Wahrheit zu sagen, denn er hatte seine Bemuhungen, sich zu befreien, verstarkt.
Lioren blickte Dracht-Yur an und deutete auf einen der mittleren Arme des DCSL, wo durch die Anspannung der Muskulatur und den erhohten Blutdruck eine der Adern angeschwollen war, die somit eine ideale Stelle bot, um Blutproben zu entnehmen.
„Wir werden Ihnen nichts tun“, wiederholte Lioren. „Haben Sie keine Angst. Und horen Sie bitte auf, Ihren Arm zu bewegen.“ Doch das gro?e, glitzernde Instrument mit mehreren Kolben, das der nidianische Arzt gerade hervorgeholt hatte, war, auch wenn es bei Gebrauch keinerlei Schmerz verursachte, nicht gerade ein Gegenstand, der Vertrauen einflo?te. Wie Lioren nur zu gut wu?te, hatte er von dem, was er gerade gesagt hatte, auch kein einziges Wort geglaubt, wenn die Rollen von ihm und dem DCSL vertauscht gewesen waren.
3. Kapitel
Mit Ausnahme von einigen wenigen Gewalttatigkeiten gestalteten sich alle nachfolgenden Kontaktaufnahmen mit den Einheimischen, die ihren Planeten „Cromsag“ nannten, einfacher. Das war in erster Linie das Verdienst der Vespasian, deren Sender auf die Frequenzen der cromsaggischen Rundfunkkanale eingestellt worden war, so da? ausfuhrlich erklart werden konnte, um wen es sich bei den fremden Au?erplanetariern handelte, woher sie gekommen waren und weshalb sie sich hierherbegeben hatten. Und als das riesige Gro?kampfschiff schlie?lich landete und man sich daranmachte, Fertigteile auszuladen, um damit Krankenhauser und Zentralstellen zur Verteilung von Nahrungsmitteln fur die Uberlebenden des Kriegs zu errichten, nahmen die bisher rein mundlich geau?erten Beteuerungen Form und konkrete Gestalt an, und jegliche Feindseligkeit gegenuber den fremden Eindringlingen wurde eingestellt.
Das bedeutete allerdings nicht, da? Einheimische und Au?erplanetarier zu Freunden wurden.
Lioren war sich sicher, da? er alles uber die Cromsaggi wu?te, au?er wie ihr Verstand funktionierte. Durch die Leichen erst kurz zuvor gefallener DCSLs, die in den Kriegsgebieten liegen gelassen worden waren, hatte er ein vollstandiges und genaues Bild von der Physiologie und dem Metabolismus der Spezies gewonnen. Dadurch wiederum war es moglich geworden, die Wunden der Cromsaggi mit zuverlassigen Medikamenten zu behandeln und den Krieg unruhmlich mit Schwaden von Betaubungsgas zu beenden. Das Aufklarungsschiff Tenelphi war als schnelles Kurierschiff eingespannt worden und flog zwischen Cromsag und dem Orbit Hospital hin und her. In der einen Richtung beforderte es tote DCSLs, die eingehender untersucht werden mu?ten, und in der anderen die Ergebnisse des Leiters der Pathologie, Thornnastor, der Liorens Hypothesen haufiger bestatigte als widerlegte.
Doch selbst fur den Diagnostiker Thornnastor stellte es sich als au?erst schwierige Aufgabe heraus, die cromsaggische Krankheit zu isolieren und zu identifizieren. Fur die Untersuchung wurden eher lebende als tote DCSLs benotigt, die nach Moglichkeit das gesamte Spektrum der Symptome vom ersten Auftreten bis kurz vor dem todlichen Ausgang des Leidens abdeckten, und darum entsandte man die Rhabwar, das spezielle Ambulanzschiff des Hospitals, um sich in diesen verschiedenen Stadien erkrankte Cromsaggi zu beschaffen. Aber noch verwirrender als die Seuche selbst, der die Opfer stets erlagen, bevor sie ein mittleres Alter erreicht hatten, war ihre innere Einstellung dazu.
Zwar hatte sich ein an der Seuche Erkrankter bereit erklart, mit Lioren uber sich selbst zu sprechen, aber durch seine Au?erungen war die Verwirrung des Oberstabsarztes nur noch gro?er geworden. Vom Patienten kannte Lioren nur die Nummer der Krankenakte, denn die Cromsaggi betrachteten sowohl die mundliche als auch schriftliche Bezeichnung ihrer Identitat als das allerwichtigste personliche Eigentum, und obwohl dieser DCSL nicht mehr lange zu leben hatte, hatte er seinen Namen einem Fremden niemals preisgegeben. Als ihn Lioren fragte, warum viele der Cromsaggi die Au?erplanetarier mit jeder Waffe angegriffen hatten, die ihnen in die Finger gekommen sei, sich untereinander aber ausschlie?lich mit Zahnen, Handen und Fu?en bekampften, antwortete der DCSL, da? es einem weder Ehre mache noch Nutzen bringe, ein Mitglied der eigenen Spezies zu toten, sofern es nicht mit gro?er Anstrengung und hochster Gefahr fur das eigene Leben verbunden sei. Aus demselben Grund wurden sie grundsatzlich davor haltmachen, einen schwerkranken, stark geschwachten oder bereits sterbenden Gegner umzubringen.
