antwortete: „Eigentlich hatte ich Ihre erste Frage etwas, nun, tiefgrundiger erwartet. Aber, bitte sehr. Diese Laute werden „Lachen“ genannt, nicht „Bellen“, und in den meisten Fallen handelt es sich dabei um einen psycho- physischen Mechanismus zum Freisetzen geringer innerer Spannungen. Ein Terrestrier lacht aus Erleichterung uber das plotzliche Nachlassen von Angst oder Sorge, aber auch um Verachtung, Unglauben oder Sarkasmus auszudrucken, oder er reagiert damit auf alberne, unlogische oder komische Au?erungen oder Situationen. Womoglich lacht er aber auch lediglich aus Hoflichkeit, wenn die Situationen oder Au?erungen nicht komisch sind, der Urheber des vermeintlichen Scherzes aber einen hohen Rang bekleidet. Ich werde mich huten, Ihnen den terrestrischen Humor oder Feinheiten wie Sarkasmus zu erklaren, weil wir diese Dinge selbst nicht ganz verstehen. Ich personlich lache nur selten, und zwar aus Grunden, die Sie immer besser verstehen werden, je langer Sie hier bei uns sind.“

Aus irgendeinem Grund bellte — lachte — Chiang erneut.

O'Mara uberhorte es und fuhr fort: „Jedenfalls ist Chefarzt Edanelt mit Ihren fachlichen Fahigkeiten zufrieden und empfiehlt mir, Sie so bald wie moglich auf einer geeigneten Station einzusetzen. Aber bevor das geschieht, mussen Sie sich mit den Einrichtungen, der Funktionsweise und der Arbeit des Hospitals noch besser vertraut machen. Wie Sie schnell feststellen werden, handelt es sich dabei fur jemanden, der sich hier nicht auskennt, um einen hochst gefahrlichen Ort, der einem Angst einjagen kann. Und im Moment sind Sie ein solcher Jemand.“ „Ich verstehe“, warf Cha Thrat ein.

„Die Aliens, die Ihnen diese unbedingt notwendigen Kenntnisse vermitteln werden, gehoren zu vielen verschiedenen physiologischen Klassifikationen und arbeiten auf ebenso vielen verschiedenen medizinischen und technischen Spezialgebieten“, fuhr O'Mara fort. „Die Bandbreite erstreckt sich von Diagnostikern, Chefarzten und Heilern, die den Ihren ahnlich oder vollkommen unahnlich sind, bis hin zu den Pflegekraften und Labor- und Wartungstechnikern. Einige der Aliens werden Ihre medizinischen oder verwaltungstechnischen Vorgesetzten sein, andere werden Ihnen zwar nominell untergeordnet sein, aber das Wissen, das sie vermitteln, ist genauso wertvoll. Man hat mir mitgeteilt, da? Sie es regelrecht verabscheuen, die Verantwortung fur einen Patienten mit jemand anders zu teilen. Wahrend des Lehrgangs kann Ihnen, je nach Ermessen des verantwortlichen Arztes, gestattet werden zu praktizieren, aber nur unter strenger Beaufsichtigung. Haben Sie das verstanden, und akzeptieren Sie das?“

„Ja“, antwortete Cha Thrat mit Bedauern. Es wurde die Wiederholung ihres ersten Jahrs an der Schule der Chirurgen fur Krieger auf Sommaradva werden, aber hoffentlich ohne die damit verbundenen Probleme auf dem nichtmedizinischen Sektor.

