Zahl, die bereits samtliche Erwachsenen sowie deren Kinder und einige Neugeborene umfa?t“, fuhr Lioren verbittert fort. „Aber seit kurzem liegt die Sterblichkeit der Cromsaggi bei etwa einhundert Toten pro Tag.“
Wieder hatte Prilicla angefangen zu zittern. Lioren war sich nicht sicher, ob das eine Folge seiner eigenen emotionalen Ausstrahlung war oder die Reaktion des Empathen auf die Nachricht von der wachsenden Zahl von Todesfallen. Als er fortfuhr, bemuhte sich der Oberstabsarzt, sowohl ruhige und sachliche Gedanken zu fassen, als auch in einem ebensolchen Ton zu sprechen.
„Obwohl wir den Cromsaggi helfen, indem wir ihnen Unterkunft bieten, sie mit Kleidung und synthetischen Nahrstoffen versorgen und sogar so weit gehen, fur sie Vorrate von Nahrungsmitteln anzulegen, die vor Ort wachsen und die sie, weil sie zu schwach waren, nicht selbst einbringen konnten, setzen sich die Sterbefalle unvermindert fort. Der Tod von Erwachsenen ist ausnahmslos auf die Seuche zuruckzufuhren, auch wenn er manchmal durch Kriegsverletzungen beschleunigt wird, die den Korper zusatzlich schwachen. Die Kinder und Jugendlichen sterben allerdings an anderen Krankheiten, fur die wir bisher noch keine spezifischen Heilmittel besitzen. Zwar nehmen die Cromsaggi unsere Hilfe und die Lebensmittel an, aber nur ihre Kinder scheinen dafur auch dankbar zu sein. Fur das, was wir fur sie zu tun versuchen, zeigen sie keinerlei Interesse. Ich glaube, die Erwachsenen dulden uns lediglich als eine zusatzliche und unwillkommene Last, gegen die sie sowieso nichts unternehmen konnen. Meinem Eindruck nach haben sie an ihrem Uberleben kein Interesse und wollen schlichtweg in Ruhe gelassen werden, um auf die blutigste Art, die man sich uberhaupt vorstellen kann, den Selbstmord ihrer Spezies zu betreiben. Manchmal gibt es sogar Augenblicke, in denen ich finde, da? eine derma?en kriegerische und bis zum letzten Mitglied durch und durch gewalttatige Spezies davon nicht abgehalten werden sollte. Welche Gedanken und Gefuhle die Cromsaggi zu irgendwelchen Anlassen empfinden, wei? ich nicht.“
„Und jetzt mochten Sie, da? ich meine empathischen Fahigkeiten gebrauche, um Ihnen zu sagen, was die Cromsaggi empfinden, nicht wahr?“ erkundigte sich Prilicla.
„Ganz genau“, bestatigte Lioren mit solch innerer Anteilnahme, da? der Cinrussker einen Moment lang zittern mu?te. „Ich habe gehofft, da? Sie, Doktor, bei den DCSLs vielleicht Triebe, Instinkte und Empfindungen bezuglich der eigenen Person, der Kinder oder der momentanen Situation wahrgenommen haben. Von den Gedanken und den Motivationen der DCSLs habe ich uberhaupt keine Ahnung. Ich wurde gerne etwas sagen oder tun, das bei ihnen — wie bei jemandem, der aus dem seelischen Gleichgewicht geraten ist und im Begriff steht, von einem hohen Gebaude zu springen — den Willen wachruft zu leben, anstatt zu sterben. Was ist es, das die DCSLs furchten oder brauchen und das bei ihnen den Wunsch wachrufen wurde, weiterleben zu wollen?“
„Die DCSLs furchten sich, wie jedes andere Lebewesen, das sich selbst bewu?t ist, durchaus vor dem Tod und wollen sehr wohl weiterleben, Freund Lioren“, antwortete Prilicla, ohne zu zogern. „Selbst bei den ernsthaftesten Fallen hat es keine Anzeichen fur den Wunsch gegeben, zu sterben oder die eigene Spezies auszurotten, und man sollte die Cromsaggi nicht wegen ihrer.“
„Meine Bemerkung von vorhin tut mir aufrichtig leid“, fiel ihm Lioren ins Wort. „Ich meine, da? ich manchmal angeblich das Gefuhl habe, man sollte die DCSLs nicht am Selbstmord ihrer Spezies hindern.“
„Das haben Sie ja nur aus Hilflosigkeit und Frustration heraus gesagt, Freund Lioren, und es hat in volligem Widerspruch zu Ihrer gleichzeitigen emotionalen Ausstrahlung gestanden“, unterbrach ihn Prilicla, wie es liebenswurdiger gar nicht moglich war. „Weder die Entschuldigung fur Ihre Bemerkung von vorhin noch Ihre jetzige Verlegenheit ware notig gewesen.
