war. Wie ich gehort hatte, reisten die Terrestrier uberall zwischen unseren Hauptstadten herum und benutzten dabei haufig unsere Luftverkehrsmittel, wahrscheinlich, um auf diese Weise Erkenntnisse uber unseren technologischen Stand zu sammeln. Jedenfalls habe ich eine Nachricht in die nachste Stadt geschickt, in der Hoffnung, man wurde sie an die Terrestrier weiterleiten, allerdings war es unwahrscheinlich, da? sie noch rechtzeitig eintreffen konnte. Die Gegend ist namlich sehr abgeschieden, stark bewaldet und nur au?erst dunn besiedelt. Die Moglichkeiten waren also begrenzt, und die Zeit war knapp.“

„Ich verstehe“, sagte Edanelt. „Aber jetzt beschreiben Sie uns bitte Ihre Vorgehensweise.“

Wahrend sie sich zuruckerinnerte, sah Cha Thrat erneut das Gewirr von Narben und die dunklen, durch Quetschungen hervorgerufenen Blutergusse vor sich, die sich noch nicht aufgelost hatten.

„Zum Zeitpunkt der Behandlung war mir nicht bekannt, da? einheimische Krankheitserreger auf Lebensformen von anderen Planeten keinen Einflu? haben, deshalb schien mir ernste Infektionsgefahr zu bestehen. Au?erdem bin ich davon ausgegangen, da? sommaradvanische Medikamente und Narkotika wirkungslos, wenn nicht sogar todlich sein konnten. Das einzig angezeigte Vorgehen bestand also darin, die Wunden, insbesondere diejenigen, die durch die Frakturen verursacht worden waren, grundlich mit destilliertem Wasser auszuspulen. Beim Richten der Bruche waren an den entsprechenden Stellen zudem einige kleinere Eingriffe an geschadigten Blutgefa?en erforderlich. Die Schnittwunden wurden genaht und verbunden und die gebrochenen Gliedma?en ruhiggestellt. Die Behandlung ist sehr schnell durchgefuhrt worden, da der Patient bei Bewu?tsein war und.“

„Allerdings nicht lange“, warf Chiang leise ein. „Ich bin namlich ohnmachtig geworden.“

„… und der Puls schwach und unregelma?ig zu sein schien, obwohl ich die fur Terrestrier normalen Werte naturlich nicht kannte“, fuhr Cha Thrat fort. „Die einzigen Mittel, die mir zur Bekampfung des Schocks und der Folgen des Blutverlusts zur Verfugung standen, waren die au?erliche Erwarmung, die ich durch brennendes Holz im Windschatten des Patienten erzielt habe, um das Operationsfeld nicht durch Rauch und Asche zu infizieren, sowie durch reines Wasser, das ich intravenos verabreichte, nachdem der Patient das Bewu?tsein verloren hatte. Ich war mir nicht sicher, ob unsere Salzlosung heilsam oder giftig sein wurde. Mittlerweile ist mir klar, da? ich ubervorsichtig gewesen bin, aber ich wollte nicht den Verlust einer Gliedma?e riskieren.“

„Naturlich. aber schildern Sie uns doch bitte jetzt Ihre postoperative Behandlungsmethode“, forderte Edanelt sie auf.

„Der Patient kam spat abends wieder zu Bewu?tsein“, fuhr Cha Thrat fort. „Geistig und sprachlich machte er einen klaren Eindruck, obwohl ich die genaue Bedeutung einiger Worte nicht verstand, da sie sich auf das Schicksal des defekten Flugzeugs und von mir selbst bezogen und die gesamte aktuelle Situation mit einer ausgesprochen unangenehmen Hypothese uber ein Leben nach dem Tod vermengten. Weil sich die einheimischen Pflanzen wahrscheinlich als schadlich erwiesen hatten, konnte der Patient nur mit oral zugefuhrtem Wasser versorgt werden. Er klagte uber starke Beschwerden an den verletzten Stellen. Die Verabreichung sommaradvanischer Schmerzmittel war aber nicht moglich, da sie sich womoglich als giftig herausgestellt hatten, so da? der Verletzte nur durch beruhigendes und ermunterndes Zureden behandelt werden konnte.“

„Drei volle Tage hat sie ununterbrochen auf mich eingeredet“, erganzte Chiang. „Sie hat mir Fragen uber meine Arbeit gestellt und was ich nach der Ruckkehr in den aktiven Dienst machen wurde, als fur mich schon so gut wie feststand, den Heimweg in einer langlichen Kiste antreten zu mussen. Manchmal hat sie so viel geredet, da? ich einfach eingeschlafen bin.“

An Priliclas Gliedma?en war ein leichtes Zittern wahrzunehmen, und Cha Thrat fragte sich, ob der Cinrussker so feinfuhlig war, da? er sogar die schmerzhaften Erinnerungen des Terrestriers mitempfand.

