Greifer der Sonde, die von Naydrad mit gro?er Genauigkeit gesteuert wurden, die Schutzkappen fur die Stacheln herausholen konnten.
Diese Kappen waren dafur vorgesehen, die nadelspitzen Stacheln zu bedecken und gleichzeitig das Gift herauszusaugen. Waren sie erst einmal ubergestulpt, setzten sie ein Haftmittel frei, das einen festen Sitz garantierte, bis sich Khone im Orbit Hospital befand. Naturlich war diese Eigenschaft der Kappen der Patientin gegenuber nicht erwahnt worden. Aber mit den Klangverfalschern, die jeden Ruf nach Zusammenschlu? fur die ubrigen Stadtbewohner unhorbar machten, und den entscharften Stacheln wurde die Gogleskanerin nicht mehr in der Lage sein, den direkten Korperkontakt mit einem dieser entsetzlichen Au?erplanetarier selbstandig zu verhindern.
Angesichts des sich rapide verschlechternden Krankheitsbilds war es um so besser, je fruher das geschah.
Doch Khone war nicht dumm und hatte wahrscheinlich schon begriffen, was passieren wurde. Das ware zumindest eine Erklarung fur ihre zunehmende Unruhe, als erst zwei, und schlie?lich drei der vier Kappen auf ihren Stacheln angebracht waren. Mit letzter Kraft warf sie jetzt den Kopf von einer Seite zur anderen und verhinderte dadurch absichtlich das Uberstulpen der letzten Kappe, und Cha Thrat gab sich alle Muhe, Khones Gedanken schnell auf etwas anderes zu lenken.
„Wie man deutlich auf den Displays des Scanners und der Biosensoren sehen kann, liegt der Fotus quer zum Gebarmutterhals und kann sich nicht aus dieser Lage befreien“, sagte Cha Thrat, wiederum ohne jemanden direkt anzusprechen. „Dabei druckt er auf wichtige Blutgefa?e und Nervenverbindungen, die zum mittleren und unteren Teil des Korpers der Mutter fuhren, was dort den Verlust der Muskelfunktionen und eine Beeintrachtigung des Gefuhls verursacht und zum Absterben der betreffenden Bereiche fuhren wird, wenn man keine Abhilfe schafft. Daruber hinaus wird auch die Nabelschnur immer mehr zusammengeschnurt, da die unwillkurlichen Muskeln weiterhin versuchen, den Fotus herauszudrucken. Der Herzschlag des Fotus ist schwach, schnell und unregelma?ig, und die Lebensfunktionen der Mutter sind ebenfalls stark beeintrachtigt. Kann die Patientin irgendeinen Vorschlag oder eine Anmerkung zu diesem Fall machen?“
Khone antwortete nicht.
Einzig Prilicla mu?te wissen, wie sehr Cha Thrats kuhler, unpersonlicher Ton ihren wahren Gefuhlen fur das unglaublich tapfere kleine Geschopf widersprach, das wie ein umgefallenes Heumandl so dicht vor ihr lag, ihr aber gleichzeitig zu weit in die unstofflichen Tiefen des Bewu?tseins entruckt war, um ihr helfen zu konnen. Dennoch ahnelten sie sich jetzt in vielerlei Hinsicht, wie Cha Thrat meinte. Beide waren sie Risiken eingegangen, zu denen kein anderes Mitglied ihrer Spezies bereit gewesen ware: Sie selbst hatte eine au?erplanetarische Lebensform behandelt, der sie nie zuvor begegnet war, und Khone hatte sich freiwillig fur eine Behandlung durch Au?erplanetarier angeboten. Doch Khone war von ihnen beiden die tapferere und trug das gro?ere Risiko.
„Ist dieser Zustand bei schwangeren Gogleskanerinnen selten oder normal?“ fragte sie ruhig. „Und wie wird in solchen Fallen gewohnlich vorgegangen?“
Als Khone antwortete, war ihre Stimme so schwach, da? man sie kaum horen konnte. „Dieser Zustand tritt nicht selten auf Die normale Vorgehensweise besteht in solchen Fallen darin, starke Dosen Medikamente zu verabreichen, die es der Patientin und dem Fotus ermoglichen, unter geringstmoglichen Schmerzen zu sterben.“
Cha Thrat wu?te nicht, was sie sagen oder tun sollte.
In der Stille, die in Khones Zimmer herrschte, wurde ihr der Larm von au?en immer starker bewu?t: das ununterbrochene Pfeifen und Zischen der Klangverfalscher; Naydrads Stimme, die sie uber Priliclas Anzugfank horte und die gerade uber das Problem lamentierte, wie schwierig es sei, die letzte Kappe uber die Stachel einer sich wehrenden Patientin zu stulpen; und leiser Murchison, Danalta und Prilicla selbst, die vollig unterschiedliche Ma?nahmen vorschlugen und im selben Augenblick wieder verwarfen.
„Die Stimmen des medizinischen Teams sind nur sehr schwer zu verstehen“, meldete sich Cha Thrat besorgt. „Ist schon eine Entscheidung gefallen? Wie lauten jetzt die Anweisungen?“
Plotzlich waren die Stimmen lauter und uberaus deutlicher zu horen, weil sie sowohl aus dem Lautsprecher der Sonde als auch aus Cha Thrats Kopfhorer kamen. Naydrad, die sich ganz auf die ferngesteuerten Greifer der Sonde konzentrierte, wahrend sie die letzte Schutzkappe uberzustulpen versuchte, mu?te zu dem Schlu? gekommen sein, da? die Sommaradvanerin die anderen lauter horen wollte, und hatte auf ihre Au?erung ohne nachzudenken reagiert.
