»Es ist leider noch nicht so weit«, sagte Sylveste. »Dies ist nur ein — wie soll ich sagen? Eine Probebohrung?«
»Warum habt ihr mich dann uberhaupt geweckt?«
»Weil ich in der unerfreulichen Lage bin, deinen Rat zu brauchen.« Wahrend er sprach, tauchten zwei Servomaten aus dem finsteren Korridor auf. Es waren riesige Kettenfahrzeuge. Aus ihren Rumpfen wuchsen dicke Bundel blitzender Spezialmanipulatoren und Sensoren. Obwohl sie antiseptisch rein und spiegelblank waren, schienen sie etwa tausend Jahre alt und geradewegs einem Museum entsprungen zu sein. »Hier gibt es nichts, was fur die Seuche anfallig ware«, erklarte Sylveste. »Keine kleinen, mit blo?em Auge nicht zu erkennenden Bauteile; nichts was sich repliziert, selbst repariert oder seine Gestalt verandert. Alle Cybernetiker sind weit entfernt — Kilometer uber uns, und mit den Drohnen stehen wir nur optisch in Verbindung. Bevor wir Volyovas Retrovirus einsetzen, kommt kein Replikator gleich welcher Art an den Captain heran.«
»Sehr vernunftig.«
»Fur die Feinarbeit«, sagte Sajaki, »mussen Sie das Skalpell naturlich selbst fuhren.«
Sylveste fasste sich an die Stirn. »Meine Augen sind nicht vollig immun. Du musst sehr vorsichtig sein. Wenn die Seuche sie erwischt…«
»Vorsicht ist gar kein Ausdruck, glaube mir.« Calvin warf in der monolithischen Abgeschiedenheit seines Lehnstuhls den Kopf zuruck und lachte wie ein Betrunkener uber seinen eigenen Witz. »Wenn deine Augen hochgehen, bleibt selbst mir keine Zeit mehr, meine Angelegenheiten zu ordnen.«
»So lange du das Risiko kennst, ist es ja gut.«
Die Servomaten polterten auf den Captain zu, der wie ein gefallener Engel in seinem Kalteschlaf tank ruhte. Mehr denn je hatte man den Eindruck, als sei er nicht mit gletscherhafter Langsamkeit aus dem Behaltnis gequollen, sondern mit der Wucht eines Vulkans explodiert, um dann in einem Lichtblitz zu erstarren. Er breitete sich parallel zur Wand nach allen Richtungen aus und reichte Dutzende von Metern weit in die Korridore hinein. In unmittelbarer Nahe bestanden die Wucherungen aus baumdicken Zylindern, die wie Quecksilber in allen Farben schillerten. Ihre Oberflache war wie rauer, mit Edelsteinen besetzter Mortel, der standig blitzte und funkelte, als ginge es darunter zu wie in einem Bienenstock. Zur Peripherie hin unterteilten sich die Aste immer weiter und bildeten schlie?lich ein bronchienartiges Geflecht, das ganz am Rand mikroskopisch fein wurde und nahtlos in das Tragermaterial — das Schiff selbst — uberging. Hier waberten die Brechungsmuster wie ein Olfilm auf dem Wasser.
Der Captain bildete einen silbrig glanzenden Hintergrund, vor dem die silbernen Servomaten nahezu unsichtbar waren. Sie hatten sich zu beiden Seiten des zerstorten Kalteschlaftanks, nicht mehr als einen Meter von dem gesprengten Panzer entfernt, dicht neben seinem Herzen postiert. Hier war es immer noch kalt — hatte Sylveste den Tank des Captains beruhrt, er ware daran hangen geblieben, und die chimarische Masse des Seuchengewebes hatte sein Fleisch bald in sich aufgenommen. Zur Operation selbst wurden sie den Captain erwarmen mussen, um uberhaupt arbeiten zu konnen. Das wurde den Verfall beschleunigen — anders ausgedruckt, die Seuche wurde die Gelegenheit nutzen, um ihre Umgebung noch schneller zu transformieren —, aber nur so konnte man an ihm arbeiten. Bei seiner jetzigen Temperatur wurden alle bis auf die primitivsten Instrumente sofort stumpf und damit unbrauchbar werden.
Jetzt fuhren die Maschinen Teleskoparme mit Sensoren an der Spitze aus: magnetische Resonanz-Scanner, die tief in das Seuchengewebe eindrangen und zwischen mechanischen, chimarischen und ehemals menschlichen organischen Schichten unterscheiden konnten. Sylveste lie? sich von den Drohnen alle Daten an seine Augen ubermitteln. Die Bilder uberlagerten den Captain wie ein lilafarbener Schleier. Nur mit Muhe konnte er die letzten Umrisse der menschlichen Larve erkennen, aus der sich dieses Gebilde entwickelt hatte; sie zeichneten sich ab wie ein Geisterbild unter den neuen Farbschichten auf einer wiederverwendeten Leinwand. Aber je tiefer die Resonanz-Scanner vordrangen, desto scharfer wurden die Konturen. Die bizarre Anatomie des Seuchenopfers schalte sich heraus. Nun war das Grauen kaum noch zu ertragen. Aber Sylveste konnte den Blick nicht abwenden.