„Aufgrund mehrerer dringender Bitten trafen schlie?lich funf Mitglieder der Spezies des Patienten ein, unter denen auch ein Heiler war, die geeignete Nahrungsmittel und Medikamente mitbrachten“, setzte sie den Bericht fort. „Danach schritt die Genesung rasch voran. Der terrestrische Heiler gab mir Ratschlage zur Ernahrung und zur Dosierung der Medikamente, und es stand ihm jederzeit frei, den Patienten zu untersuchen, aber weitere operative Eingriffe wollte ich keinesfalls zulassen. Dazu sollte ich vielleicht erklaren, da? auf Sommaradva kein Chirurg die personliche Verantwortung fur einen Patienten mit jemand anderem teilt oder gar versucht, sich ihr auf irgendeine andere Weise zu entziehen. Dabei ist mein Standpunkt heftig kritisiert worden, sowohl in personlicher als auch in fachlicher Hinsicht, und zwar besonders von dem terrestrischen Heiler. Ich habe mich geweigert, dem Transport des Patienten auf das terrestrische Schiff vor Ablauf von achtzehn Tagen nach der Operation zuzustimmen, weil ich erst dann davon uberzeugt sein konnte, da? eine vollstandige Genesung gewahrleistet war.“

„Sie hat wie eine Glucke uber mich gewacht“, fugte Chiang mit einem gedampften Bellen hinzu.

Es trat ein — zumindest nach Cha Thrats Eindruck — sehr langes Schweigen ein, wahrend dessen alle Augen auf den Melfaner gerichtet waren, der seinerseits den Patienten betrachtete. Er klopfte mit einem seiner harten Beinenden auf den Boden, aber diesmal horte sich das dadurch hervorgerufene Gerausch eher nachdenklich als ungeduldig an.

Schlie?lich sagte Edanelt: „Ohne den sofortigen chirurgischen Eingriff waren Sie Ihren Verletzungen zweifellos erlegen, Major. Sie hatten wirklich riesiges Gluck. Schlie?lich sind sie von einem Lebewesen versorgt und behandelt worden, dem Ihre physiologische Klassifikation vollkommen unbekannt war. Genauso ein Gluck war es, da? das betreffende Wesen nicht nur sehr viel Geschick und Einfallsreichtum an den Tag gelegt hat, als es sich um Ihre Nachbehandlung kummerte, sondern auch den richtigen Gebrauch von den ihm zur Verfugung stehenden begrenzten Moglichkeiten gemacht hat. Ich kann an der hier geleisteten chirurgischen Arbeit keinen ernsthaften Fehler entdecken. Mit dem Patienten vergeuden wir tatsachlich nur unsere Zeit.“

Auf einmal richteten sich alle Augen auf Cha Thrat, doch es war der Empath, der als erster das Wort ergriff.

„Sie konnen wirklich stolz sein, Cha Thrat. Aus Edanelts Mund ist das ein echtes Lob“, versicherte er.

3. Kapitel

Das Privatburo des Terrestriers O'Mara war zwar geraumig, aber das Zimmer war durch eine, Menge verschiedenster Stuhle, Banke, Ruhesessel und Sitzgestelle, die allesamt fur Wesen konstruiert worden waren, die mit dem Chefpsychologen zu tun hatten, vollig uberfullt. Chiang nahm in dem angebotenen Stuhl fur Terrestrier Platz, und Cha Thrat wahlte einen niedrigen, gewundenen Korbsessel, der nicht ganz so unbequem wie die anderen Mobel wirkte, und setzte sich.

Gleich auf den ersten Blick erkannte sie, da? O'Mara ein alterer Terrestrier war. Das kurze, borstige Fell, das den Kopf oben und an den Seiten bedeckte, und die beiden buschigen Mondsicheln uber den Augen wiesen die grauliche Farbung unlackierten Metalls auf. Die anderen alten Terrestrier, die ihr bislang zu Augen gekommen waren, hatten allerdings an den Schultern, den oberen Gliedma?en und Handen eine sehr viel weniger ausgepragte Muskulatur als dieser O'Mara gehabt. Auch seine geschmeidigen, fleischigen Augendeckel, die einen ahnlichen Farbton wie sein Haar aufwiesen, ermudeten kein einziges Mal, wahrend er jede Einzelheit ihres Korpers musterte.

„Sie sind hier bei uns eine Fremde, Cha Thrat“, scho? er plotzlich los. „Ich bin hier, um Ihnen zu helfen, sich im Orbit Hospital weniger fremd zu fuhlen, um Ihnen Fragen zu beantworten, die Sie anderen noch nicht stellen konnten oder wollten, und um zu sehen, wie man Ihre bisher erlangten Fahigkeiten schulen und erweitern kann, damit das Hospital diese in der bestmoglichen Weise einzusetzen vermag.“

Dann wandte er sich an Chiang. „Ich hatte eigentlich vor, mich mit Ihnen gesondert zu unterhalten, aber offensichtlich mochten sie aus irgendwelchen unerfindlichen Grunden bei meinem ersten Gesprach mit Cha Thrat dabeisein. Kann das daran liegen, da? Sie einige der Dinge, die sich das Krankenhauspersonal uber mich erzahlt, aufgeschnappt haben und womoglich auch noch glauben? Haben Sie die Illusion, Sie waren ein Kavalier und Cha Thrat, obwohl sie zu einer anderen physiologischen Klassifikation gehort, eine Dame, die zwar nicht direkt in Not steckt, aber doch eine Freundin ist, die Ihre moralische Unterstutzung benotigt? Ist das etwa der Grund, Major?“

Chiang bellte zwar leise, entgegnete aber nichts.

„Eine Frage“, mischte sich Cha Thrat ein. „Warum geben Sie Terrestrier andauernd dieses merkwurdige Bellen von sich?“

O'Mara wandte sich ihr zu und musterte sie eine ganze Weile. Dann atmete er gerauschvoll aus und

Вы читаете Notfall Code Blau
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату