Einundzwanzig
Sylveste hatte immer gewusst, dass dieser Moment kommen wurde. Aber bis jetzt war es ihm gelungen, den Gedanken auszusperren, seine Existenz zu registrieren, ohne sich mit seinen Konsequenzen zu befassen — er hatte sich verhalten wie ein Mathematiker, der den entkrafteten Teil eines Beweises so lange ignorierte, bis er den Rest aufs Grundlichste uberpruft und sich vergewissert hatte, dass er frei von krassen Widerspruchen war und nicht den kleinsten Fehler enthielt.
Sajaki hatte darauf bestanden, dass sie allein zum Captainsdeck hinunter fuhren. Weder Pascale noch jemand von der Besatzung durfte sie begleiten. Sylveste widersprach nicht, obwohl er seine Frau gern bei sich gehabt hatte. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft auf der
»Ilia meint, ihre Maschinen brauchen an Bord der
»Ich pflege meine Meinung nicht zu andern«, erklarte Sylveste.
»Dann bleibt mir nichts anderes ubrig, als mich Ihren Wunschen zu fugen. Nach sorgfaltiger Abwagung aller Umstande bin ich zu dem Schluss gekommen, Ihrer Drohung Glauben zu schenken.«
»Dachten Sie wirklich, das hatte ich noch nicht gemerkt?
Dafur kenne ich Sie zu gut, Sajaki. Wenn Sie mir nicht glaubten, hatten Sie mich gezwungen, Ihrem Captain zu helfen, so lange wir noch um Resurgam kreisten, um mich dann in aller Stille aus dem Weg zu raumen.«
»Das ist nicht wahr«, wehrte Sajaki ab. Es klang belustigt. »Sie unterschatzen meine Neugier. Ich glaube, ich hatte schon deshalb so lange mitgespielt, weil ich sehen wollte, wie viel von Ihrer Geschichte stimmte.«
Das wollte Sylveste zunachst nicht glauben, aber jeder Widerspruch war vermutlich zwecklos. »Woran zweifeln Sie denn noch, nachdem Sie Alicias Bericht gesehen haben?«
»Aber der hatte sich doch ohne weiteres falschen lassen. Die Schaden am Schiff konnten auch von der eigenen Besatzung stammen. Ich werde erst vollends uberzeugt sein, wenn irgendetwas aus Cerberus herausspringt und uns angreift.«
»Das konnen Sie haben, furchte ich«, sagte Sylveste. »Warten Sie nur noch vier oder funf Tage. Es sei denn, Cerberus ware wirklich tot.«
Danach sprachen sie kein Wort mehr, bis sie am Ziel waren.
Sylveste hatte den Captain naturlich bereits gesehen — sogar bei diesem Aufenthalt. Aber das Ausma? der Transformationen schockierte ihn von neuem; jedes Mal hatte er wieder das Gefuhl, erstmals damit konfrontiert zu werden. Tatsachlich war dies sein erster Besuch auf dem Captainsdeck, seit Calvin mit den fortgeschrittenen medizinischen Einrichtungen, die das Schiff bot, seine Augen restauriert hatte, aber das war es nicht allein. Dazu kam, dass sich der Captain seit dem letzten Mal weiter verandert hatte; es war nicht zu ubersehen — er breitete sich immer schneller aus, als musse er, wahrend das Schiff auf Cerberus zu raste, den Ubergang in eine Seinsform vollziehen, die sich niemand vorstellen konnte. Vielleicht, dachte Sylveste, war er im letzten Moment gekommen — immer vorausgesetzt, dass dem Captain uberhaupt noch irgendwie geholfen werden konnte.
Der Gedanke, die Beschleunigung konnte irgendeine und womoglich gar symbolische Bedeutung haben, war verlockend. Immerhin war der Mann seit Jahrzehnten krank — falls man seinen Zustand als Krankheit bezeichnen konnte — und doch hatte er sich ausgerechnet diesen Moment ausgesucht, um in eine neue Phase seines Leidens einzutreten. Aber diese Sicht war falsch. Man musste den Zeitrahmen des Captains berucksichtigen; der relativistische Flug hatte die Jahrzehnte zu einer Hand voll von Jahren komprimiert. Dieser jungste Krankheitsschub war weniger unwahrscheinlich, als es den Anschein hatte, und er war in keiner Weise bedrohlich.
