„Wenigstens funktionieren die Klangverfalscher“, bemerkte Wainright und fugte warnend hinzu: „Aber beeilen Sie sich, die halten nicht mehr lange durch!“

Cha Thrat beachtete den Terrestrier nicht, packte mit den mittleren und oberen Handen ganze Haarbuschel der Gogleskanerin und versuchte vergeblich, sie festzuhalten. „Horen Sie auf, sich zu wehren“, bat sie flehentlich. „Sie vergeuden nur das bi?chen Kraft, das Sie noch haben. Sie werden sterben und Ihr Kind auch. Bitte, liegen Sie still! Ich bin doch keine Feindin, ich bin Ihre Freundin!“

Der Ruf nach Zusammenschlu? heulte zwar mit unverminderter Lautstarke weiter, so da? sich Cha Thrat fragte, wie solch ein kleines Geschopf einen derartigen Larm veranstalten konnte, aber Khones Bewegungen wurden schon deutlich weniger heftig. War das blo? ein Zeichen fur korperliche Erschopfung, oder drang sie allmahlich zu der Gogleskanerin durch? Dann sah sie, wie sich die langen, blassen Fuhler aus dem Schutz unter dem Haupthaar entrollten und sich schnurgerade aufrichteten. Zwei von ihnen sanken langsam nach unten und legten sich uber Cha Thrats Scheitel, und auf einmal hatte sie am liebsten laut geschrien.

Khones Freundin zu sein war unendlich viel schlimmer als ihre Feindin.

14. Kapitel

Cha Thrat spurte eine nie gekannte Angst — die plotzliche, uberwaltigende und sinnlose Furcht vor allem und jedem, der oder das nicht eng mit ihr zur Verteidigung als Gruppe verbunden war — und empfand gleichzeitig eine furchtbare, blinde Wut, die diese Angst etwas abschwachte. Vergangenes, gegenwartiges und zukunftiges Leid tauchte vor ihrem geistigen Auge auf. Mit diesen schrecklichen Erinnerungen ging ein entsetzlicher und verworrener Alptraum all der gra?lichen und schmerzhaften Dinge einher, die ihr jemals zugesto?en waren — auf Sommaradva und Goglesk und im Orbit Hospital. Viele Komponenten dieses Alptraums waren ihr vollkommen fremd; beispielsweise der panische Schrecken beim Anblick von Prilicla, was geradezu lacherlich war, und das Gefuhl des Verlusts beim Abschied des Gogleskaners, der das Kind, das sie trug, gezeugt hatte. Aber dafur hatte sie jetzt keine Angst mehr vor dieser Au?erplanetarierin, die ihr zu helfen versuchte, auch wenn sie eher wie eine zum Leben erweckte gogleskanische Riesenpuppe aussah.

Selbst bei dem heillosen Durcheinander aus Angst, Schmerz und vollig fremdartigen Erlebnissen, die ihr Denkvermogen beeintrachtigten, lief alles auf den einen zwingenden Schlu? hinaus: Khone war in ihre Gedanken eingedrungen.

Jetzt wu?te sie, wie es war, eine Gogleskanerin zu sein. In diesem Moment fiel die Wahl leicht: Freunde und Feinde — alles und jeder, der oder das nicht zur Gruppe gehorte — wurde angegriffen und zerstort. Sie wollte alles im Raum kurz und klein schlagen — Mobel, Instrumente, Dekorationsgegenstande — und dann die dunnen Wande einrei?en, und sie wollte Khone mit sich herumschleppen, damit sie ihr dabei helfen konnte. Verzweifelt versuchte sie, die blinde und vollkommen fremdartige Wut, die sich in ihr aufstaute, niederzukampfen.

Inmitten des Sturms gogleskanischer Gefuhle gewann einen Augenblick lang ein winziger Teil ihres eigenen Verstands die Oberhand und bemerkte, da? der feste Griff, mit dem sie nach wie vor Khones Haare gepackt hatte, dem Unterbewu?tsein der Gogleskanerin vorgetauscht haben mu?te, die Sommaradvanerin habe sich mit ihr zusammengeschlossen und sei deshalb eine Freundin, die der geistigen Verschmelzung wert sei.

Ich bin Cha Thrat, hielt sie sich grimmig vor Augen, einst eine sommaradvanische Chirurgin fur Krieger und jetzt eine auszubildende Wartungstechnikerin am Orbit Hospital. Ich bin nicht Khone von Goglesk und nicht zum Zusammenschlu? und zur Zerstorung hierhergekommen…

Aber das hier war bereits ein Zusammenschlu?, und Erinnerungen an einen gro?eren, zerstorerischeren Zusammenschlu? drangten sich ihr auf.

Sie schien auf einem Landfahrzeug zu stehen, das auf einer Anhohe mit Blick uber die Stadt angehalten hatte, und beobachtete den gerade stattfindenden Zusammenschlu?. Der Terrestrier Wainright stand neben ihr und warnte sie, da? die Gogleskaner gefahrlich nahe seien, sie alle lieber verschwinden sollten und man sowieso nichts tun konnte. Aus irgendeinem merkwurdigen Grund nannte er sie, wahrend er das sagte, hin und wieder „Doktor“, ofter aber „Sir“. Sie fuhlte sich abscheulich, weil sie wu?te, da? der Zusammenschlu? ihre Schuld war und nur deshalb passierte, weil sie dem Opfer eines Betriebsunfalls zu helfen versucht und es dabei beruhrt hatte. Unter sich konnte sie deutlich sehen, wie sich Khone mit den ubrigen Gogleskanern verband, ohne den Grund dafur verstehen zu konnen, und gleichzeitig war sie selbst Khone und kannte den Grund.

