verandert. Die einzige Bewegung wurde von den Fusionsjets der Sonde verursacht, die im Leerlauf einen Strahlenkranz von Schatten warfen.

Was hatten die Drohnen gesehen? Sicherlich nichts im visuellen Spektrum. Sylveste tastete sich tiefer in das Sensorium vor — es war, als schlupfe er in einen fremden Handschuh — und fand die Neuralbefehle zum Offnen verschiedener Datenkanale. Zuerst versuchte er es mit den Thermalsensoren, aber auf der ganzen Ebene herrschten konstante Temperaturen. Auch im elektromagnetischen Spektrum gab es keine Anomalien. Die Strome aus Neutrinos und exotischen Teilchen hielten sich unerschutterlich innerhalb der erwarteten Normen. Doch als er zu den Gravitationsscannern wechselte, erkannte er sofort, dass auf Cerberus die Holle los war. Ein Netz von bunten, durchsichtigen Gravitationslinien legte sich uber sein Blickfeld. Und die Linien bewegten sich.

Unter der Oberflache strebten eine Reihe von Objekten — gro? genug, um von den Massensensoren erfasst zu werden — in einer Zangenbewegung einem Punkt genau unterhalb von ihm zu. Er versuchte sich einzureden, die wandernden Schatten seien nichts als machtige unterirdische Lavastrome — nahm aber von dieser trostlichen Vorstellung sofort wieder Abschied.

Diese Gebilde waren nicht naturlichen Ursprungs.

Um einen Punkt der Ebene bildete sich ein Mandala aus sternenformig nach au?en strebenden Sprungen. Nur am Rande nahm er wahr, dass unter den anderen Sonden ahnliche Sternenmuster erschienen waren. Die Risse wurden gro?er, erweiterten sich zu drohenden schwarzen Spalten. Darunter sah Sylveste in kilometertiefe, beleuchtete Raume, durch die sich metallische Spiralen schlangelten. Sie hatten blaulichgraue Fuhler, die breiter waren als ein Canyon, und bewegten sich rasch, koordiniert und zielbewusst, mit mechanischer Prazision. Sylveste wurde von Ekel geschuttelt, als wurde er in einen Apfel bei?en, in dem sich ganze Scharen von zappelnden Maden tummelten. Jetzt wusste er Bescheid. Cerberus war kein Planet.

Cerberus war eine Maschine.

Die aufgerollten Spiralen schnellten sich durch das sternformige Loch in der Ebene und schossen ihm — langsam wie im Traum — entgegen, als wollten sie ihn vom Himmel holen. Einen schrecklichen Moment lang war alles wei? — auf allen Sinnen —, dann brachen Volyovas sensorische Eingaben abrupt ab. Sylveste sturzte so plotzlich in seinen Korper und auf die Brucke zuruck, dass er beinahe aufgeschrien hatte. Es war ein Schock, der ihn bis in die Tiefen seiner Existenz erschutterte.

Als er wieder im Vollbesitz seiner Krafte war, konnte er noch zusehen, wie Alicia einen stummen Schrei ausstie? und — starr vor Angst oder auch vor Besturzung — im Augenblick ihres Todes erkannte, wie sehr sie sich die ganze Zeit uber geirrt hatte.

Dann ertrank das Bild in wei?em Rauschen.

»Jetzt wissen wir wenigstens, dass er verruckt ist«, sagte Khouri Stunden spater. »Wenn ihn das nicht abhalten konnte, noch naher an Cerberus heranzugehen, dann ist er ein hoffnungsloser Fall.«

»Vielleicht war die Wirkung gerade entgegengesetzt«, sagte Volyova mit gedampfter Stimme, obwohl sie im Spinnenraum einigerma?en sicher waren. »Jetzt wei? Sylveste, dass es etwas gibt, das sich zu erforschen lohnt, und ist nicht mehr nur auf Vermutungen angewiesen.«

»Die Maschinen stammen von einer fremden Zivilisation?«

»Offensichtlich. Und vielleicht konnen wir sogar ihren Zweck erraten. Cerberus ist eindeutig keine echte Welt. Es ist allenfalls eine echte Welt, die sich mit Maschinen, mit einer kunstlichen Kruste umgibt. Das erklart auch, warum der Kometenkrater nie gefunden wurde — vermutlich hatte sich die Kruste selbst repariert, bevor Alicia und ihre Besatzung nahe genug herankamen.«

»Die Kruste ware demnach eine Art Tarnung?«

»Sieht ganz danach aus.«

»Warum zieht sie dann die Aufmerksamkeit auf sich, indem sie die Sonden angreift?«

Auch daruber hatte sich Volyova offenbar schon Gedanken gemacht. »Die Illusion lasst sich wohl nur auf Distanzen von mehr als einem Kilometer aufrechterhalten. Ich schatze, die Sonden waren im Begriff, die Wahrheit zu erkennen, als sie zerstort wurden. Die Welt hat also nichts verloren, sondern sogar noch gewisse Mengen an Rohmaterial gewonnen.«

»Aber wozu? Wozu umgibt man einen Planeten mit einer falschen Kruste?«

»Ich habe keine Ahnung und Sylveste vermutlich auch nicht. Deshalb wird er jetzt wahrscheinlich noch mehr darauf dringen, noch naher heran zu gehen.« Sie senkte die Stimme. »Er hat mich sogar schon gebeten, eine Strategie zu entwerfen.«

»Eine Strategie wofur?«

»Um ihn ins Innere von Cerberus zu bringen.« Sie hielt inne. »Er wei? naturlich von den Weltraumgeschutzen und halt sie fur wirksam genug, um sein Ziel zu erreichen. Sie sollen die Krustenmaschinerie an einer Stelle des Planeten schwachen. Das wird naturlich nicht genugen…« Sie schlug einen anderen Ton an. »Glaubst du, deine Mademoiselle hat immer schon gewusst, was er plante?«

»Sie hat mehr als deutlich gesagt, man durfe ihn nicht auf dieses Schiff lassen.«

»Hat sie das etwa gesagt, bevor du zu uns kamst?«

»Nein, hinterher.« Khouri erzahlte Volyova von dem Implantat in ihrem Kopf und wie die Mademoiselle fur diese Mission einen Teil ihres Ichs in Khouris Schadel ubertragen hatte. »Sie war eine Landplage«, sagte sie. »Aber sie hat mich gegen deine Loyalitatstherapien immun gemacht und dafur sollte ich ihr wohl dankbar sein.«

»Die Therapie hat so gewirkt, wie ich wollte«, sagte Volyova.

»Nein, ich habe dir nur etwas vorgespielt. Die Mademoiselle hat mir souffliert, was ich wann zu sagen hatte, und sie hat ihre Sache wohl nicht schlecht gemacht, sonst wurden wir jetzt nicht hier sitzen.«

»Sie kann aber nicht ausschlie?en, dass die Therapie zumindest in Teilen wirksam war?«

Wieder zuckte Khouri die Achseln. »Was zahlt das schon? Loyalitat nutzt jetzt doch auch nichts mehr! Du wartest nur darauf, dass Sajaki einen falschen Zug macht, das hast du praktisch zugegeben. Das Einzige, was die Besatzung noch zusammenhalt, ist Sylvestes Drohung, uns alle zu toten, wenn wir nicht tun, was er will. Sajaki ist gro?enwahnsinnig — er hatte die Therapien, die er bei dir angewendet hatte, besser kontrollieren sollen.«

»Du hast dich Sudjic nicht angeschlossen, als sie mich toten wollte.«

»Das ist richtig. Aber ich wei? nicht, wie ich reagiert hatte, wenn sie sich Sajaki — oder diesen Wichser von Hegazi — hatte vornehmen wollen.«

Volyova ging lange mit sich zu Rate.

»Na schon«, sagte sie endlich. »Uber die Loyalitatsfrage kann man vermutlich streiten. Was hat das Implantat sonst noch bewirkt?«

»Als du mich an die Waffen angeschlossen hast«, sagte Khouri, »hat sie die Schnittstelle benutzt, um sich — oder eine Kopie von sich — in den Leitstand einzuschleusen. Anfangs wollte sie wohl nur moglichst viel Einfluss auf das Schiff gewinnen, und der Leitstand war der einzige Zugang.«

»Weiter ware sie nicht gekommen, das hatte die Architektur verhindert.«

»Das stimmt. Soviel ich wei?, hatte sie au?er den Waffen nie einen anderen Bereich des Schiffes unter ihrer Kontrolle.«

»Du meinst den Geschutzpark?«

»Sie hat das Geschutz gesteuert, das sich scheinbar selbstandig gemacht hatte, Ilia. Ich wusste es schon damals, aber ich konnte es dir nicht sagen. Das Geschutz sollte Sylveste durch Fernwirkung toten, bevor wir Resurgam uberhaupt erreichten.«

»Vermutlich«, seufzte Volyova resigniert, »ergibt das alles irgendeinen verqueren Sinn. Aber wie man eine solche Waffe einsetzen kann, um einen einzigen Mann zu toten… wie gesagt, du wirst mir erklaren mussen, warum sie ihn um jeden Preis beseitigen wollte.«

»Du wirst es nicht gern horen. Besonders nicht jetzt, angesichts dessen, was Sylveste vorhat.«

»Uberlass das doch bitte mir.«

»Schon gut, schon gut.« Khouri gab sich geschlagen. »Aber da ist noch etwas — ein weitere Komplikation. Sie hei?t Sonnendieb, und ich glaube, ihr beiden habt euch bereits kennen gelernt.«

Volyova zuckte zusammen, als sei in ihrem Innern etwas zerrissen wie ein Stuck Stoff. Eine kaum verheilte Wunde war wieder aufgebrochen. »Aha«, sagte sie endlich. »Da ist er wieder, dieser Name.«

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