„Dieses Gesprach entscheidet nicht daruber, ob Sie als standige Mitarbeiterin des Hospitalpersonals angenommen werden oder nicht“, fuhr O'Mara fort. „Ich kann Ihnen nicht sagen, was Sie in den verschiedenen sich ergebenden Situationen tun oder lassen sollen. Das mussen Sie durch eigene Beobachtungen und die entsprechende Aufnahmebereitschaft fur die Ausfuhrungen Ihrer Ausbilder lernen und letztendlich fur sich selbst entscheiden. Sollten jedoch wirklich ernsthafte Probleme auftauchen, die Sie nicht alleine losen konnen, dann durfen Sie gerne zu mir zur Beratung kommen. Je weniger Besuche Sie diesem Buro abstatten, desto besser bin ich Ihnen naturlich gesinnt. Ich werde laufend Berichte uber die von Ihnen erzielten beziehungsweise nicht erzielten Fortschritte erhalten, und von diesen Berichten wird es abhangen, ob Sie im Orbit Hospital bleiben oder nicht.“

Er hielt kurz inne und strich sich mit den Fingern der rechten Hand durch den kurzgeschorenen, grauen Kopfpelz. Cha Thrat sah zwar genau hin, konnte aber keine Spur von herausgestrichenen Parasiten entdecken und kam zu dem Schlu?, da? es sich bei dieser Geste um eine gedankenlose Bewegung gehandelt haben mu?te.

„Dieses Gesprach soll einige der nichtmedizinischen Gesichtspunkte Ihrer Behandlung von Chiang untersuchen“, fuhr O'Mara fort. „In der kurzen Zeit, die uns zur Verfugung steht, wurde ich gerne soviel wie moglich uber Sie als sommaradvanisches Wesen erfahren — uber Ihre Gefuhle, Interessen, Vorlieben und Abneigungen, diese Art von Dingen also. Gibt es irgendeinen Themenkreis, zu dem Sie lieber keine Fragen beantworten mochten, beziehungsweise unklare oder falsche Auskunfte geben wurden, weil das moralische, elterliche oder stammesgemeinschaftliche Verpflichtungen, die Sie wahrend der Kindheit oder im Erwachsenenalter eingehen mu?ten, so von Ihnen verlangen? Ich mu? Sie darauf aufmerksam machen, da? ich in der Lage bin, Lugen zu entlarven, selbst die eigentumlichsten und mit gro?tem Einfallsreichtum entwickelten Lugen, die einige unserer Extraterrestrier von sich geben. Das erfordert allerdings stets eine Menge Zeit, und ich habe keine zu verlieren.“

Cha Thrat dachte einen Augenblick lang nach und antwortete dann: „Es gibt Punkte, die mit sexuellen Kontakten zusammenhangen, uber die ich lieber nicht sprechen mochte. Alle anderen Fragen werde ich aber vollstandig und wahrheitsgema? beantworten.“

„Sehr schon!“ freute sich O'Mara. „Ich habe sowieso nicht die Absicht, diesen Bereich anzusprechen und werde das hoffentlich auch nie tun mussen. Im Augenblick interessieren mich Ihre Gedanken und Empfindungen von dem Moment an, als Sie zum erstenmal Ihren Patienten gesehen haben, bis zu Ihrer Entscheidung, ihn zu operieren. Zudem will ich jede wichtige Au?erung im Verlauf des Gesprachs zwischen Ihnen und dem sommaradvanischen Heiler wissen, der als erster am Ort des Geschehens eintraf, sowie den Grund fur die Verzogerung der Operation, nachdem Sie die Verantwortung ubernommen hatten. Sollten Sie zu der Zeit unter irgendwelchen ubermachtigen Gefuhlseindrucken gestanden haben, beschreiben und erlautern Sie diese bitte, falls Sie das konnen. Sprechen Sie die Gedanken so aus, wie sie Ihnen gerade in den Sinn kommen.“

