der gegenuberliegenden Wand stand ein langer E?tisch, unter den vier Stuhle mit hohen Ruckenlehnen geschoben waren. Zudem waren noch an den anderen Wanden einige kleinere Tische und gro?ere Stuhle mit dickerem Sitzpolster zu sehen sowie ein gewaltiger Bucherschrank und andere Gegenstande, die Lioren nicht auf Anhieb erkennen konnte. Der Gro?teil der Mobel bestand aus Holz und war zwar recht solide, aber nicht sonderlich fachmannisch gebaut, und einige der Gegenstande wiesen Anzeichen von Massenfertigung auf. Ganz offensichtlich handelte es sich bei ihnen um das uralte, zerkratzte und verbeulte Vermachtnis besserer Zeiten. In der Mitte des Raums lag lediglich ein dicker Teppich aus irgendeinem Gewebe oder pflanzlichen Stoff auf dem Boden und dampfte die Schritte der Eindringlinge, als sie uber ihn gingen.

Die drei Innenturen waren nur angelehnt, und die leisen Gerausche von gegen Geschirr sto?enden Kochutensilien, die aus dem Raum drangen, in dem sich der einzelne Einheimische aufhielt, wurden von einem gedampften, klagenden Laut begleitet, der unubersetzbar war. Lioren fragte sich, ob das Wesen aufgrund von Krankheit oder Verletzungen Schmerzen hatte oder vielleicht nur auf seine Art sang. Er wollte gerade in den Raum gehen, um dem Einheimischen gegenuberzutreten, als Dracht-Yur eine von Liorens mittleren Handen ergriff und auf die Tur der anderen Kammer deutete, in der sich die ubrigen Bewohner befanden.

Einer der Terrestrier hatte den Griff fest gepackt, um zu verhindern, da? die Tur von innen geoffnet wurde. Jetzt streckte er die freie Hand mit drei abgespreizten Fingern in Hohe der Taille aus, dann senkte er sie mit nach unten gekehrter Flache auf Hufthohe, streckte nur noch zwei Finger aus und fuhrte sie schlie?lich fast bis zum Kniegelenk hinab, bevor er nur noch einen Finger sehen lie?. Schlie?lich lie? er kurz den Turgriff los, druckte beide Handteller zusammen, legte die Hande in dieser Haltung an eine Seite des Gesichts, neigte dann den Kopf und schlo? fur einen Sekundenbruchteil die Augen.

Einen Augenblick lang war Lioren uber diese Gesten vollkommen verblufft, bis ihm einfiel, da? die Terrestrier der Klassifikation DBDG und noch ziemlich viele andere Lebensformen diese seltsame Stellung beim Schlafen einnahmen. Die ubrigen Handzeichen konnten nur bedeuten, da? sich in der Kammer drei Kinder befanden, von denen eins kaum alter als ein Saugling war, und alle drei schliefen.

Daruber erleichtert, da? die Kinder ohne Schwierigkeiten in ihrer Kammer zuruckgehalten werden konnten und somit keine Moglichkeit bestand, da? uninformierte und zu Tode erschrockene Ausrei?er in der Gegend Panik verbreiten konnten, senkte Lioren nach terrestrischer Manier anerkennend den Kopf. Zufrieden und zuversichtlicher geworden schritt er voran, um die Verstandigung mit dem Wesen aufzunehmen, das, nach den Gerauschen zu urteilen, die aus dem Raum drangen, in dem die Mahlzeiten zubereitet wurden, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der einzige Erwachsene im Haus war.

Der Hausbewohner hatte der Tur den Rucken zugekehrt und zeigte Lioren den Kopf im Dreiviertelproffl von hinten, wahrend er sich mit etwas beschaftigte, das von seinem Oberkorper verdeckt wurde. Da auf seinem Schadel keine unabhangig voneinander beweglichen Augen an Stielen sa?en und er somit auch nicht uber einen Rundumblick verfugte, war es Lioren moglich, ihn einen Moment lang zu beobachten, ohne selbst von ihm gesehen werden zu konnen.

Bezuglich des Korperbaus wies der Bewohner mehr Ahnlichkeit mit Lioren als mit den Terrestriern, Nidianern und Orligianern auf, die den Oberstabsarzt begleiteten, wodurch der visuelle Schock des Erstkontakts wesentlich geringer ausfallen durfte. Bis auf den Unterschied, da? der Hausbewohner drei Gliederpaare besa? — zwei zur Fortbewegung, zwei starke Greiforgane in der Mitte des Korpers und zwei weitere in Hohe des Halses, die zum Essen und zur Verrichtung feiner Arbeiten dienten — sowie einen Schadel, den ein dichtes blaues Fell bedeckte, das sich in einem schmalen Streifen an der Wirbelsaule entlang bis zum rudimentaren Schwanz fortsetzte, waren die allgemeinen korperlichen Merkmale auffallend ahnlich. Seine Haut wies die bla?gelb verfarbten Stellen auf, die fur die Seuche symptomatisch waren, die, begunstigt durch den grausamen und barbarischen Krieg, alles intelligente Leben vom Planeten zu vertilgen drohte. Die physiologische Klassifikation des Wesens lautete DCSL, und zumindest die Heilung seines Leidens durfte sich relativ einfach gestalten, sobald sich Lioren erst einmal seiner Mitarbeit versichert hatte.

