Entfuhrung des Schiffes hatte Alicias Partei der Kolonie indirekt doch sehr geschadet. Die Lorean hatte alle Schiffe und Shuttles fur den interplanetaren Verkehr an Bord gehabt. Nun sa?en die Kolonisten auf Resurgam fest. Bis zu Remilliods Ankunft Jahrzehnte spater hatten sie keine Moglichkeit, ihre Nachrichtensatelliten zu reparieren oder zu modernisieren. Nach Alicias Abreise herrschte ein schmerzlicher Mangel an Servomaten, Replikatoren aller Art und Implantaten.

Dennoch hatte Sylvestes Partei offenbar den besseren Teil erwahlt.

Alicias Geisterbild erschien auf der Brucke. »Logbuch«, sagte sie. »Funfundzwanzig Tage nach Abflug von Resurgam. Wir haben — gegen meinen Einspruch — entschieden, vor Verlassen des Systems den Neutronenstern anzufliegen. Die Position ist gunstig; die Abweichung vom geplanten Kurs nach Eridani ist gering, und die Reise verlangert sich in Anbetracht der vielen Jahre an Bord, die vor uns liegen, nur unwesentlich.«

Sie sah etwas anders aus, als Sylveste sie in Erinnerung hatte. Aber er hatte sie sehr lange nicht gesehen. Er hasste sie nicht mehr, sie hatte sich nur verrannt. Ihre dunkelgrune Kleidung war von einem Schnitt, wie ihn seit der Meuterei in Cuvier niemand mehr trug, und ihre Frisur war so altmodisch, dass er sich vorkam wie im Theater.

»Dan war uberzeugt, dass da drau?en etwas Wichtiges zu finden sei, aber er konnte nie Beweise dafur liefern.«

Das uberraschte ihn. Die Aufzeichnung war lange vor der Freilegung des Obelisken mit seinen sonderbaren Sternenbahnzeichnungen entstanden. Hatte er diese fixe Idee am Ende schon damals gehabt? Die Moglichkeit war nicht von der Hand zu weisen, aber er war nicht davon angetan. Alicia hatte Recht. Er hatte keine Beweise gehabt.

»Wir haben eine ungewohnliche Beobachtung gemacht«, fuhr Alicia fort. »Cerberus, der Planet um den Neutronenstern, wurde von einem Kometen getroffen. Solche Einschlage durften so weit von der Hauptmasse des Kuipergurtels entfernt ziemlich selten sein. Naturlich waren wir neugierig. Doch als wir uns Cerberus so weit genahert hatten, dass wir die Oberflache untersuchen konnten, war von einem frischen Krater nichts zu sehen.«

Sylveste spurte ein Kribbeln im Nacken. »Und?«, flusterte er fast lautlos, als stunde wirklich Alicia auf der Brucke und nicht eine holografische Projektion aus den Datenspeichern des zerstorten Schiffes.

»So etwas konnen wir nicht einfach ignorieren«, sagte sie. »Auch wenn es Dans Theorie, wonach das Hades/Cerberus-System etwas Besonderes sei, im Grunde bestatigt. Also andern wir den Kurs und fliegen noch naher heran.« Sie hielt inne. »Wenn wir etwas von Bedeutung finden — etwas, das wir uns nicht erklaren konnen —, dann sind wir wohl ethisch verpflichtet, Cuvier davon zu informieren. Sonst mussten wir uns als Wissenschaftler ewig schamen. Morgen wissen wir mehr. Bis dahin sind wir so nahe, dass wir Sonden absetzen konnen.«

Sylveste wandte sich an Volyova. »Wie viel davon gibt es?«, fragte er. »Wie lange hat sie das Logbuch weitergefuhrt?«

»Noch etwa einen Tag«, sagte Volyova.

Sie waren im Spinnenraum und damit vor den neugierigen Blicken Sajakis und der anderen geschutzt — jedenfalls wollte Volyova das gerne glauben. Sie hatten sich noch immer nicht alles angehort, was Alicia zu sagen hatte, denn die Sichtung der gesprochenen Aufzeichnungen war zeitraubend und gefuhlsma?ig belastend. Dennoch wurde die Wahrheit allmahlich in ersten Umrissen erkennbar, und sie war alles andere als ermutigend. Alicia und ihre Besatzung waren unweit von Cerberus unvermutet und mit wilder Entschlossenheit von unbekannter Seite angegriffen worden. Bald sollten Volyova und ihre Mannschaft mehr uber die Gefahren wissen, denen sie entgegenflogen.

»Du solltest dir daruber im Klaren sein«, sagte Volyova, »dass ich dich vielleicht in den Leitstand schicken muss, wenn es Arger geben sollte.«

»Ich glaube nicht, dass das unbedingt die beste Losung ware«, sagte Khouri. »Wir wissen beide«, fuhr sie fort, um sich zu rechtfertigen, »dass es in Zusammenhang mit dem Leitstand in jungster Zeit mehrere bedrohliche Zwischenfalle gegeben hat.«