Von nahegelegenen Gebauden, vertauten Schiffen und aus umliegenden Holzhausern eilten einzelne Gogleskaner zum Zusammenschlu? herbei, und das Gruppenwesen wurde zu einem riesigen, beweglichen, stechenden Teppich, der um gro?ere Bauwerke herumkroch und kleinere verschlang, als ob er nicht wu?te oder es ihm egal war, was er tat. Hinter sich lie? er eine Spur der Verwustung aus zerstorten Maschinen, Fahrzeugen, toten Tieren und einem versenkten Schiff zuruck. Das Gruppenwesen bewegte sich landeinwarts, um seine selbstzerstorerische Verteidigung gegen einen prahistorischen Feind fortzusetzen.

Trotz der furchtbaren Angst vor diesem nicht existierenden Feind, die Khones Gedanken bestimmte und die jetzt auch die der Sommaradvanerin waren, versuchte sich Cha Thrat zu zwingen, logisch uber das nachzudenken, was mit ihr geschehen war. Sie dachte an den Zauberer O'Mara und seine Worte, da? die Schulungsbander nichts fur sie waren, und erinnerte sich an die von ihm angefuhrten Grunde. Jetzt wu?te sie, wie es war, das eigene Gehirn mit einem vollkommen fremden Wesen zu teilen, und sie fragte sich, ob ihre geistige Gesundheit in Mitleidenschaft gezogen werden wurde. Vielleicht machte die Tatsache, da? Khone, wie sie selbst, ein weibliches Wesen war, einen Unterschied.

Doch kam es Cha Thrat immer deutlicher zu Bewu?tsein, da? es nicht nur Khones Gedanken und Erinnerungen waren, mit denen sie zu kampfen hatte. Die Erinnerung an die Aussicht vom Dach des Fahrzeugs stammte weder aus dem Gehirn der Gogleskanerin noch aus ihrem eigenen. Sie besa? Erinnerungen an das Ambulanzschiff und an Leistungen des medizinischen Teams, die eindeutig nicht ihre eigenen waren, und entsann sich deutlich einiger schrecklicher und anderer angenehmer Vorfalle im Orbit Hospital, die vollkommen au?erhalb ihrer Erfahrung lagen. Hatte O'Mara recht gehabt? Brachte sie tatsachliche Erinnerungen und Hirngespinste durcheinander, und war sie nicht mehr bei Verstand?

Da? sie verruckt war, glaubte sie allerdings nicht. Wahnsinn galt als Flucht aus einer zu schmerzhaften Realitat in einen ertraglicheren Zustand. Doch dazu empfand sie jetzt zu viele Schmerzen, und die Erinnerungen oder Wahnvorstellungen waren auf zu qualvolle Weise lebendig. Und in einer davon stand Lieutenant Wainright neben ihr, war genauso gro? wie sie und nannte sie „Sir“.

Mit einem plotzlichen Schauer aus Angst und Erstaunen begriff sie, was geschehen war: Ihr Geist war jetzt mit Khones verschmolzen, und Khone hatte ihren fruher schon einmal mit jemand anderem vereinigt gehabt.

Mit Conway!

Schon seit einiger Zeit war sich Cha Thrat Priliclas Stimme im Kopfhorer bewu?t, aber seine Worte waren fur ihr uberfordertes Gehirn nur Laute ohne Bedeutung gewesen. Jetzt fuhlte sie sich ganz von der Warme, der Zuneigung und der beruhigenden Ausstrahlung des Empathen umhullt, und die Schmerzen und die Verwirrung legten sich ein wenig, so da? der Inhalt seine Wort bis zu ihr durchdrang.

„Cha Thrat, meine Freundin, bitte antworten Sie endlich. Sie halten sich jetzt schon mehrere Minuten lang an den Haaren der Patientin fest und antworten uns nicht. Ich bin direkt uber Ihnen auf dem Dach, und Ihre emotionale Ausstrahlung macht mir Sorgen. Bitte, sagen Sie uns endlich, was los ist. Sind Sie gestochen worden?“

„N-nein… i-ich habe keine Verletzungen“, antwortete sie mit zittriger Stimme. „Ich bin sehr verwirrt und habe Angst, und die Patientin ist.“

„Ich kann Ihre Gefuhle spuren, Cha Thrat“, unterbrach sie Prilicla sanft, „aber nicht die Beweggrunde. Es gibt nichts, dessen Sie sich schamen mu?ten, Sie haben bereits sehr viel mehr geleistet, als man berechtigterweise von Ihnen erwarten konnte, und es war nicht fair von uns, da? wir es zugelassen haben, Sie als Freiwillige fur dieses Unternehmen einzusetzen. Wir laufen Gefahr, die Patientin zu verlieren. Bitte kommen Sie heraus und lassen Sie mich die Operation durchfuhren.“

„Nein!“ widersprach Cha Thrat heftig und sie spurte, wie Khones Korper unter ihren Handen zuckte. Die langen, silbrigen Fuhler, die organischen Leiter fur die einzigartige gogleskanische Form der telepathischen Verbindung, lagen nach wie vor auf ihrem Kopf, und alles, was Cha Thrat fuhlte, horte oder dachte, wu?te Khone sofort; und der Gogleskanerin gefiel die Vorstellung eines Alienungeheuers, das sie operierte, sowohl aus

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