junger, nicht infizierter Cromsaggi sein sollte“, setzte Murchison ihren Bericht fort. „Auch zum Alter dieser jungen Patienten konnen wir — so unglaublich es auch erscheinen mag — keine exakten Angaben machen. Allerdings gibt es physiologische und sprachliche Hinweise, nach denen viele der Kinder nicht annahernd so jung sind, wie sie erscheinen, und nach denen das Alter, das wir anfanglich geschatzt hatten, mit zwei oder drei multipliziert werden mu?te, weil die Seuche, au?er der allgemeinen Schwachung, die sie hervorruft, die physiologische Entwicklung insgesamt hemmt und den Beginn der Pubertat stark verzogert. Wahrscheinlich hat sie au?erdem noch psychologische Auswirkungen, die eine Erklarung fur das extrem asoziale Verhalten der Erwachsenen sein konnten, aber auch das bleibt wiederum nichts als reine Spekulation, weil ein normaler und gesunder Cromsaggi von uns erst noch gefunden werden mu?.“

„Da? es so einen DCSL gibt, bezweifle ich“, sagte Lioren. „Aber Sie haben davon gesprochen, sowohl auf sprachliche als auch auf physiologische Anhaltspunkte gesto?en zu sein. Wo es die Cromsaggi doch strikt ablehnen, Auskunfte uber sich zu erteilen, wie haben Sie denn diese Anzeichen entdecken konnen?“

„Ein Gro?teil der Patienten, die Sie zu uns geschickt haben, war jung oder, soweit wir wissen, korperlich noch nicht voll entwickelt“, antwortete Murchison. „Zwar verweigern die Erwachsenen nach wie vor jegliche Zusammenarbeit, aber dafur ist es O'Mara gelungen, mit einigen der jungen Patienten ins Gesprach zu kommen, die in bezug auf sich selbst weniger zuruckhaltend waren. Weil der Standpunkt dieser DCSLs jedoch sehr unreif ist, bleiben die Motivationen der Erwachsenen weiterhin unklar, und das Bild, das sich allmahlich von der cromsaggischen Zivilisation entwickelt, ist verwirrend und voller.“

„Pathologin Murchison“, schnitt ihr Lioren das Wort ab, „mich interessiert mehr das klinische als das kulturelle Bild, also beschranken Sie sich bitte darauf. Der Grund, warum ich die Rhabwar gebeten habe, so viele junge — oder anscheinend nicht mehr so junge — Patienten ins Orbit Hospital zu bringen, war der, da? sie zu der gro?en Zahl Cromsaggi gehorten, die entweder ihre Eltern verloren hatten oder von keinem Erwachsenen versorgt worden sind. Sie haben nicht nur an Unterernahrung und unter dem standigen Leben im Freien gelitten — unter Zustanden also, die man erfolgreich behandeln kann — , sondern auch Symptome einer Infektion der Atemwege gezeigt, zu denen auch erhohte Korpertemperatur zahlte, sowie einer Auszehrung, die das au?ere Gefa?- und das Nervensystem angegriffen hatte. Wenn Thornnastors Untersuchung der Seuche zu keinen Ergebnissen fuhrt, was ist dann mit diesen anderen und — wie ich doch meinen mochte — medizinisch weniger komplizierten Krankheiten, die anscheinend nur die jungen DCSLs bekommen?“

„Oberstabsarzt Lioren“, sagte die Pathologin in bestimmtem, aber hoflichem Ton, wobei sie Liorens Rang und Namen zum erstenmal aussprach, „ich habe nicht behauptet, da? wir keine Fortschritte machen.

Samtliche junge DCSLs werden untersucht, und dabei erzielen wir sogar bedeutende Fortschritte“, fuhr sie schnell fort. „Einer unserer jungen Patienten, der Symptome dieser typischen Infektion der Atemwege aufweist, hat zwar vorerst nur schwach, aber durchaus positiv auf die Behandlung angesprochen. Doch unsere Hauptbemuhungen sind darauf gerichtet, ein spezifisches Heilmittel fur das Leiden der Erwachsenen zu finden, weil deutlich geworden ist, da? die Krankheiten, von denen die jungen Cromsaggi derzeit befallen sind, von den naturlichen Abwehrkraften ihres Korpers bekampft werden und nicht langer lebensbedrohend sein wurden, wenn man die starke Schwachung und die Hemmung des Wachstums durch die Seuche beseitigen konnte.“

Wenn man schon so viel wu?te, dann waren wirklich Fortschritte erzielt worden, dachte Lioren anerkennend.

„Allerdings sind die bisher durchgefuhrten Versuche erfolglos gewesen“, fuhr Murchison fort. „Anfangs ist das Medikament in winzigen Mengen verabreicht und der Zustand der Patienten die ublichen funfzig Stunden lang laufend uberwacht worden, bevor die Dosis erhoht wurde, bis beide Patienten am neunten Tag innerhalb weniger Augenblicke nach der Injektion das Bewu?tsein verloren haben.“