Ein anderes intelligentes Lebewesen zu ermorden war nach Liorens fester Uberzeugung die unehrenhafteste Tat, die man sich uberhaupt vorstellen konnte. Eigentlich hatte er in seiner Position die Ansichten anderer respektieren mussen, egal, wie seltsam und schockierend sie auch fur jemanden mit seiner strengen tarlanischen Erziehung sein mochten, aber diesen Standpunkt der Cromsaggi konnte und wollte er nicht respektieren.
Um schnell das Thema zu wechseln, fragte er: „Warum werden die Verwundeten nach einem Kampf weggebracht? Um sie zu pflegen,
wahrend die Toten unangetastet dort liegen bleiben, wo sie gefallen sind? Wie wir wissen, besitzt Ihre Spezies einige Kenntnisse uber Medizin und Heilung. Weshalb lassen Sie die Toten also unbegraben liegen und riskieren die Ausbreitung weiterer Seuchen in Ihrer schon von Krankheit geplagten Bevolkerung? Wieso setzen Sie sich dieser vollkommen unnotigen Gefahr aus?“
Aufgrund der verheerenden Auswirkungen der Krankheit, die die gesamte Haut mit den bla?gelben Flecken uberzogen hatte, war der Patient sehr geschwacht, und einen Augenblick lang fragte sich Lioren, ob der DCSL imstande war, ihm zu antworten, oder ob er die Fragen uberhaupt gehort hatte.
Doch plotzlich entgegnete der Patient: „Eine verwesende Leiche stellt tatsachlich ein gro?es Gesundheitsrisiko fur diejenigen dar, die nahe an ihr vorbeikommen. Die Gefahr und die Angst sind notwendig.“
„Aber warum?“ hakte Lioren nach. „Welchen Nutzen bringt es Ihnen, wenn Sie sich absichtlich angst machen, Schmerzen zufugen und sich einer Gefahr aussetzen?“
„Das gibt uns Kraft“, antwortete der Cromsaggi. „Eine Zeitlang, eine sehr kurze Zeit lang, fuhlen wir uns wieder stark.“
„Wir werden dafur sorgen, da? Sie sich in kurzester Zeit auch ohne diese Kampfe kraftig und stark fuhlen“, beteuerte Lioren mit der Zuversicht eines Arztes, dem samtliche Hilfsmittel der arztlichen Wissenschaft der Foderation zur Verfugung standen. „Sie wurden doch bestimmt lieber auf einem Planeten leben, auf dem es weder Krieg noch Krankheiten gibt, oder?“
Aus irgendeinem Teil seines geschwachten Korpers schien der Patient Krafte zu sammeln, dann antwortete er: „So weit sich die Lebenden oder deren Vorfahren zuruckerinnern konnen, hat es nie eine Zeit ohne Krieg und die Krankheit gegeben. Bei den Geschichten, die aus solchen Zeiten erzahlt werden, als die mittlerweile uber den ganzen Planeten verteilten Ruinen von Gro?- und Kleinstadten noch von gesunden und glucklichen Cromsaggi bewohnt wurden, handelt es sich um Marchen, die man erzahlt, um hungrige Kleinkinder zu trosten, Kinder, die bald gro? genug sein werden, um zu kampfen und nicht mehr an diese Marchen zu glauben.
Sie sollten uns weiterhin auf die Art uberleben lassen, auf die wir immer uberlebt haben, Fremder“, fuhr der Patient fort, wahrend er sich bis zum au?ersten anstrengte, sich auf der Trage aufzurichten. „Die Vorstellung von einer Welt ohne Krieg ist zu furchtbar, um sich daruber Gedanken machen zu konnen.“
Lioren stellte noch mehr Fragen, aber der Patient wollte nicht mehr mit ihm sprechen, obwohl er bei vollem Bewu?tsein war und sein Gesundheitszustand sogar Anzeichen einer leichten Besserung aufwies.
Der Oberstabsarzt hatte keinerlei Zweifel, da? fur das Leiden, von denen die etwas uber zehntausend uberlebenden Cromsaggi befallen worden waren, rasch ein medizinisches Heilverfahren entdeckt werden wurde. Doch ob eine Spezies es wert war, gerettet zu werden, die Kriege ausschlie?lich mit den naturlichen Waffen fuhrte, die ihr die Evolution zur Verfugung gestellt hatte, weil sie sich dadurch eine Zeitlang wohler fuhlte, dessen war er sich nicht sicher. Durch die strengen Regeln, nach denen sich die Kampfe richteten, stellte sich die Situation nicht weniger barbarisch dar. Zwar kampften die DCSLs nicht gegen schwachere Gegner oder Kinder und auch nicht gegen die wenigen Cromsaggi, die sich in einem fortgeschrittenen Alter befanden, aber nur deshalb nicht, weil das personliche Gefahrenelement — und somit wahrscheinlich auch die emotionale Befriedigung — geringer war. Lioren war froh, da? er nur die Verantwortung dafur trug, die an der Seuche Erkrankten korperlich gesund zu machen, und nicht dafur, den offenbar noch starker in Mitleidenschaft gezogenen Verstand zu kurieren, der in ihren Korpern steckte.
Und dennoch gab es hin und wieder Augenblicke, in denen er sich bemuhte, die Gedanken seiner Patienten von ihrem besorgniserregenden Gesundheitszustand auf andere Dinge zu lenken und ihnen den interstellaren