Aber ich wollte gerade sagen, da? man die Cromsaggi nicht wegen ihrer mangelnden Bereitschaft zur Mitarbeit und ihrer gro?en Undankbarkeit kritisieren sollte, bevor man nicht den Grund fur ihre undankbaren Gefuhle kennt“, fuhr er fort. „Bei allen erwachsenen Patienten, deren emotionale Ausstrahlung ich auf dem Transport zum Orbit Hospital und wahrend meiner Anwesenheit bei den darauffolgenden Befragungsversuchen uberwacht habe, waren diese Undankbarkeitsgefuhle sehr stark ausgepragt. Zwar wissen die DCSLs, da? wir versuchen, ihnen zu helfen, aber sie werden uns dabei nicht mit medizinischen oder personlichen Auskunften uber sich selbst unterstutzen. Sobald man immer weiter mit Fragen nachgebohrt hat, wurden die DCSLs aufgeregt und bekamen Angst, und in solchen Momenten wurde stets ein deutliches, wenn auch nur vorubergehendes Abklingen der Symptome bemerkt.“
„Dieselbe Beobachtung habe ich auch gemacht“, meinte Lioren. „Allerdings hatte ich angenommen, das sei darauf zuruckzufuhren, da? fur die DCSLs statt physischer plotzlich seelische Probleme in den Mittelpunkt geruckt sind, also praktisch jener psychologische Mechanismus eingesetzt hat, der manchmal korperliche Leiden allein durch vertrauensvolles Zureden, gedankliche Ablenkung oder auch durch schockhafte Erlebnisse lindern kann“, sagte Lioren. „Fur ein wichtiges Faktum habe ich es nicht gehalten.“
„Wahrscheinlich haben Sie recht“, sagte Prilicla. „Aber Chefpsychologe O'Mara ist der Ansicht, das deutliche Abklingen der Symptome, das auf die Stimulierung durch Angst zuruckzufuhren ist, deute zusammen mit der geradezu fanatischen Weigerung der DCSLs, uber den Wechsel einiger weniger Worte hinaus mit uns zu kommunizieren, auf das Vorhandensein einer au?erst starken und tief verwurzelten geistig-seelischen Ausrichtung hin, deren sich die Cromsaggi, als Individuen, womoglich gar nicht bewu?t sind. Diesen Zustand vergleicht Freund O'Mara mit der Rassenpsychose, an der auch die Gogleskaner leiden. Wie er sagte, bemuhe er sich darum, in diesen au?erst sensiblen Bereich der Cromsaggi vorzudringen, um den die seelischen Narben praktisch eine sehr dicke Mauer aus geistigem Bindegewebe gebildet hatten. Schon deshalb rat er jedem, der sich mit diesem Problem beschaftigt, au?erst behutsam und vorsichtig vorzugehen.“
Durch ihre Psychose waren die Gogleskaner gezwungen, fur den Gro?teil ihres Lebens als Erwachsene den direkten Korperkontakt untereinander zu vermeiden, was ganz sicher nicht das Problem bei den Cromsaggi war. Lioren bemuhte sich redlich, seine Ungeduld zu unterdrucken, und sagte: „Wenn wir nicht schnellstens eine Heilmethode fur diese Seuche finden, werden Ihrem Chefpsychologen wegen seiner langsamen und vorsichtigen Untersuchungsweise noch die Patienten ausgehen. Welche Fortschritte sind denn seit Ihrem letzten Besuch im Orbit Hospital erzielt worden?“