»Wie soll die Sache eigentlich ablaufen?«, fragte Sajaki. »Wollen Sie genauso vorgehen wie beim letzten Mal?«
»Fragen Sie Calvin — er tragt die Verantwortung.«
Sajaki nickte bedachtig, als sei ihm sein Einwand eben erst eingefallen. »Sie sollten aber etwas mitzureden haben, Dan. Schlie?lich wird er durch Sie arbeiten.«
»Gerade deshalb brauchen Sie auf mich keine Rucksicht zu nehmen — ich werde gar nicht anwesend sein.«
»Ich glaube Ihnen kein Wort. Sie werden da sein, Dan — und nach allem, was ich vom letzten Mal noch wei?, werden Sie auch alles mitbekommen. Ohne Kontrolle, mag sein, aber durchaus beteiligt. Und Sie werden diesen Zustand verabscheuen — auch das haben wir noch gut in Erinnerung.«
»Sie verfugen ja plotzlich uber ganz erstaunliche Fachkenntnisse.«
»Warum hatten Sie sich von uns fern gehalten, wenn nicht aus Abscheu vor dieser Prozedur?«
»Das war keine Absicht. Es gab gar keine Fluchtmoglichkeit fur mich.«
»Ich rede nicht nur von der Zeit, als Sie im Gefangnis sa?en. Ich rede von Ihrer Expedition in dieses System. Warum hatten Sie die unternehmen sollen, wenn nicht, um vor uns wegzulaufen?«
»Ich konnte durchaus andere Grunde gehabt haben.«
Sylveste befurchtete schon, Sajaki konnte auf dem Thema noch weiter herumreiten, aber der Triumvir lie? die Gelegenheit vorubergehen und hakte den Fragenkomplex im Geiste ab. Vielleicht langweilte ihn das Thema. Sajaki war ein Mensch, der in der Gegenwart existierte, dachte Sylveste, und sich viel mit der Zukunft beschaftigte. Die Vergangenheit reizte ihn wenig. Sajaki interessierte sich nicht fur Motive oder alternative Entwicklungen, vermutlich weil dies Fragen waren, die sich auf einer bestimmten Ebene seinem Zugriff entzogen.
Sylveste hatte gehort, dass Sajaki — genau wie er selbst vor seiner Reise zu den Schleierwebern — die Musterschieber aufgesucht hatte. Fur einen Besuch bei den Schiebern gab es nur einen Grund: man wollte sich einer Neuraltransformation unterziehen, um seinen Geist fur neue Bewusstseinsformen zu offnen, die fur die menschliche Wissenschaft nicht erreichbar waren. Es hie? — eventuell war es nur ein Gerucht — kein Schieber- Transform sei ohne Nebenwirkungen; man konne den menschlichen Geist nicht umformen, ohne vorhandene Fahigkeiten einzubu?en. Immerhin gebe es nur eine endliche Zahl von Neuronen im menschlichen Gehirn, und entsprechend sei auch die Zahl der moglichen interneuronalen Verbindungen begrenzt. Die Schieber konnten das Netz zwar neu verdrahten, aber dabei wurden zwangslaufig bestehende Verbindungen zerstort. Auch Sylveste mochte gewisse Ausfalle zu verzeichnen haben, allerdings hatte er bisher noch nichts davon bemerkt. Vielleicht zeigten sich die Verluste bei Sajaki deutlicher. Der Mann hatte fast schon autistische Zuge, ihm fehlte jedes intuitive Verstandnis fur das Wesen des Menschen. Die Gesprache mit ihm hatten eine gewisse Sterilitat, aber das fiel erst auf, wenn man genau hinhorte. In Calvins Labors auf Yellowstone hatte Sylveste einmal mit einem historischen Computersystem gesprochen, das mehrere Jahrhunderte vor dem Transrationalismus, in der ersten Blutezeit der Erforschung der Kunstlichen Intelligenz gebaut worden war. Das System hatte von sich behauptet, die menschliche Sprache zu imitieren, und anfangs antwortete es auf eingegebene Fragen auch durchaus verstandig. Doch schon nach wenigen Satzen war die Illusion dahin, und mit der Zeit stellte man fest, dass die Maschine das Gesprach von sich weg steuerte und alle Fragen mit der Gleichgultigkeit einer Sphinx an sich abprallen lie?. Bei Sajaki waren diese Ausweichmanover langst nicht so extrem, aber spurbar waren sie auch hier, und er ging dabei nicht einmal sonderlich geschickt vor. Er bemuhte sich gar nicht, seine Gleichgultigkeit zu verbergen; die menschliche Tunche des Soziopathen fehlte. Sajaki hatte es ja auch nicht notig, seine Natur zu verleugnen. Er hatte nichts zu verlieren und war auf seine Art nicht mehr und nicht weniger fremdartig als der Rest der Besatzung.
Als er schlie?lich klargestellt hatte, dass er Sylvestes Grunden fur die Resurgam-Expedition nicht weiter nachzuspuren gedachte, wandte er sich an das Schiff und befahl ihm, Calvin zu rufen und sein simuliertes Abbild auf das Captainsdeck zu projizieren. Die sitzende Gestalt erschien praktisch sofort. Wie ublich spielte Calvin zunachst ein wenig Theater, indem er so tat, als sei er aus tiefem Schlaf erwacht. Er rakelte sich und sah sich um, aber diesmal war er nicht mit dem Herzen dabei.
»Fangen wir an?«, fragte er. »Soll ich in dich einfahren? Die Maschinen, mit denen ich deine Augen behandelte, bereiten mir wahre Tantalusqualen, Dan — zum ersten Mal seit Jahren erkenne ich, was mir fehlt.«
