»Das wei? ich nicht genau. Jemand, der in Chasm City und vielleicht auf dem ganzen Planeten eine Menge zu sagen hatte. Sie nannte sich die Mademoiselle. Und sie hat peinlich darauf geachtet, ihren richtigen Namen nie zu verwenden.«
»Beschreibe sie. Vielleicht ist es jemand, den wir kennen; jemand, mit dem wir in der Vergangenheit zu tun hatten.«
»Wohl kaum. Sie war nicht…« Khouri hielt inne. »Sie war keine von euch. Vielleicht fruher einmal, aber jetzt nicht mehr. Ich hatte den Eindruck, sie hatte lange in Chasm City gelebt. Aber an die Macht gelangte sie erst nach der Schmelzseuche.«
»Sie gelangte an die Macht, und ich hatte nichts von ihr gehort?«
»Das war ja das Besondere daran. Sie stellte ihre Macht nicht zur Schau und brauchte auch nicht aufzutrumpfen, wenn sie etwas wollte. Aber sie konnte alles erreichen. Sie war nicht einmal reich — aber sie hatte ihre Tricks und kontrollierte mehr Ressourcen als irgendjemand sonst auf dem Planeten. Fur ein Schiff reichte es allerdings nicht… deshalb brauchte sie euch.«
Volyova nickte. »Du sagtest, sie konnte fruher einmal eine von uns gewesen sein. Wie meinst du das?«
Khouri zogerte. »Das ist schwer zu beschreiben. Aber der Mann, der fur sie arbeitete — er nannte sich Manoukhian — war ganz sicher ein ehemaliger Ultra. Er lie? einige Bemerkungen fallen, aus denen ich schlie?en konnte, dass er sie im All gefunden hatte.«
»Gefunden — im Sinne von gerettet?«
»So horte es sich an. Sie hatte auch diese gezackten Metallskulpturen — jedenfalls hielt ich sie anfangs fur Skulpturen. Spater erschienen sie mir eher wie Trummer eines zerstorten Raumschiffs, die sie wie ein Andenken in ihrer Nahe haben wollte.«
Das weckte in Volyova eine vage Erinnerung, die sie zunachst noch ihrem Unterbewusstsein uberlie?. »Konntest du sie dir genauer ansehen?«
»Nein. Sie trat nur als Projektion auf, und die muss nicht unbedingt wirklichkeitsgetreu gewesen sein. Wie alle Hermetiker lebte sie in einem Palankin.«
Volyova hatte mit Hermetikern gewisse Erfahrungen. »Dazu braucht sie kein Hermetiker gewesen zu sein. Vielleicht benutzte sie den Palankin nur, um ihre Identitat zu verschleiern. Wenn wir mehr uber ihre Herkunft wussten… Hat dieser Manoukhian dir weiter nichts erzahlt?«
»Nein; er hatte es gern getan — ich habe es ihm angemerkt —, aber er hat nichts verraten, womit ich etwas anfangen konnte.«
Volyova beugte sich vor. »Warum sagst du, er hatte dir gern etwas erzahlt?«
»Weil er ein Gro?maul war. Er konnte keinen Augenblick die Klappe halten. Wahrend er mit mir durch die Gegend fuhr, hat er mir unentwegt von seinen Heldentaten erzahlt und von den beruhmten Leuten, die er angeblich kannte.