Man unterhielt sich vollkommen sorglos.
Prilicla sprach in gefa?tem und beruhigendem Ton und war sich, wie Cha Thrat feststellte, offensichtlich nicht bewu?t, da? nicht nur sie selbst ihn horte, sondern auch Khone. Zudem hinderte die starke und gegensatzliche emotionale Ausstrahlung der Teammitglieder, von denen er dicht umgeben war, den Empathen daran, die plotzlich bei Cha Thrat ausbrechende Angst und Verwirrung wahrzunehmen.
„Cha Thrat, es hat eine langere Auseinandersetzung uber die Frage, wer die Operation durchfuhren soll, gegeben, die jetzt zu Ihren Gunsten entschieden worden ist“, sagte Prilicla. „Freundin Khone mu? dringend operiert werden, aber ihr Zustand hat sich so weit verschlechtert, da? man nicht mehr das Risiko eingehen kann, sie zur Operation aus dem Haus zu schaffen. Sie haben keine andere Wahl, als.“
„Nein!“ protestierte Cha Thrat in eindringlichem Ton. „Horen Sie bitte auf zu reden!“
„Keine Sorge, Cha Thrat“, fuhr der Empath fort, der den wahren Grund fur den Einwand nicht kannte. „Uber Ihre Fachkompetenz besteht kein Zweifel, und Pathologin Murchison und ich haben uns Conways Aufzeichnungen zur FOKT-Lebensform, wie Sie selbst ja auch, genau angesehen. Sie werden von uns zu jeder neuen Phase des Verfahrens die notigen Anleitungen erhalten, und wir ubernehmen durchweg die volle Verantwortung.
Um die Beschwerden der Patientin zu lindern, ist ein sofortiger operativer Eingriff vonnoten. Sobald die Schutzkappe auf dem letzten Stachel sitzt, werden Sie den Gebarmutterhals vergro?ern, indem Sie mit dem Skalpell Nummer acht einen Schnitt vom Becken hinauf bis zum. Was ist jetzt los?“
Eine Erklarung erubrigte sich, da Prilicla in der Zeit, die er zum Stellen seiner Frage benotigte, bereits die Antwort kannte. Khone, die einer umfangreichen, uberfallartigen Operation entgegensah, hatte instinktiv mit dem Aussto? des Rufs nach Zusammenschlu? reagiert und versuchte nun, das einzige fremde, und dadurch bedrohliche Wesen in ihrer Reichweite mit dem noch nicht entscharften Stachel zu erstechen. Da ihre Beine vollstandig gelahmt waren, warf sie sich wild von einer Seite auf die andere und zog sich mit den Fingerbuscheln auf Cha Thrat zu.
Der lange gelbe Stachel, auf dem keine Kappe sa? und dessen Spitze bereits winzige Gifttropfen absonderte, schwang hin und her und kam ruckweise immer naher. Verzweifelt schob sich Cha Thrat mit den Vorderfu?en und den Mittelgliedma?en zuruck, sprang auf die Gogleskanerin zu und ergriff den Stachel mit dreien ihrer oberen Hande am unteren Teil.
„Horen Sie auf!“ brullte sie uber die immense Lautstarke des Rufs hinweg. „Horen Sie sofort auf, sich zu bewegen, sonst verletzen Sie sich selbst und Ihr Kind!“ rief sie und verga? dabei vollig, sich unpersonlich auszudrucken. „Ich bin Ihre Freundin, ich will Ihnen helfen. Naydrad, stecken Sie die Kappe drauf! Schnell!“
„Dann halten Sie doch den Stachel still!“ raunzte die Kelgianerin sie an, wahrend sie den Greifarm der Sonde uber Khones zuckenden Kopf schwenkte. „Halten Sie ihn ganz still!“
Aber das war leichter gesagt als getan. Cha Thrats obere, auf Halshohe sitzende Arme hatten sich mit ihren Handen und Fingern fur feinere Tatigkeiten entwickelt, bei denen es auf Genauigkeit ankam, und verfugten deshalb nicht uber die kraftige Muskulatur der mittleren Gliedma?en. Um dennoch den Stachel einigerma?en festzuhalten, hatte sie sich der Gogleskanerin so weit nahern mussen, da? sich ihre Kopfe beinahe beruhrten. Verzweifelt nahm Cha Thrat all ihre Krafte zusammen, um den Druck des lachhaft schwachen Griffs um den Stachel zu verstarken, und ein pochender Schmerz zog bis in den Nacken und die obere Brust. Sie wu?te, wenn ihre Finger abrutschten, wurde sich der Stachel sofort in ihre Schadeldecke bohren.
Das medizinische Team wurde wahrscheinlich schnell genug zu ihr vordringen, um ihr Leben zu retten, aber nicht das von Khone und dem Fotus, wegen denen man letztendlich hierhergekommen war. Sie fragte sich, wie Murchison, die Lebensgefahrtin des Diagnostikers, Prilicla, der seit langem sein Freund war, und sie selbst Conway mit der Nachricht von Khones Tod ins Auge sehen konnten, als Naydrad plotzlich „Geschafft!“ schrie.
Der letzte Stachel war abgedeckt. Cha Thrat konnte sich zwar einen Augenblick lang entspannen, nicht aber Khone, die sich nach wie vor auf dem Boden wand und sich hin- und herrollte und erfolglos mit allen vier von Kappen uberzogenen Stacheln auf Cha Thrat einstach. In unmittelbarer Nahe klang ihr Notruf wie ein Sturm, der durch ein verfallenes Haus heulte und pfiff.