Zuerst ganz sacht, aber dann mit wachsender Entschlossenheit klatschte Lioren mit zweien seiner in Handschuhen steckenden mittleren Hande, um die Aufmerksamkeit des DCSL zu erregen, und als dieser schlie?lich herumfuhr, um ihn anzusehen, sagte der Oberstabsarzt: „Wir sind Freunde. Wir sind gekommen, um Sie.“

Zwischen dem Bauch und einer der mittleren Hande hatte der DCSL eine gro?e Schale eingeklemmt gehabt, die zum Teil mit einer bla?grauen, zahflussigen Substanz gefullt gewesen war, wahrend er mit der zweiten mittleren Hand eine kleinere Schale getragen und ihren Inhalt in die erste gegossen hatte. Lioren war noch Zeit geblieben zu bemerken, da? beide Gefa?e dickwandig und aus einer harten, aber offensichtlich au?erst zerbrechlichen Keramik gefertigt waren, was durch die Art bewiesen wurde, in der sie zersprangen, als sie zu Boden fielen. Das Klirren war laut genug, um die drei Kinder im anderen Zimmer aus dem Schlaf zu rei?en, und eins von ihnen, hochstwahrscheinlich der Saugling, fing an, laute Angstschreie von sich zu geben, die der Translator nicht ubersetzte.

„Wir werden Ihnen nichts tun“, begann Lioren aufs neue. „Wir sind gekommen, um Sie von der furchtbaren Krankheit zu heilen, die.“

Der DCSL stie? eine Folge schriller Kollerlaute aus, die vom Translator als „Die Kinder! Was haben Sie mit meinen Kindern gemacht?“ ubersetzt wurde, und sturzte sich auf Lioren und Dracht-Yur.

Es handelte sich nicht um einen Angriff mit blo?en Handen.

Aus der Reihe von Kuchengeraten, die auf dem in der Nahe stehenden Tisch lagen, hatte sich der DCSL ein Messer geschnappt, mit dem er gegen Liorens Brust ausholte. Die Klinge war lang und spitz, an der einen Seite gezackt und immerhin so scharf, da? sie im Gewebe von Liorens schwerem Raumanzug einen tiefen Ri? hinterlie?. Doch der DCSL lernte schnell, denn die zweite Attacke bestand aus einem mit gestrecktem Arm gefuhrten Sto?, durch den das Messer in den Anzug eingedrungen ware, wenn Lioren nicht aufgepa?t hatte. Mit zwei mittleren Handen packte er das Handgelenk des DCSL und zog ihm die Waffe mit der dritten aus den Fingern, wobei er sich an einem der eigenen Finger eine leichte Schnittwunde zuzog, und gleichzeitig hielt er die beiden oberen Hande des DCSL von sich fern, die ihm offenbar ganze Stucke aus dem Gesicht rei?en wollten.

Durch die Heftigkeit des Angriffs taumelte Lioren mitsamt dem DCSL ruckwarts in den gro?en Vorraum und erhaschte einen fluchtigen Blick auf den winzigen Dracht-Yur, der sich an die Beine des DCSL warf und seine kurzen, stark behaarten Arme fest um sie schlang. Der DCSL verlor das Gleichgewicht, und alle drei sturzten krachend zu Boden.

„Worauf warten Sie denn noch? Stellen Sie ihn endlich ruhig!“ befahl Lioren den anderen in scharfem Ton. Dann sagte er aus plotzlicher Besorgnis um den DCSL heraus: „Bis jetzt bin ich mit Ihrer inneren Physiologie zwar nicht vertraut, aber ich hoffe, mein Korpergewicht, das auf Ihren unteren Brustkorb druckt, verletzt keine darunter befindlichen Organe.“

Die Reaktion des DCSL bestand in noch heftigerem Widerstand gegen die terrestrischen, orligianischen und tarlanischen Hande, von denen er am Boden gehalten wurde, und nur wenige der Laute, die er ausstie?, waren ubersetzbar. Wahrend der Oberstabsarzt das offensichtlich vollig verwirrte und verangstigte Wesen anblickte, machte er sich im stillen und in hochst kritischen Worten ernste Vorhaltungen. Diese Aktion, seinen ersten Kontakt mit einem Mitglied einer neu entdeckten intelligenten Spezies, hatte er alles andere als zufriedenstellend durchgefuhrt.

„Wir werden Ihnen nichts tun“, redete Lioren auf den Alien ein, wobei er sich bemuhte, seiner Stimme einen beruhigenden Klang zu geben, obwohl er lauter schreien mu?te als der DCSL und die drei Kinder im Nebenraum, die inzwischen allesamt wach waren und nun ebenfalls ihre unubersetzbaren Laute zu dem allgemeinen Larm beisteuerten. „Auch Ihren Kindern werden wir nichts tun. Bitte beruhigen Sie sich. Wir wollen Ihnen und allen anderen doch nur helfen, bis an Ihr Ende ohne Krieg und ohne die Krankheit zu leben, von der Sie befallen.“

Der DCSL mu?te die Ubersetzung von Liorens Beteuerungen verstanden haben, denn er hatte wahrenddessen aufgehort zu schreien, auch wenn er die Anstrengungen, sich zu befreien, unvermindert fortsetzte.

„Aber wenn wir fur dieses ungluckselige Leiden ein Heilverfahren finden sollen, mussen wir den Erreger, der die Krankheit verursacht, in Ihrem Korper isolieren und identifizieren“, fuhr Lioren mit leiserer Stimme fort, „und um das zu tun, brauchen wir Blutproben und Proben anderer Korperflussigkeiten von Ihnen.“

Wenn sowohl der Krieg als auch die Krankheit mit minimaler Verzogerung und geringstmoglichem Verlust von Leben gestoppt werden sollten, benotigte man diese Proben auch, um gro?e Mengen sicherer Betaubungsmittel, gasformiger Beruhigungsmittel und synthetischer Nahrungsmittel herzustellen, die sich fur den Metabolismus der Spezies eigneten. Aber jetzt schien nicht der richtige Moment zu sein, um dem DCSL die ganze

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