»Gewiss. Um ehrlich zu sein… wahrend meiner Genesung bin ich zu der Uberzeugung gelangt, dass du mehr wei?t, als du zugibst.« Volyova lie? sich in ihren braunen Pluschsessel zurucksinken und spielte mit den Messingschaltern vor sich. »Ich denke, du hast die Wahrheit gesagt, als du dich als Infiltrator bezeichnet hast. Aber nur bis dahin. Der Rest war eine Luge, dazu gedacht, meine Neugier zu stillen und mich zugleich abzuhalten, die Sache vor das Triumvirat zu bringen… und das hat naturlich auch funktioniert. Aber es bleiben viele Fragen, die du mir nicht zu meiner Zufriedenheit beantworten konntest. Das Weltraumgeschutz zum Beispiel. Warum hatte es vor seiner Explosion ausgerechnet Resurgam anvisiert?«

»Es war das nachste Ziel.«

»Bedaure, zu glatt. Es hatte etwas mit Resurgam zu tun, nicht wahr? Au?erdem hast du dich erst auf dieses Schiff geschleust, als du unser Ziel kanntest… ja; eine so abgelegene Welt ware sicher ein guter Ausgangspunkt fur jemanden, der versuchen wollte, die Geschutze an sich zu bringen — aber das stand doch nie auf dem Programm. So erfinderisch du auch gewesen sein magst, Khouri, du hattest keine Aussicht, mir und dem Triumvirat diese Waffen zu entrei?en.« Sie stutzte den Kopf in die Hand. »Damit stellt sich naturlich die Frage: Wenn deine erste Geschichte nicht stimmte, was willst du dann auf diesem Schiff?« Sie sah Khouri erwartungsvoll an. »Vielleicht gestehst du es besser mir, denn eins kann ich dir versichern: Sajaki wird der Nachste sein, der dir diese Frage stellt. Es ist deiner Aufmerksamkeit sicher nicht entgangen, dass er Verdacht geschopft hat, Khouri — besonders seit Kjarval und Sudjic ums Leben gekommen sind.«

»Damit hatte ich nichts zu tun…« Khouris Stimme verlor rasch an Uberzeugungskraft. »Sudjic fuhrte einen privaten Rachefeldzug gegen dich; damit hatte ich nicht das Geringste zu tun.«

»Aber ich hatte deine Anzugwaffen vorher deaktiviert. Nur ich hatte diesen Befehl widerrufen konnen, und dafur war ich zu sehr mit Sterben beschaftigt. Wie konntest du die Blockade aufheben und Sudjic toten?«

»Das war nicht ich, sondern jemand anderer.« Khouri zogerte kurz. »Oder besser etwas anderes. Dasselbe Etwas, das beim Training die Kontrolle uber Kjarvals Anzug ubernommen und sie gezwungen hat, mich anzugreifen.«

»Das war nicht Kjarval selbst?«

»Nein… nicht wirklich. Wir waren sicher nicht die dicksten Freunde im Universum, aber ich bin uberzeugt davon, dass sie nicht vorhatte, mich im Trainingssaal zu toten.«

Das musste Volyova erst verarbeiten, aber am Ende lie? sie sich doch uberzeugen. »Was war da wirklich los?«

»Die Prasenz in meinem Anzug wollte erreichen, dass ich dem Team angehorte, das Sylveste abholte. Das war nur moglich, wenn sie Kjarval von der Bildflache verschwinden lie?.«

Das klang beinahe logisch. Kjarvals Tod hatte keinerlei Verdacht bei ihr geweckt. Volyova hatte es fur selbstverstandlich gehalten, dass irgendein Besatzungsmitglied auf Khouri losgehen wurde — am ehesten Kjarval oder Sudjic. Sie hatte auch damit gerechnet, dass sich eine von den beiden fruher oder spater mit ihr selbst anlegte. Nun war beides eingetreten, aber inzwischen sah sie darin nur Teile eines gro?eren Ganzen… die Wellen eines raublustigen Hais, der unsichtbar unter der Oberflache dahinglitt.

»Warum war es so wichtig, dass du dabei warst, wenn wir Sylveste abholten?«

»Ich…« Khouri zogerte, obwohl ihr die Antwort bereits auf der Zunge gelegen hatte. »Ich wei? nicht, ob der Zeitpunkt gunstig ist, Ilia — wir sind dem, was die Lorean zerstorte, gerade so nahe.«

»Ich habe dich nicht hierher gebracht, damit du die Aussicht bewundern kannst, nur damit das klar ist. Wei?t du noch, was ich uber Sajaki sagte? Entweder du redest jetzt mit mir — und ich bin der beste Verbundete oder Freund, den du auf diesem Schiff hast — oder Sajaki bringt dich etwas spater zum Reden. Er hat dafur gewisse Mittel, die du dir wahrscheinlich nicht einmal vorstellen willst.« Sie ubertrieb nicht allzu sehr. Sajakis Trawls waren in puncto Subtilitat nicht unbedingt auf dem neuesten Stand.

»Dann beginnen wir am Anfang.« Die letzten Satze hatten offenbar gewirkt. Das war auch gut so — sonst hatte Volyova womoglich ihre eigenen Zwangsma?nahmen aus der Mottenkiste holen mussen. »Was meine militarische Vergangenheit angeht… das stimmte alles. Wie ich nach Yellowstone kam, ist — das ist schwieriger zu erklaren. Ich kann bis heute nicht sagen, inwieweit das eine echte Verwechslung war und inwieweit ihr Werk. Ich wei? nur, dass sie mich schon sehr fruh fur diese Mission ausgewahlt hatte.«

»Wer ist ›sie‹?«

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