er ohnehin die starksten Zweifel hegte, nahmen bei der gesamten Spezies eine Umgestaltung des Charakters vor.

Trotzdem verbrachte er die ganze Zeit, die ihm neben dem Essen und Schlafen blieb, damit, die schlimmsten seiner unliebenswurdigen Patienten zu besuchen oder die zweihundert uber den Kontinent verteilten Arzte und Lebensmitteltechniker des Korps anzuspornen, die — nicht immer erfolgreich — versuchten, diese Spezies am Leben zu erhalten. Standig hoffte er, die Cromsaggi wurden ihre Haltung andern und endlich Bereitschaft zeigen, sich mit ihm zu unterhalten und ihm Auskunfte zu erteilen, die es ihm ermoglicht hatten, ihnen zu helfen, oder da? sich auch nur ein winziger Ri? in der anscheinend undurchdringlichen Mauer des unkooperativen Verhaltens zeigen wurde, aber vergebens. Das Sterben sowohl der erwachsenen als auch der jungen Cromsaggi ging in stetig wachsender Zahl unablassig weiter, weil der Oberstabsarzt — genau wie das Orbit Hospital — nicht uber die Moglichkeiten verfugte, die gesamte Bevolkerung intravenos zu ernahren.

Einmal gelang es den DCSLs sogar, sich trotz der Uberwachung vom Boden und vom Orbit aus gegenseitig im Kampf umzubringen.

Zu dem Zwischenfall war es gekommen, als Lioren uber eine der Waldsiedlungen geflogen war, die schon lange vorher abgesucht und fur von jeder intelligenten Lebensform verlassen erklart worden war, was sich als ein fataler Irrtum herausstellen sollte, denn die Bewohner hatten sich einfach in den Wald zuruckgezogen, um dem Suchtrupp zu entgehen. Als Lioren den kleinen Krieg entdeckte, der von sechs DCSLs auf einer mit Gras bewachsenen Lichtung zwischen zwei Gebauden ausgetragen wurde, lie? er den Piloten des Flugzeugs, in der normalerweise eine Besatzung von vier Nidianern gesessen hatte, waren nicht seine langen tarlanischen Beine gewesen, einen Halbkreis drehen und landen. Doch bis Dracht-Yur dem Oberstabsarzt dabei geholfen hatte, sich aus dem winzigen Sitz des Flugzeugs herauszuwinden, war der Nahkampf bereits beendet, und vier Cromsaggi lagen reglos auf dem Boden.

Trotz der zahlreichen Bi?wunden und der von Handen verursachten Verletzungen, von denen die Korper ubersat waren, konnten Lioren und Dracht-Yur sie als drei tote Manner und eine Frau erkennen, deren Lebenserwartung sich nur noch in Sekunden messen lie?. Auf einmal deutete Dracht-Yur auf eine nahe Stelle auf dem Boden, von der aus sich zwei getrennte Spuren im niedergetretenen und blutbespritzten Gras zur offenstehenden Tur von einem der beiden Gebaude hinzogen.

Der Vorteil eines langeren Schritts bedeutete in diesem Fall, da? Lioren Sekunden vor dem Nidianer durch die Tur ging, und der Anblick der beiden sich windenden, blutigen Korper, die sich im todlichen Kampf auf dem Boden ineinander gekrallt hatten, verstarkten die Wut und den Ekel, die ihn angesichts derart tierischen Verhaltens zwischen angeblich intelligenten Lebewesen befielen. Mit einem Schritt nach vorne schob er schnell einen seiner mittleren Arme zwischen die beiden sich fest zusammenpressenden Korper und versuchte, sie auseinanderzudrucken. Erst da machte er die besturzende Entdeckung, da? es sich nicht, wie er zuerst angenommen hatte, um zwei Manner handelte, die bis auf den Tod miteinander kampften, sondern um einen Mann und eine Frau, die gerade Geschlechtsverkehr hatten.

Lioren lie? sie hochst peinlich beruhrt los und zog sich schleunigst zuruck, aber plotzlich losten sich die beiden DCSLs voneinander und warfen sich auf den Oberstabsarzt, gerade als Dracht-Yur hereinkam und ihm in die Hinterbeine rannte. Durch die Wucht des doppelten Angriffs sturzte Lioren nach hinten, so da? er schlie?lich ausgestreckt auf dem Boden lag, wobei sich die beiden Cromsaggi uber ihm befanden und der Nidianer irgendwo unter ihm. Innerhalb von Sekundenbruchteilen kampfte er um sein Leben.

Da sich nach den ersten paar Tagen auf Cromsag gezeigt hatte, da? die Einheimischen durch die Seuche zu stark geschwacht waren, um das Tragen schwerer Schutzanzuge zu rechtfertigen, war das gesamte Personal des Korps dazu ubergegangen, die leichteren Bordoveralls anzuziehen, die zwar die Bewegungsfreiheit weniger einschrankten, aber ansonsten nur Schutz vor Sonne, Regen und Insektenstichen boten.

Voller Emporung wurde Lioren bewu?t, da? zum erstenmal in seinem Leben ein anderes Wesen gegen ihn im Zorn die Hand erhoben hatte — von den Fu?en, Knien und Zahnen ganz zu schweigen. Auf Tarla wurden Auseinandersetzungen nicht auf diese barbarische Weise beigelegt. Und obwohl er genauso viele Glieder hatte wie die beiden DCSLs zusammengenommen, verhielten sich seine Gegner alles andere als Cromsaggi, die von der Seuche geschwacht waren. Sie brachten seinem Korper schwere Verletzungen bei und fugten ihm mehr Schmerzen zu, als er es jemals fur moglich gehalten hatte.

