Was das Gree angeht, habe ich nur geringfugige Anderungen vorgenommen, die zum gro?en Teil den optischen Eindruck betreffen“, erklarte Gurronsevas weiter. „Die Oberflache des durchsichtigen Yursil-Gelees weist kleine, unregelma?ige Spiralen auf, die beim Speisenden, wenn er sich vorbeugt, um zu essen oder sich zu unterhalten, den Eindruck erwecken, die eingebetteten synthetischen Gree-Kafer befanden sich in Bewegung und seien folglich noch am Leben. Dieser Eindruck ist optisch so uberzeugend, da? die Geschmacksrezeptoren des Betreffenden sozusagen ausgeschaltet werden und das.“
„Zweifellos sieht das Gericht herrlich aus und schmeckt auch so“, fiel im Hredlichli ins Wort. „Aber was ist mit der Probe passiert?“
In sorgfaltig gewahlten Worten antwortete Gurronsevas: „Da das Gericht demnachst in die automatische Zubereitung gehen sollte, wollte ich es Ihnen durch Lebensmitteltechniker Liresschi zukommen lassen, der beabsichtigt hat, es fur die Zubereitung durch den Synthesizer zu scannen und eine zusatzliche Geschmacksbeurteilung vorzunehmen. Liresschi hat das Gericht voll und ganz gebilligt, behauptete aber, es weise geschmackliche Finessen auf, die die Entnahme weiterer Proben erforderten, bis er rundum zufriedengestellt sei. Bedauerlicherweise war danach nicht mehr soviel ubrig, da? es sich gelohnt hatte, den Rest an Sie weiterzugeben. Doch es wird mir ein Vergnugen sein, Ihnen eine andere.“
„Aber. aber Sie haben doch gesagt, die Probe wurde fur vier Portionen reichen!“
„Ja“, bestatigte Gurronsevas.
„Der Lebensmitteltechniker ist ein Verachter der Kochkunst und ein gefra?iger Rupel!“ schimpfte Hredlichli verargert.
„Ja“, bestatigte Gurronsevas abermals.
Die Oberschwester stie? einen Laut aus, der nicht ubersetzt wurde, doch bevor sie fortfahren konnte, sagte Gurronsevas schnell: „Ich mochte Ihnen fur die Hilfe danken, die Sie mir wahrend unserer gemeinsamen Gesprache geleistet haben. Aufgrund dieser Gesprache sind an der gegenwartigen PVSJ-Verpflegung merkliche Verbesserungen vorgenommen worden, denen mit der Zeit weitere folgen werden. Von daher hat dieses Projekt das anfangs gesteckte Ziel erreicht, und ich mu? jetzt mit einem neuen beginnen, das sich mit den Ernahrungsbedurfnissen einer anderen Lebensform beschaftigt. Nochmals meinen allerherzlichsten Dank, Hredlichli.“
Fur eine scheinbar lange Zeit kam von Hredlichli kein einziges Wort, und Gurronsevas fragte sich, ob es seinen Ausfuhrungen an Feingefuhl gefehlt hatte. Im Laufe der Jahre hatten sich die Illensaner bei ihren medizinischen Kollegen zwar hochstes berufliches Ansehen, nicht aber gerade Zuneigung erworben. Das lag gro?tenteils an der Schwierigkeit, personlich mit ihnen in Kontakt zu kommen oder die Gelegenheit zu erhalten, Gesprache uber ihre nichtmedizinischen Gedanken, Ansichten und Beschwerden mit ihnen zu fuhren, die die sauerstoffatmenden Spezies als selbstverstandlich betrachteten. Ob nun zu Recht oder nicht, die PVSJs empfanden sich als kleine, benachteiligte, chloratmende Minderheit, der niemand zuhorte, so da? sowohl die allgemeine Stimmung des einzelnen als auch die der Gruppe darunter gelitten hatte. Bei der Arbeit an der Verbesserung der illensanischen Verpflegung hatte sich Hredlichlis Verhalten gegenuber Gurronsevas deutlich verandert, doch ob das darauf zuruckzufuhren war, da? der Tralthaner das Herz der Oberschwester auf dem Umweg uber ihren Magen gewonnen hatte oder Hredlichli zu guter Letzt auf jemanden gesto?en war, der das, was sie zu sagen hatte, fur wertvoll hielt, oder sie einfach einen Freund von einer artfremden Spezies gewonnen hatte, wu?te Gurronsevas nicht.
Auf einmal wunschte er sich, einer von den Mitarbeitern der psychologischen Abteilung ware dagewesen — am liebsten Padre Lioren—, um sich erklaren zu lassen, was er Falsches gesagt hatte und wie er es am besten zurucknehmen konnte. Da meldete sich plotzlich Hredlichli zu Wort.
„Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen, das fur Sie moglicherweise sowohl ein Kompliment als auch eine Strafe darstellt“, sagte sie zogernd. „Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, weil wir Illensaner bis vor kurzem nicht die leiseste Ahnung von den E?gewohnheiten und Brauchen warmblutiger Sauerstoffarmer gehabt haben.“
Gurronsevas bewahrte hofliches Schweigen, und Hredlichli fuhr fort: „Ich habe mit meinen illensanischen Freundinnen uber die Zusammenarbeit mit Ihnen gesprochen, und sie freuen sich uber die Anderungen, die Sie an unserer Verpflegung vorgenommen haben, genauso wie ich. Wir haben den nichtmedizinischen Bibliothekscomputer befragt und herausgefunden, da? es auf der Erde, die zu den vielen Planeten gehort, auf denen sich das Zubereiten und Anrichten von Speisen zu einer bedeutenden Kunstform entwickelt hat, einen Brauch gibt, der bei einem Volksstamm entstanden ist, dessen Mitglieder sich „Franzosen“ nennen, und der uns gefallt. Am Ende eines besonders angenehmen Mahls bitten die Teilnehmer den Kuchenchef, den sie als „Chef de cuisine“ bezeichnen, an ihren Tisch, damit sie ihm personlich ihre Anerkennung aussprechen konnen.
Wir hatten gehofft, da? Sie uns morgen zur Hauptmahlzeit im illensanischen Speisesaal aufsuchen, damit wir diesem Beispiel folgen konnen“, schlo? die Oberschwester.
Einen Augenblick lang war Gurronsevas au?erstande zu sprechen. Schlie?lich antwortete er: „Ich kenne diesen terrestrischen Brauch und fuhle mich tatsachlich sehr geschmeichelt, aber.“
„Es wird fur Sie nicht gefahrlich, Gurronsevas“, beruhigte ihn Hredlichli. „Ziehen Sie zum Schutz gegen die Atmosphare an, was Sie wollen. Notig ist ja nur Ihre Anwesenheit. Da? Sie etwas essen, erwarten wir ja gar nicht von Ihnen.“
9. Kapitel
Da Gurronsevas am Orbit Hospital letztendlich mehr als zehntausend Mitglieder des medizinischen und Wartungspersonals sowie einige tausend Patienten zufriedenzustellen hatte, war es weder vernunftig noch rationell oder auch nur gerecht, all seine Anstrengungen auf die Befriedigung eines einzelnen Individuums zu richten, auch wenn es sich dabei wahrscheinlich um die einflu?reichste Personlichkeit am Hospital handelte. Das Projekt mit O’Mara, so hatte sich Gurronsevas entschieden, mu?te zu den Vorhaben mit anderen Spezies, die aller Wahrscheinlichkeit nach geringere Schwierigkeiten aufwerfen wurden, parallel weiterlaufen.
Bei dieser Entscheidung war er von seinen Spionen in der psychologischen Abteilung beeinflu?t worden, die nach funf Tagen, in denen sich Gurronsevas mit ziemlich subtilen Verfeinerungen der Gerichte des Chefpsychologen beschaftigt hatte, von keiner erkennbaren Veranderung der Stimmung Major O’Maras, seines Verhaltens nach den Mahlzeiten oder des Benehmens gegenuber Untergebenen oder sonst jemandem berichten konnten.
Bei einer ihrer taglichen Zusammenkunfte in der Kantine au?erte Cha Thrat die Ansicht, der Major gehore vielleicht zu jenen seltenen Charakteren, die uber die Fahigkeit verfugten, beim ernsthaften Nachdenken uber fachliche Fragen die eigenen Sinnesempfindungen zu ignorieren, und deshalb seien ihm die Veranderungen der Mahlzeiten womoglich gar nicht bewu?t. Braithwaite stimmte ihr zu und erklarte, er habe den Unterschied gerochen, der sich durch Gurronsevas’ Abwandlungen der Gerichte O’Maras eingestellt habe, und wurde sich gern als dankbarere und empfanglichere Versuchsperson zur Verfugung stellen. Woraufhin Gurronsevas antwortete, da? die durch eine unvoreingenommene und sogar feindselige Versuchsperson gewonnenen Daten wertvoller seien als diejenigen, die man mit einem dankbaren Freiwilligen erlange.
„Da jedenfalls keine starke negative Reaktion von O’Mara erfolgt ist, bin ich davon ausgegangen, da? die Anderungen annehmbar sind, und habe meine abgewandelten Gerichte fur Terrestrier bereits in den Synthesizer der Kantine eingegeben“, schlo? Gurronsevas. „Sie, Lieutenant, und wahrscheinlich auch alle ubrigen Terrestrier im Hospital werden mich schon wissen lassen, was Sie davon halten.“
„Das werden wir“, bestatigte Braithwaite mit einem Lacheln, wahrend er die Speisekarte aufrief. „Welche Gerichte sind denn davon betroffen?“
„Ich brauche auch was Anstandiges zu essen“, mischte sich Cha Thrat ein. „Und zwar genauso oft und in den gleichen Mengen wie ein terrestrischer DBDG.“
„Das ist mir schon klar, und ich habe die einzige sommaradvanische DBLF im Hospital keineswegs vergessen“, antwortete Gurronsevas. „Doch Ihre Spezies ist der Foderation erst vor vergleichsweise kurzer Zeit beigetreten, und wahrend meiner Zeit im Cromingan-Shesk hatten wir nicht die Gelegenheit, Sommaradvaner zu verkostigen. Darum gibt es nur sparliche Angaben uber Ihre E?gewohnheiten und Vorlieben. Falls Sie die jetzt gleich mit mir besprechen mochten, hore ich Ihnen mit Freuden zu, und sei es nur, um mich vom Geschmack dieses unappetitlichen Breis abzulenken, der nur vom Aussehen her gestutztem Creggilon in Uxtsirup ahnelt. Doch
