gebiet nur wenig beschlagener waren als sie. Das einzige Lebewesen, das jetzt noch imstande war, Khone zu helfen, befand sich viele Lichtjahre entfernt im Orbit Hospital, aber hochstwahrscheinlich hatte nicht einmal die Anwesenheit von Diagnostiker Conway dieses Problem aus der Welt geschafft.
„Die Patientin kann selbst sehen, da? der Fotus gro? ist und nicht richtig zum Gebarmutterhals liegt“, sagte Prilicla freundlich. „Zudem druckt er gegen die Hauptnervenstrange und hemmt die Blutzufuhr zu den Muskeln in diesem Bereich und macht es dadurch unmoglich, in seiner gegenwartigen Lage herausgepre?t zu werden. Wurde sich die Patientin der Meinung anschlie?en, da? die Geburt nicht ohne einen sofortigen operativen Eingriff vonstatten gehen kann?“
„Nein! Sie durfen mich nicht beruhren!“ wehrte Khone vehement ab und verga? dabei ganz, unpersonlich zu bleiben.
„Aber wir sind doch Ihre.“, begann Prilicla, zogerte einen Augenblick lang und fuhr dann korrekt fort: „Hier sind nur Freunde, die der Patientin helfen wollen und die die damit zusammenhangenden psychologischen Probleme verstehen. Falls notig, kann die Sonde angewiesen werden, Betaubungsmittel zu verabreichen, damit die Patientin das Bewu?tsein verliert und nicht merkt, da? sie wahrend der Operation beruhrt wird.“
„Nein!“ widersprach Khone erneut. „Bei der Geburt und eine kurze Zeit danach mu? die Patientin bei Bewu?tsein sein. Es gibt gewisse Dinge, die Eltern fur ihre Neugeborenen zu tun haben. Kann nicht die Maschine instruiert werden, die Operation vorzunehmen? Vor der Beruhrung durch die Maschine wurde sich die Patientin sehr viel weniger furchten als vor der Beruhrung durch einen Au?erplanetarier.“
Prilicla zitterte durch die emotionale Anspannung, die fur eine abschlagige Antwort erforderlich war, erneut. „Das geht leider nicht. Die ferngesteuerten Greifer arbeiten fur solch ein heikles Verfahren zu ungenau, beziehungsweise sprechen sie nicht leicht genug an. Falls die Bemerkung erlaubt ist, die Patientin befindet sich in stark geschwachtem Zustand und wird in Kurze vielleicht auch ohne die Hilfe von Medikamenten das Bewu?tsein verlieren.“
Khone schwieg einen Moment lang und erwiderte dann mit verzweifeltem Unterton in der Stimme: „Dem Bewu?tsein der Patientin ist klar, da? die au?erplanetarischen Arzte ihr mit Freundschaft und Besorgnis begegnen. Aber unterbewu?t, in den dunkleren, nicht denkenden Winkeln ihres Verstands, wurde die unmittelbare Nahe einer dieser optisch grauenhaften Kreaturen eine direkte und todliche Bedrohung darstellen, die zwangslaufig zu einem Ruf nach Zusammenschlu? fuhren wurde.“
„Diesen Ruf wurde aber niemand horen“, entgegnete Prilicla und erlauterte die Wirkung der Klangverfalscher. Doch Khones Antwort brachte den Empathen erneut zum Zittern.
„Der Ruf nach Zusammenschlu? setzt einen Zustand au?erster seelischer Bedrangnis voraus, dem eine starke, unkontrollierte korperliche Verausgabung folgt“, erklarte sie. „Die Auswirkungen auf die Patientin und den Fotus konnten zum Tod fuhren.“
„Die Zeit drangt und der Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide“, sagte Prilicla schnell. „Man mu? Risiken eingehen. Die Sonde kann nicht nur Bilder ubermitteln, sondern auch empfangen und wird gleich die au?erplanetarischen Freunde zeigen. Kann sich die Patientin bitte daraus das fur sie am wenigsten schreckliche Wesen aussuchen, das dann versuchen wird, ihr zu helfen?“
Wahrend die Kamera des Krankentransporters einen Schwenk machte, um alle Anwesenden der Reihe nach vor die Linse zu bekommen, meldete sich erneut Khone: „Die Terrestrier sind vertraute und treue Freunde, genau wie der Cinrussker und die Kelgianerin, die bei dem fruheren Besuch auf Goglesk gesehen worden sind, aber sie alle wurden blinde, instinktive Angst hervorrufen, wenn sie zu nahe kamen. Die ubrigen zwei Wesen lassen sich weder im Gedachtnis der Patientin noch in den Erinnerungen des Terrestriers Conway aufspuren. Sind die beiden Arzte?“
Bei der Antwort schwang eine Spur Erleichterung in der Stimme des Empathen mit. „Beide sind erst vor kurzem im Hospital eingetroffen und waren Conway zur Zeit seines ersten Besuchs noch nicht bekannt. Das kleine, kugelformige Wesen ist Danalta, der die Fahigkeit besitzt, jede gewunschte korperliche Gestalt anzunehmen; auf Wunsch auch die einer Gogleskanerin, und alle Gliedma?en oder Sinnesorgane auszustulpen, die fur die Behebung oder Linderung einer organischen Funktionsstorung' notig sind. Er wird unter der Leitung des Chefarztes operieren