Wahrend er die Schlage auf den Korper abwehrte, die ihn am ehesten kampfunfahig gemacht hatten, und die beiden Cromsaggi verzweifelt davon abzuhalten versuchte, ihm die beweglichen Augenstiele abzurei?en, merkte Lioren, wie sich Dracht-Yur unter ihm hervorwand und auf die Tur zukroch. Da? seine Gegner den Stabsarzt gar nicht beachteten, beruhigte ihn, denn die kurzen, stark behaarten Gliedma?en des Nidianers verfugten weder uber die Kraft noch uber die Reichweite, um einen nutzlichen Beitrag zum Kampf leisten zu konnen. Einige Sekunden spater erhaschte er einen fluchtigen Blick auf Dracht-Yurs Kopf, der inzwischen in einem durchsichtigen Helm steckte, horte den leisen Knall einer detonierenden Schlafgasgranate und spurte, wie die Korper seiner Gegner plotzlich schlaff wurden und uber ihm zusammenbrachen, bevor sie langsam auf den Boden rollten.

In den wenigen Augenblicken, in denen die Korper — so bedeckt sie von den blassen, verfarbten Flecken und nassenden Entzundungen waren, die ein Kennzeichen fur Seuchenopfer kurz vorm Endstadium darstellten — schwer auf ihm gelastet und ihn auf beinahe intime Weise beruhrt hatten, war es fur ihn eine gro?e Erleichterung gewesen, sich daran zu erinnern, da? die Krankheitserreger eines bestimmten Planeten bei den Mitgliedern einer au?erplanetarischen Spezies keine Wirkung hatten.

Auch wenn das Betaubungsgas fur maximale Wirkung auf den Metabolismus der Cromsaggi ausgelegt war, hatte es fur andere warmblutige Sauerstoffatmer die gleichen, allerdings weniger unmittelbaren Folgen. Zwar konnte sich Lioren nicht bewegen, aber er war sich des Nidianers bewu?t, der eindringlich irgendwelche Laute in sein Anzugmikrofon knurrte und bellte, wahrend er die schlimmsten Wunden versorgte. Vermutlich forderte er gerade den Flugzeugpiloten auf, arztliche Hilfe zu rufen, da Liorens Translator beim Kampf jedoch beschadigt worden war, konnte er kein einziges Wort verstehen. Allerdings scherte ihn das nur wenig, zumal er die starken Beschwerden der vielen Wunden inzwischen nur noch als leichte Reizungen empfand und sich der harte Boden unter ihm wie das weichste Bett anfuhlte. Dennoch war sein Verstand klar und wollte dem Korper offenbar nicht in den Schlaf folgen.

Die beiden Cromsaggi beim Geschlechtsakt zu storen, war zwar sicherlich ein schwerer Fehler gewesen, aber auch ein verstandlicher, denn seit der Ankunft auf Crom89sag war noch keiner von Liorens Leuten Zeuge von etwas Ahnlichem wie einer Paarung geworden, und alle, einschlie?lich Lioren selbst, hatten angenommen, die Spezies ware durch die Seuche korperlich zu stark geschwacht, als da? man derartige Betatigungen noch fur moglich gehalten hatte. Und die heftige Reaktion der DCSLs, die schiere Starke und Wildheit ihres Angriffs, hatten ihn uberrascht und erschuttert.

Wahrend der sehr kurzen Fortpflanzungsperiode auf Tarla galt ein solcher Vorgang, insbesondere unter den Alteren, die seit vielen Jahren zusammenlebten, eher als ein Grund zum Feiern und zur offentlichen Zurschaustellung als eine Sache, die man verheimlichte — wenngleich Lioren wu?te, da? viele Spezies der Foderation, die ansonsten hochintelligent und philosophisch weit fortgeschritten waren, den Paarungsvorgang als Privatangelegenheit zwischen den Betreffenden betrachteten.

Naturlich verfugte Lioren auf diesem Gebiet uber keinerlei personliche Erfahrungen, da ihn seine vollkommene Hingabe an die Heilkunst schlichtweg daran hinderte, in irgendwelchen Genussen zu schwelgen, die zugelassen hatten, da? durch emotionale Faktoren die nuchterne Objektivitat seines Verstands in Mitleidenschaft gezogen worden ware. Wenn er hingegen ein ganz gewohnlicher Tarlaner gewesen ware, ein Handwerker oder Angehoriger einer der unverheirateten Berufsstande, und hatte man ihn dann unter den gleichen Umstanden gewaltsam am Geschlechtsakt gestort, ware es sicherlich zu ein paar unfreundlichen Worten gekommen, aber ganz sicher nicht zu Gewalttatigkeiten.

Zumal dieser Zwischenfall so erschutternd und unangenehm gewesen war, wurde Liorens Verstand erst dann ruhen, wenn er den Grund fur ein derart unvernunftiges Verhalten gefunden hatte, egal, wie fernliegend oder unzivilisiert dieser Grund auch sein mochte. Konnte es wirklich sein, da? sich die beiden DCSLs in ihrem schwerkranken Zustand und mit den ernsthaften Verletzungen aus dem Kampf auf der Lichtung ins Haus geschleppt hatten, um sich vor dem Sterben gegenseitig noch eine letzte kurze Freude zu bereiten? Wie Lioren wu?te, mu?te es in gegenseitigem Einverstandnis zur Paarung gekommen sein, denn der Fortpflanzungsmechanismus der Cromsaggi war physiologisch gesehen zu kompliziert, als da? ein DCSL den anderen zum Geschlechtsverkehr hatte zwingen konnen.

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