Sie machte eine kurze Pause, um Prilicla einen Blick zuzuwerfen, und setzte dann, nachdem sie offenbar ein Zeichen bekommen hatte, das Lioren nicht wahrnehmen konnte, ihre Ausfuhrungen fort. „Daraufhin sind beide Patienten in einiger Entfernung von den ubrigen und auch voneinander isoliert worden, um auf diese Weise die Uberlagerung ihrer emotionalen Ausstrahlung durch die der anderen DCSLs auf ein Mindestma? zu reduzieren. Nach Doktor Priliclas Bericht ist die Bewu?tlosigkeit der beiden Patienten au?erordentlich tief gewesen, aber es hat keine Anzeichen fur eine unterbewu?te Verzweiflung gegeben, die vorhanden gewesen ware, wenn sie im Sterben gelegen hatten. Doktor Prilicla hat die Ansicht geau?ert, da? diese Bewu?tlosigkeit die Patienten vielleicht starke, da sie alle Merkmale des Schlafs nach einer langen korperlichen Belastungsphase aufweise, und hat deshalb eine intravenose Ernahrung vorgeschlagen. Wenige Tage nachdem man diesen Vorschlag in die Tat umgesetzt hatte, ist bei den Patienten ein geringfugiges Abklingen der Symptome und Anzeichen fur eine leichte Geweberegeneration festzustellen gewesen, obwohl sich beide weiterhin in tiefer Bewu?tlosigkeit und kritischem Zustand befunden haben.“

„Das bedeutet doch bestimmt.!“ begann Lioren, brach den Satz jedoch ab, als Murchison die Hand hob, als bekleidete sie den hoheren Rang und nicht er. Aber auf einmal war er zu aufgeregt, um ihr durch die entsprechenden Worte den aufsassigen Kopf zu waschen, wie er es eigentlich hatte tun sollen.

„Das bedeutet, Oberstabsarzt, da? wir sehr vorsichtig vorgehen mussen und den klinischen und psychologischen Zustand der beiden Testpersonen, falls sie nicht sterben, sondern das Bewu?tsein wiedererlangen, ganz genau zu uberwachen haben, bevor wir den Versuch auf die anderen Patienten ausweiten konnen“, sagte Murchison. „Diagnostiker Thornnastor glaubt — genau wie alle anderen in seiner Abteilung — , da? wir uns auf dem besten Weg befinden, ein Heilverfahren zu entdecken, und Doktor Prilicla ist sich dessen sogar sicher. Aber bis wir Gewi?heit haben, mussen wir uns eine Zeitlang in Geduld uben, erst dann.“

„Wie lange, Murchison?“ verlangte Lioren in rudem Ton zu wissen.

Priliclas zerbrechlich wirkender Korper wurde geschuttelt, als ob ein starker Wind uber das Unfalldeck fegte, aber Lioren hatte den Gefuhlssturm aus Ungeduld, Eifer und Aufgeregtheit, der in ihm tobte, genausowenig unterdrucken konnen, wie er in der Lage gewesen ware, mit den zarten Flugeln des Empathen zu fliegen. Bei Prilicla wollte er sich spater entschuldigen, doch im Moment konnte er an nichts anderes denken als an die standig abnehmende Zahl von Cromsaggi, die sich immer noch an das Leben auf diesem von der Seuche geplagten Planeten klammerten und jetzt vielleicht eine Uberlebenschance hatten. Leiser fragte er: „Wie lange mu? ich warten?“

„Das wei? ich nicht, Sir“, antwortete die Pathologin. „Ich wei? nur, da? die Tenelphi angewiesen worden ist, beim Orbit Hospital zu bleiben und sich startbereit zu halten, bis das Medikament fur den allgemeinen Gebrauch zugelassen worden ist, um Ihnen unverzuglich den ersten Schub, den wir hergestellt haben, hierherzubringen.“

4. Kapitel

Die Rhabwar flog zum Orbit Hospital mit einem Unfalldeck zuruck, das vor allem mit noch nicht erwachsenen Cromsaggi belegt war. Zwar befanden sich im Schiffslazarett der Vespasian — und auf den weit verstreuten Krankenstationen, auf denen Lioren jeden Tag Visite machte — viele erwachsene Patienten, deren Zustand sehr viel ernster war, aber bei jeder Spezies hing das zukunftige Uberleben von den Kindern ab, und diejenigen, die das Gluck hatten, von Thornnastor behandelt zu werden, wurden die ersten sein, die als geheilt entlassen werden konnten.

Colonel Skempton, der Leiter der Ingenieursdivision, die in erster Linie fur das Nachschub- und Nachrichtenwesen und die Wartung des Orbit Hospitals verantwortlich war, erinnerte mit hoflichen, aber zunehmend sarkastischen Mitteilungen den Oberstabsarzt daran, da? das Hospital — so leer es im Moment auch sein mochte — nicht die gesamte Bevolkerung von Cromsag aufnehmen konne und man fur Forschungszwecke schon mehr als genug Mitglieder dieser Spezies geschickt bekommen habe. Doch Lioren ignorierte Skemptons eindringliche Hinweise einfach. Schlie?lich durften der gesamten Besatzung der Rhabwar Skemptons unverschlusselte Nachrichten und die Unterbringungsschwierigkeiten, in die man aufgrund des Platzmangels auf den Hospitalstationen geriet, bekannt gewesen sein, aber Prilicla hatte keinerlei Einwande dagegen erhoben, auch die zusatzlichen zwanzig Patienten zum Hospital zu befordern.

Nach Liorens Dafurhalten mu?te es sich bei Prilicla um das am wenigsten unausstehliche Wesen im bekannten Universum handeln, ganz im Gegensatz zu den Cromsaggi, die zwar seine Patienten waren, aber nie seine Freunde werden konnten — es sei denn, die vielen Gottheiten der galaktischen Foderation, an deren Existenz

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