»Wo sollen wir — ich meine, wo willst du anfangen?«, fragte er, ohne Calvin anzusehen. »Heilen wir einen Menschen oder sterilisieren wir eine Maschine?«
»Keines von beiden«, sagte Calvin trocken. »Wir helfen dem Captain, und ich furchte, er hat den einen wie den anderen Zustand hinter sich gelassen.«
»Bewundernswert klar erkannt«, sagte Sajaki und zog sich aus der Kaltezone zuruck, damit Sylveste freie Sicht hatte. »Es geht nicht mehr um Heilung oder um Reparatur. Ich ziehe den Begriff Rekonstruktion vor.«
»Erwarmen Sie ihn«, verlangte Calvin.
»Wie?«
»Sie haben schon richtig gehort. Ich will, dass er erwarmt wird — nur vorubergehend, keine Sorge. Aber doch so lange, dass wir einige Gewebeproben entnehmen konnen. Volyova hat sich bei ihren Untersuchungen meines Wissens auf die Peripherie des verseuchten Gewebes beschrankt. Sie war sehr flei?ig und hat gute Arbeit geleistet; die von ihr entnommenen Proben geben nicht nur wertvolle Hinweise auf das Wachstumsverhalten, sie waren naturlich auch unentbehrlich fur die Entwicklung des Retrovirus. Aber jetzt mussen wir in den Kern vordringen; dorthin, wo noch lebendes Fleisch ist.« Er lachelte. Der angeekelte Ausdruck, der uber Sajakis Gesicht huschte, bereitete ihm ein diebisches Vergnugen. Vielleicht ist doch eine gewisse Empathie vorhanden, dachte Sylveste — zumindest ein verkummerter Rest dessen, was einmal war. Fur einen Moment fuhlte er sich dem Triumvir verwandt.
»Was interessiert Sie daran so sehr?«
»Seine Zellen naturlich.« Calvin spielte mit den Schnorkeln an seinen Armlehnen. »Man sagt, die Schmelzseuche zerstort unsere Implantate, indem sie die Replikationsfunktionen angreift, und vermengt sie mit dem Fleisch. Ich denke, es geht noch weiter. Ich denke, die Seuche strebt nach Hybridisierung — sie versucht, ein Gleichgewicht zwischen Leben und Cybernetik zu finden. Genau das tut sie hier — sie ist nicht bosartig, sie ist nur bemuht, den Captain, seine Cybernetik und das Schiff zu hybridisieren. Es ist geradezu eine gute Tat, ein Projekt mit kunstlerischem Anspruch.«
»Wenn Sie an seiner Stelle waren, wurden Sie das nicht so ausdrucken«, sagte Sajaki.
»Naturlich nicht. Deshalb will ich ihm ja helfen. Aber dazu muss ich ins Innere seiner Zellen sehen konnen. Ich mochte wissen, ob die Seuche seine DNA in Mitleidenschaft gezogen hat — ob sie versucht, seine eigenen Zellmechanismen zu ubernehmen.«
Sajaki wies einladend in die Kalte. »Wenn das so ist, dann nur zu. Sie haben meine Erlaubnis, ihn zu erwarmen. Aber nicht langer als unbedingt notig. Dann mochte ich ihn bis zur Operation wieder einfrieren. Und ich mochte nicht, dass die Proben dieses Deck verlassen.«
Sylveste bemerkte, dass die ausgestreckte Hand des Triumvirs zitterte.
»Alles hat mit einem Krieg zu tun«, sagte Khouri im Spinnenraum. »So weit ist mir die Sache klar. Sie nannten ihn den Morgenkrieg. Es war vor langer, langer Zeit, vor Millionen von Jahren.«
»Woher willst du das wissen?«
»Die Mademoiselle hat mir eine Lektion in galaktischer Geschichte verpasst, um mir zu zeigen, was auf dem Spiel steht. Und es hat funktioniert. Kannst du mir nicht einfach glauben, dass es nicht gut ware, Sylveste bei seinem Vorhaben zu unterstutzen?«
»Dieser Meinung bin ich doch ohnehin nie gewesen.«
Das kannst du erzahlen, wem du willst, dachte Khouri. Volyova war immer noch von einer geradezu kindlichen Neugier auf Cerberus/Hades besessen, und diese Neugier war sogar noch starker geworden, seit sie wusste, dass dort Gefahren lauerten. Vorher hatte das Ratsel aus einer einzelnen ungewohnlichen Neutrino- Signatur bestanden. Jetzt hatte sie dank Alicias Aufzeichnung die Maschinen der Aliens mit eigenen Augen gesehen. Nein; in gewisser Hinsicht war Volyova von dem Planeten ebenso fasziniert wie Sylveste. Der Unterschied war nur, dass man mit ihr vernunftig reden konnte. Volyova besa? noch einen Rest von gesundem Menschenverstand.
»Glaubst du, wir hatten eine Chance, Sajaki von den Risiken zu uberzeugen?«
»Kaum. Wir haben ihm zu viel verheimlicht. Schon deshalb wurde er uns toten. Ich furchte immer noch, er konnte dich trawlen. Eben hat er erst wieder davon gesprochen. Ich konnte ihn ablenken, aber…« Sie seufzte. »Wie auch immer, Sylveste hat jetzt die Faden in der Hand. Was Sajaki will oder nicht, spielt kaum noch eine Rolle.«