„Seitdem sind bedeutende Fortschritte gemacht worden, Freund Lioren“, antwortete Prilicla freundlich. „Aber ich spure Ihr Bedurfnis, jede Zeitverschwendung zu vermeiden, und stimme Ihnen in diesem Punkt voll und ganz zu. Deshalb schlage ich vor, da? Sie sich die Ergebnisse nicht nur durch mich ausrichten lassen, sondern Ihnen Pathologin Murchison personlich Bericht erstattet, da Sie zweifellos Fragen haben werden und ich aufgrund meines egoistischen Bedurfnisses, mich mit angenehmer emotionaler Ausstrahlung zu umgeben, die bedauerliche Angewohnheit habe, immer die positiven Seiten der Umstande hervorzuheben.“
Jetzt schien Liorens ursprunglicher Grund, eine private Unterredung mit Prilicla zu wunschen, nicht mehr stichhaltig zu sein, und ohne sowohl sich selbst als auch den Empathen in gro?e Verlegenheit zu bringen, konnte er den Vorschlag seines Gesprachspartners nicht zuruckweisen. Er hatte das Gefuhl, das der Empath zweifellos teilte, irgendwie die Entschlu?kraft verloren zu haben.
Pathologin Murchison war eine warmblutige Sauerstoffatmerin der physiologischen Klassifikation DBDG mit einem Korper, der die weichen, runden und kopflastigen Formen vieler terrestrischer Frauen aufwies, obwohl sie erheblich kleiner und weniger massiv als Lioren war. Wenn sie nicht fur Sonderaufgaben auf dem Ambulanzschiff gebraucht wurde, war sie Thornnastors erste Assistentin. Sie druckte sich klar und prazise aus und verhielt sich respektvoll, ohne unterwurfig zu sein. Zudem hatte sie die etwas argerliche Angewohnheit, Fragen zu beantworten, bevor Lioren sie stellen konnte.
Nach den Worten der Pathologin war die Identifikation, Isolierung und Neutralisierung von Krankheitserregern fremder Spezies fur Thornnastors Abteilung ein Routineverfahren, aber die Verhaltensmerkmale des cromsaggischen Virus — wie es ubertragen wurde, wie es den Korper infizierte und sich in ihm festsetzte und wie es sich vermehrte — waren mit keiner der herkommlichen Untersuchungsmethoden zu bestimmen. Erst vor kurzer Zeit, als man herausgefunden hatte, da? die Viren entweder bei der Empfangnis oder vor der Geburt durch die Mutter ubertragen wurden, waren einige Fortschritte erzielt worden.
„Die Auswirkungen auf die erwachsenen Cromsaggi sind Ihnen ja bekannt, und so, wie es im Moment aussieht, ist jedes einzelne Mitglied der Spezies infiziert“, fuhr Murchison fort. „Bevor die Krankheit ins Endstadium tritt, ist der gro?te Teil des Korpers von einem blassen Ausschlag und von Entzundungen bedeckt, die von einer zunehmenden, schweren Entkraftung und Mattigkeit begleitet werden, die nur manchmal fur einen gewissen Zeitraum durch starke psychische Reize wie Angst und Gefahr uberwunden werden konnen. Die Auswirkungen auf die Kinder sind nicht so offensichtlich, und das hat uns anfanglich zu der Annahme verleitet, sie seien immun, was sich aber als Irrtum herausstellte.
Inzwischen haben wir namlich festgestellt, da? auch die Kinder und Jugendlichen an Entkraftung und Mattigkeit leiden, obwohl es schwierig ist, dazu Genaues zu sagen, weil wir keine Ahnung haben, wie lebhaft ein