Aber kein Wort uber die Mademoiselle. Das Thema war tabu; vielleicht, weil er noch fur sie arbeitete. Aber man merkte ihm an, wie sehr es ihn in den Fingern kribbelte.«
Volyova trommelte mit den Fingern auf die Konsole. »Vielleicht hat er ja doch einen Weg gefunden.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Nein, das war nicht zu erwarten. Ich behaupte auch nicht, dass er dir etwas gesagt hatte… aber ich glaube, er hat dir die Wahrheit auf andere Weise mitgeteilt.« Der Erinnerungsprozess, den sie eben noch unterdruckt hatte, forderte nun tatsachlich etwas zutage. Sie dachte zuruck an Khouris Anwerbung und an die Untersuchung, nachdem der neue Waffenoffizier an Bord gebracht worden war. »Ich bin naturlich noch nicht sicher, aber…«
Khouri sah sie an. »Du hast etwas gefunden, das ich bei mir hatte, nicht wahr? Manoukhian hatte etwas deponiert?«
»Ja. Anfangs erschien es ganz harmlos. Zum Gluck habe ich eine Marotte, die bei fanatischen Wissenschaftlern ziemlich verbreitet ist… ich werfe nichts weg —
Khouri nickte. »Richtig. Und ich furchte,
»Inzwischen haben wir die Oberflache von Cerberus von unserem derzeitigen Orbit aus eingehend untersucht«, berichtete Alicias Hologramm. »Aber vom Aufschlag des Kometen haben wir noch immer keine Spur gefunden. Jede Menge Krater, gewiss — aber keine neueren. Und das ergibt einfach keinen Sinn.« Sie hatten nur eine plausible Erklarung, fuhr sie fort. Danach musse der Komet unmittelbar vor dem Aufschlag zerstort worden sein. Selbst diese Theorie unterstelle den Einsatz irgendeiner Form von technischer Abwehr, aber zumindest lasse sich damit das Paradoxon der unveranderten Oberflache umgehen. »Aber wir haben nichts dergleichen beobachtet, und auf der Oberflache gibt es ganz sicher keine technischen Einrichtungen gleich welcher Art. Nun haben wir beschlossen, einen Schwarm Sonden auf den Planeten zu schicken. Sie sollen nach allem suchen, was uns entgangen sein konnte — Maschinen, die in Hohlen versteckt oder in Schluchten versenkt wurden, in die wir nicht hineinsehen konnen. Falls es da unten automatische Verteidigungssysteme geben sollte, konnten die Sonden vielleicht eine Reaktion auslosen.«
Ja, dachte Sylveste zynisch. Eine Reaktion hatten sie mit Sicherheit ausgelost, aber wahrscheinlich eine andere, als Alicia erwartet hatte.
Volyova suchte den nachsten Abschnitt in Alicias Bericht. Die Sonden waren abgesetzt worden: winzig kleine automatische Raumschiffe, so zart und wendig wie Libellen. Sie waren auf Cerberus zugesturzt — es gab keine Atmosphare, die sie hatte abfangen konnen — und hatten erst im letzten Moment mit einem kurzen Flammensto? aus ihren Fusionstriebwerken gebremst. Zunachst hatte man sie noch von der
»Logbuch«, sagte Alicia nach einer Lucke im Bericht.
»Die Sonden haben etwas Ungewohnliches entdeckt — die Meldung kommt gerade herein.« Sie schaute auf ein Display au?erhalb des Projektionsbereichs. »Seismische Aktivitat auf der Oberflache. Eigentlich mussten wir bereits etwas sehen, aber bisher hat sich die Kruste noch nicht bewegt. Dabei ist die Planetenbahn nicht vollkommen kreisformig, folglich mussten gravitationelle Spannungen auftreten. Fast drangt sich der Verdacht auf, die Sonden hatten das Beben ausgelost, aber das ist naturlich absurd.«
»Nicht absurder als ein Planet, der alle Spuren eines Kometeneinschlags auf seiner Oberflache loscht«, bemerkte Pascale. Dann sah sie Sylveste an. »Das war nicht als Kritik an Alicia gemeint.«
»Du magst es nicht so gemeint haben«, gab er zuruck, »aber die Kritik ware berechtigt gewesen.« Er wandte sich an Volyova. »Haben Sie au?er Alicias Logbuch noch etwas gefunden? Die Telemetriedaten von den Sonden sollten ebenfalls…«
»Die haben wir«, sagte Volyova vorsichtig. »Aber ich muss sie erst aufbereiten. Sie sind ziemlich konfus.«
»Machen Sie mir eine Neuralverbindung.«
Volyova flusterte eine Serie von Befehlen in ihr Armband. Die Brucke loste sich auf, und ein Sperrfeuer von Synasthesien brach uber Sylvestes Sinne herein. Er tauchte ein in die Daten aus einer von Alicias Sonden — das Sensorium war tatsachlich so konfus, wie Volyova vorhergesagt hatte. Aber darauf war Sylveste mehr oder weniger vorbereitet gewesen. Der Ubergang war nicht vollig glatt verlaufen, aber er war auch nicht — wie es oft vorkam — mit unertraglichen Qualen verbunden.
Sylveste schwebte uber einer Landschaft. Die Hohe war schwer zu schatzen, da die fraktalen Oberflachenstrukturen — Krater, Spalten und erstarrte, graue Lavastrome — aus jeder Entfernung ahnlich ausgesehen hatten. Aber die Forschungssonde sagte ihm, dass er sich nur einen halben Kilometer uber Cerberus befand. Er schaute auf die Ebene hinab und suchte nach Anzeichen der seismischen Aktivitat, von der Alicia gesprochen hatte. Cerberus wirkte uralt und so tot, als hatte sich dort seit Milliarden von Jahren nichts mehr
