»Dann mussen wir Sylveste umstimmen.«
»Das wird nicht funktionieren, Khouri. Er ware selbst vernunftigen Argumenten nicht zuganglich — und was du mir eben erzahlt hast, fallt noch nicht einmal in diese Kategorie.«
»Aber du glaubst mir.«
Volyova hob die Hand. »Ich glaube manches, Khouri — aber das ist nicht dasselbe. Ich habe einige Dinge erlebt, von denen du behauptest, sie erklaren zu konnen, zum Beispiel den Vorfall mit dem Weltraumgeschutz. Und wir wissen, dass machtige Fremdintelligenzen irgendwie die Hand im Spiel haben, deshalb kann ich deine Morgenkriegsgeschichte nicht vollig verwerfen. Aber den gro?en Uberblick haben wir noch lange nicht.« Sie hielt inne. »Vielleicht, wenn ich mit der Analyse dieses Metallstucks fertig bin…«
»Welches Metallstucks?«
»Das Manoukhian dir heimlich eingepflanzt hat.« Und dann erzahlte Volyova, wie sie das Stuck gefunden hatte, als sie Khouri nach ihrer Anwerbung untersuchte. »Damals dachte ich, es handelt sich nur um einen Granatsplitter aus deiner Soldatenzeit. Und ich fand es merkwurdig, dass eure Arzte ihn nicht gleich entfernt hatten. Vermutlich hatte ich sofort feststellen mussen, wie ungewohnlich er ist… aber es war kein funktionstaugliches Implantat, sondern eben nur ein scharfkantiges Stuck Metall.«
»Und du bist noch nicht dahinter gekommen, was es ist?«
»Nein, ich…« Volyova sprach die Wahrheit. Hinter der kleinen Scherbe steckte sehr viel mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen war. Die Metallmischung war selbst fur jemanden, der schon mit den ausgefallensten Legierungen gearbeitet hatte, ziemlich ungewohnlich. Auch, sagte Volyova, habe sie verschiedene bizarre Fabrikationsfehler gefunden, aber das konnten auch spater aufgetretene mechanische Spannungsrisse sein, Ermudungserscheinungen im Nanobereich. »Immerhin bin ich fast am Ziel«, schloss sie.
»Vielleicht verrat uns das Ding, was wir wissen mussen. Aber eines wird sich dadurch nicht andern. Ich kann die einzige Tat, die uns aus dem Schlamassel heraus helfen wurde, nicht vollbringen, nicht wahr? Ich kann Sylveste nicht toten.«
»Nein. Sollte das Risiko allerdings noch hoher werden — sollte sich mit absoluter Klarheit herausstellen, das er getotet werden muss —, dann mussten wir uns wohl uberlegen, was dazu erforderlich ware.«
Khouri brauchte einen Moment, um zu begreifen, was Volyova damit sagen wollte.
»Selbstmord?«
Volyova nickte finster. »Doch bis dahin muss ich alles tun, was in meinen Kraften steht, um Sylvestes Wunsch zu erfullen. Sonst bringe ich uns alle in Gefahr.«
»Du hast mich missverstanden«, widersprach Khouri. »Du unterstellst einfach, dass wir alle sterben mussen, wenn der Angriff gegen Cerberus keinen Erfolg hat, aber das sage ich doch gar nicht. Ich sage, dass auch dann etwas Schreckliches passiert, wenn der Angriff gluckt.
Volyova hatte die Lippen zusammengepresst und schuttelte entschieden den Kopf wie eine gestrenge Mutter, die ihr Kind zurechtweist.