Einen Moment lang versuchte Cha Thrat, sich ihre Eindrucke zu der fraglichen Zeit genau in Erinnerung zu rufen, dann erwiderte sie: „Ich habe in der Gegend eine Art Zwangsurlaub verbracht, den ich aber nicht genie?en konnte, weil ich lieber weiter in meinem Krankenhaus gearbeitet hatte, als mir daruber den Kopf zu zerbrechen, wie man am besten die Zeit totschlagen kann. Als ich von dem Unfall horte, war ich beinahe froh, da ich zuerst dachte, der Uberlebende sei ein Sommaradvaner, so da? ich wieder etwas Anstandiges zu tun gehabt hatte. Dann entdeckte ich die schweren Verletzungen des Terrestriers und wu?te, da? sich der einheimische Heiler an den Verwundeten niemals herantrauen wurde, weil er nur ein Heiler fur Sklaven war. Auch wenn es sich bei dem Verungluckten nicht um einen sommaradvanischen Krieger handelte, so war er doch auf jeden Fall ein Krieger, der in Erfullung seiner Pflicht verwundet worden war.

Ihre Zeitma?einheiten kenne noch nicht genau. Jedenfalls ereignete sich der Absturz kurz vor Sonnenaufgang, und am Seeufer, an das man Chiang gelegt hatte, traf ich kurz vor unserer Fruhstuckszeit ein. Ohne die geeigneten Medikamente und entsprechenden Kenntnisse uber den Korperbau des Verwundeten waren viele Faktoren in Erwagung zu ziehen. Vernunftig ware es gewesen, den Uberlebenden verbluten zu lassen oder der Sache aus Nachstenliebe nachzuhelfen und ihn im See zu ertranken.“

An dieser Stelle hielt sie kurz inne, da O'Mara offenbar an einer vorubergehenden Blockierung der Atemwege litt, und fuhr dann fort: „Nach etlichen Untersuchungen und mehrmaligem Abschatzen der Risiken wurde mit der Operation am fruhen Nachmittag begonnen. Zu der Zeit wu?te ich noch nicht, da? Chiang der Herrscher eines Schiffs ist.“

Die beiden Terrestrier tauschten Blicke aus, und O'Mara sagte schlie?lich: „Das war funf, vielleicht sechs Stunden spater. Brauchen Sie immer so lange, um zu einer fachlichen Entscheidung zu kommen? Oder hatte es womoglich einen Unterschied gemacht, wenn Sie von Chiangs Rang oder Bedeutung gewu?t hatten?“

„Es gab viele Gefahren, die abgewagt werden mu?ten — ich wollte unter keinen Umstanden den Verlust einer Gliedma?e riskieren“, reagierte Cha Thrat in scharfem Ton auf diese unterschwellige Kritik. „Und zur zweiten Frage: Ja, es hatte einen Unterschied gemacht. Ein Chirurg fur Krieger steht zu einem Herrscher im gleichen Verhaltnis wie der Heiler fur Sklaven zu einem Krieger. Es ist mir nicht gestattet, meinen Beruf au?erhalb meiner Qualifikation auszuuben. Darauf stehen au?erst schwere Strafen, selbst unter Berucksichtigung der heutzutage immer lockerer gehandhabten Richtlinien. Aber in diesem Fall handelte es sich um eine einzigartige Situation. Ich war verangstigt und aufgeregt und wurde wahrscheinlich genauso gehandelt haben, wenn ich gewu?t hatte, da? Chiang ein Herrscher ist.“

„Ich bin froh, da? Sie normalerweise nicht uber das Ma? Ihrer Zustandigkeit hinaus chirurgisch tatig werden.“, merkte O'Mara an.

„Das war eine gute Tat von ihr“, warf Chiang leise ein.

„.und Ihre Ausbilder werden daruber ebenfalls erleichtert sein“, fuhr O'Mara fort. „Aber mich interessiert die Einteilung der sommaradvanischen Arzteschaft. Konnen Sie mir daruber Naheres erzahlen?“

Durch diese anscheinend unsinnige Frage verblufft, antwortete Cha Thrat: „Unserer Redefreiheit sind keinerlei Einschrankungen auferlegt. Auf Sommaradva gibt es drei gesellschaftliche Klassen — Sklaven, Krieger

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