Raumflug und die galaktische Foderation zu erklaren. Er beschrieb ihnen die verbluffende Vielfalt an Gestalten und Gro?en, die intelligentes Leben annehmen konnte, und versuchte ihnen klarzumachen, da? der Planet, auf dem sie lebten, nur einer von vielen Hunderten von bewohnten Planeten war. Wie er dabei immer wieder feststellen konnte, besa? der Verstand der Cromsaggi trotz dieser furchterregenden und unerklarlichen Einstellung zum Tod fast dieselbe Beweglichkeit und Intelligenz wie sein eigener, wenn auch nicht das gleiche Ma? an Bildung und Wissen.
In solchen Augenblicken trat im Gesundheitszustand der Patienten eine leichte und vorubergehende Besserung ein, und das brachte Lioren auf die Frage, ob nicht eines Tages ihr heftiges Verlangen nach der Gefahr und der emotionalen Erregung des Krieges und des Zweikampfs durch die vielen und noch schwierigeren Herausforderungen des Friedens gestillt werden konnte. Aber die DCSLs weigerten sich — oder waren vielleicht aufgrund ihrer durch die Kultur bedingten geistig-seelischen Ausrichtung nicht dazu in der Lage — , personliche Informationen uber ihr Sozialverhalten, ihren Sittencodex oder ihre Ansichten zu irgendeinem Thema preiszugeben, es sei denn, der betreffende Patient war, wie im gegenwartigen Fall, schwer erkrankt und verfugte nur noch uber geringe geistige Widerstandskraft.
Die Wahrheit war, da? Lioren keine Ahnung hatte, was die Patienten empfanden, weder in bezug auf sich selbst noch auf jemanden anderen oder sonst irgend etwas, und die Standardfrage des behandelnden Arztes „Wie geht es Ihnen heute?“ wurde nie beantwortet.
In zwei Tagen wurde das Eintreffen der Rhabwar erwartet, und Lioren entschied, da? der Patient, mit dem er das personliche Gesprach gefuhrt hatte, zu denjenigen gehorte, die mit dem Ambulanzschiff zur Untersuchung und Behandlung ins Orbit Hospital geflogen werden sollten.
Als die Rhabwar schlie?lich eintraf, bat er den ranghochsten medizinischen Offizier des Schiffs um eine Unterredung. Dabei handelte es sich um einen gewissen Doktor Prilicla, einen Cinrussker, der als Mitglied der einzigen empathischen Spezies der Foderation die Gefuhle all der Wesen kannte, die sich in seiner naheren Umgebung aufhielten.
Sowohl aus praktischen als auch aus personlichen Grunden wollte Lioren Prilicla nicht in das uberfullte Schiffslazarett der Vespasian kommen lassen, sondern bat darum, die Besprechung auf dem Unfalldeck der Rhabwar abzuhalten. Denn auf der Vespasian war die allgemeine emotionale Ausstrahlung durch die Patienten viel starker und hatte dem Besucher zweifellos zu schaffen gemacht — einem Fachkollegen gegenuber rucksichtsvoll zu sein konnte ja nicht schaden. Au?erdem bestand auf dem Ambulanzschiff eine geringere Wahrscheinlichkeit, da? Liorens Untergebene seine eigene Unsicherheit gegenuber den Cromsaggi bemerkten. Nach der festen Uberzeugung des Oberstabsarztes mu?te man namlich in leitender Stellung stets einen sicheren und uberzeugenden Eindruck machen, wenn einem die Untergebenen Respekt und unbedingten Gehorsam entgegenbringen sollten.
Vielleicht teilte der Empath diese Ansicht, aber es war wahrscheinlicher, da? Prilicla selbst aus der Ferne Liorens emotionale Ausstrahlung wahrgenommen und richtig gedeutet hatte und ihm deshalb versicherte, ihre Besprechung werde rein privat sein. Dafur war ihm der Oberstabsarzt zwar dankbar, aber es uberraschte ihn nicht. Schlie?lich lag es im eigenen Interesse des kleinen Empathen, die Ausstrahlung unangenehmer Emotionen um sich herum auf ein Mindestma? zu reduzieren, da er sich selbst sonst genauso starken Unannehmlichkeiten ausgesetzt hatte.
Der Cinrussker, ein riesiges, ungeheuer zerbrechlich wirkendes Fluginsekt, das erst durch Liorens noch gewaltigere Korpergro?e klein erschien, flog uber einen der Behandlungstische und schwebte dann in Augenhohe daruber. An seinem rohrenformigen Korper mit Ektoskelett befanden sich sechs bleistiftdunne Beine, vier noch feiner gebaute Greiforgane und zwei breite, schimmernde und fast durchsichtige Flugelpaare, mit denen er langsam schlug, um mit Hilfe des G-Gurtels, den er umgeschnallt hatte, ruhig in der Luft zu schweben. Nur auf seinem Heimatplaneten Cinruss, der eine dichte Atmosphare besa? und auf dem weniger als ein Achtel der Erdanziehungskraft herrschte, hatte eine Insektenspezies Intelligenz, eine Zivilisation und die Fahigkeit zu Raumflugen entwickeln konnen, und Lioren kannte in der ganzen Foderation keine Spezies, die die Cinrussker nicht fur die schonste aller intelligenten Lebensformen hielt.
Aus einer der engen Offnungen im Kopf Priliclas, der — bildlich gesprochen — eine feine, spiralformig gewundene Eierschale war, drang eine Folge von melodischen, rollenden Schnalzlauten, die der Translator als „Danke fur die schmeichelhaften Ansichten, die Sie mir gegenuber hegen, Freund Lioren. Es ist mir ein Vergnugen, Sie endlich einmal personlich kennenzulernen“ ubersetzte. „Die Emotionen, die ich au?erdem noch wahrnehme, deuten darauf hin, da? unser Treffen weniger ein geselliges Beisammensein darstellen soll, sondern vielmehr berufliche Grunde hat und uberaus dringend ist.