»Ich kann nicht wegen einer vagen Vorahnung eine Meuterei anzetteln.«
»Dann muss ich es vielleicht tun.«
»Nimm dich in Acht, Khouri. Du musst sehr vorsichtig sein. Sajaki ist gefahrlicher, als du dir vorstellen kannst. Er wartet nur auf einen Vorwand, um dir den Schadel aufzumei?eln und nachzusehen, was drin ist. Vielleicht wartet er auch gar nicht mehr. Und Sylveste… ich wei? nicht. Auch bei ihm sollte man sich grundlich uberlegen, ob man ihm in die Quere kommen mochte. Besonders jetzt, wo er Blut gerochen hat.«
»Dann mussen wir auf Umwegen an ihn heran. Uber Pascale. Verstehst du? Wenn ich den Eindruck gewinne, dass sie ihn zur Vernunft bringen kann, werde ich ihr alles offenbaren.«
»Sie wird dir nicht glauben.«
»Vielleicht doch, wenn du meine Geschichte bestatigst. Und das wirst du doch tun?« Khouri sah Volyova an. Der Triumvir erwiderte den Blick schweigend. Vielleicht hatte sie geantwortet, doch in diesem Moment zirpte ihr Armband. Sie zog den Armel zuruck und schaute auf die Anzeige. Sie wurde oben im Schiff verlangt.
Wie immer erschien die Brucke viel zu gro?. Die Hand voll Menschen, die sich in dem riesigen Raum verteilten, wirkten geradezu verlassen. Volyova uberlegte kurz, ob sie einige der geliebten Toten beschworen sollte, um die Leere zu fullen und den Anlass ein wenig feierlicher zu gestalten. Aber das ware eine Demutigung, und uberhaupt war sie — obwohl sie sich so intensiv mit dem Projekt beschaftigt hatte — ganz und gar nicht in feierlicher Stimmung. Seit den jungsten Gesprachen mit Khouri war auch der letzte Rest an Sympathie fur das Unternehmen erloschen. Khouri hatte naturlich Recht — sie gingen schon ein unverantwortlich hohes Risiko ein, wenn sie sich nur in der Nahe von Cerberus/Hades aufhielten —, aber dagegen konnte sie nichts tun. Es ging auch nicht nur darum, dass das Schiff zerstort werden konnte. Khouri zufolge ware es sogar besser, wenn das Schiff zerstort wurde, als wenn es Sylveste gelange, ins Innere von Cerberus vorzudringen. Das konnten zwar das Schiff und seine Besatzung uberleben — aber das Gluck ware nur kurz, und was danach kame, ware sehr viel schlimmer. Eine echte Katastrophe, nicht nur fur Resurgam — nicht nur fur dieses System —, sondern fur die ganze Menschheit, wenn das, was Khouri uber den Morgenkrieg erzahlt hatte, nur halbwegs der Wahrheit entsprach.
Sie war im Begriff, den schlimmsten Fehler ihrer Laufbahn zu begehen, und es war nicht einmal ein Fehler im eigentlichen Sinn, denn sie hatte keine andere Wahl.
»Ich hoffe«, sagte Triumvir Hegazi, der auf seinem Sitz uber ihr thronte, »der Aufwand lohnt sich, Ilia.«
Das hoffte sie auch — aber sie dachte nicht daran, Hegazi gegenuber ihre Bedenken einzugestehen. »Halten Sie sich vor Augen«, sagte sie, an alle gewandt, »dass es kein Zuruck mehr gibt, wenn wir erst angefangen haben. Es konnte in jeder Hinsicht ein schlimmes Ende nehmen. Moglicherweise provozieren wir den Planeten zu einer unmittelbaren Reaktion.«
»Aber das muss nicht sein«, erklarte Sylveste. »Ich habe Ihnen wiederholt erklart, dass Cerberus nichts unternehmen wird, was unerwunschte Aufmerksamkeit erregen konnte.«
»Dann wollen wir hoffen, dass Ihre Theorien richtig sind.«
»Ich denke, wir konnen unserem guten Doktor vertrauen«, sagte Sajaki, der neben Sylveste sa?. »Er ist ebenso verwundbar wie wir alle.«
Volyova wollte die Sache gern hinter sich bringen. Sie beleuchtete das bisher noch dunkle Hologramm und fullte es mit einem Echtzeitbild der
Volyova strich uber ihr Armband und vergewisserte sich noch einmal, dass alle Anzeigen im grunen Bereich waren. Gleich ging es los: was sie auch tat, der Prozess war nicht mehr aufzuhalten.
»Mein Gott«, sagte Hegazi.
Die
Als immer mehr Trummer abfielen, drehte sich die