Allerdings bin ich ein Empath, kein Telepath“, schlo? er die Begru?ung freundlich. „Deshalb mussen Sie mir schon erzahlen, was Sie beunruhigt, Freund Lioren.“
Uber den dauernden Gebrauch des Wortes ??„Freund“ durch seinen Gesprachspartner empfand Lioren auf einmal eine gewisse Verargerung. Immerhin war er der medizinische und verwaltungstechnische Leiter des Einsatzes zur Katastrophenhilfe auf Cromsag und ein Oberstabsarzt im Monitorkorps, wahrend Prilicla nur den zivilen Rang eines Chefarztes am Orbit Hospital bekleidete. Sein Arger brachte den gesamten Korper des Empathen zum Zittern und lie? dessen Schwebeflug weniger ruhig und gleichma?ig werden. Plotzlich wurde Lioren bewu?t, da? er soeben ein anderes Lebewesen mit einer Waffe, namlich mit seinen Empfindungen, angegriffen hatte, gegen die es sich nicht schutzen konnte.
Selbst die krankhaft kriegerischen Cromsaggi hatten es verschmaht, einen derart schwachen und schutzlosen Feind anzugreifen.
Folglich verwandelte sich Liorens Verargerung rasch in Scham. Dies war einmal eine Gelegenheit, den berechtigten Stolz auf seinen hohen Rang, den er sich aufgrund seiner enormen fachlichen Fertigkeiten redlich verdient hatte, zu vergessen. So, wie er es in der Vergangenheit schon oft getan hatte, sollte er nun lieber versuchen, die eigenen Empfindungen unter Kontrolle zu bringen, um sich die Fahigkeiten eines Untergebenen, dessen Gefuhle leicht verletzt werden konnten, moglichst wirkungsvoll zunutze zu machen.
„Danke fur die innerliche Selbstdisziplin, die Sie gerade bewiesen haben, Freund Lioren“, fuhr Prilicla fort, bevor Lioren etwas sagen konnte. Dann lie? sich der Empath, der jetzt nicht mehr zitterte, wie eine Feder auf dem Untersuchungstisch nieder und fugte hinzu: „Aber ich nehme bei Ihnen noch weitere starke Emotionen im Hintergrund wahr, die Sie nicht so leicht unterdrucken konnen und die, da bin ich mir sicher, die Cromsaggi betreffen. Uber die hiesige Lage bin auch ich hochst besorgt, vielleicht ebensosehr wie Sie, und Empfindungen gegenuber Lebewesen oder Situationen, die ich mit jemand anderem teile, bereiten mir sehr viel weniger Unbehagen. Falls es also eine Moglichkeit gibt, wie ich Ihnen helfen kann, dann zogern Sie nicht, mich davon in Kenntnis zu setzen.“
Erneut argerte sich Lioren, diesmal daruber, die Erlaubnis erhalten zu haben, uber die Cromsaggi sprechen zu durfen, wo gerade das ohnehin den einzigen Zweck seines Besuchs auf der Rhabwar darstellte, aber der Arger war nur gering und verflog rasch. Als er zu sprechen begann, war dem Oberstabsarzt zwar klar, da? er nur eine kurze Zusammenfassung seines letzten Berichts vortrug, den er bereits fur seine Vorgesetzten beim Monitorkorps und fur Prilicla selbst vervielfaltigt hatte und den die Rhabwar auch fur Thornnastor mitnehmen wurde, dennoch war es notwendig, den Empathen schon jetzt mit der gegenwartigen Lage vertraut zu machen, wenn dieser die Bedeutung der spateren Fragen verstehen sollte.
Lioren berichtete von den standig ausgeweiteten Untersuchungen der unbewohnten Gebiete des Planeten, die Ergebnisse geliefert hatten, die sich allenfalls fur Industriearchaologen eigneten. Spuren von Leben, die aus jungerer Zeit stammten, gab es nicht. Viele der verlassenen Stadte, Bergwerksbetriebe und Produktionskomplexe in den klimatisch gema?igten Zonen des Nordens und Sudens waren viele Jahrhunderte alt und so gut gebaut, da? nur geringe Anstrengungen unternommen werden mu?ten, um sie wieder instand zu setzen; zumal dies lohnenswert ware, da die gro?en Mineralvorkommen des Planeten noch lange nicht erschopft waren. Aber diese Muhe hatten sich die Cromsaggi nie gemacht, weil sich diese Spezies mit ihrer ganzen Energie auf die Kampfe konzentrierte, und zwar in einem Ausma?, da? viele DCSLs keine Nahrungsmittel mehr angebaut oder nicht mehr die Kraft gehabt hatten, nach dem zu suchen, was wild wuchs. Zu guter Letzt hatte sich die zusammengeschrumpfte Bevolkerung in einer einzigen Region versammelt, damit man dort weiterkampfen konnte, ohne erst weite Reisen unternehmen zu mussen, bevor man auf einen Gegner traf.
„Als wir den Krieg beendet haben, oder richtiger, als unsere Betaubungsgranaten einen Schlu?strich unter die vielen hundert Auseinandersetzungen zwischen kleinen Gruppen und einzelnen Cromsaggi gezogen haben, bestand die noch lebende Bevolkerung nach unseren Schatzungen aus etwas weniger als zehntausend DCSLs, eine
