fa?te Ainslie zusammen: »Die entscheidende Frage war: Hat Doil wirklich in allen Punkten au?er dem Fall Ernst die Wahrheit gesagt? Seit sich das bestatigt hat, glaube ich, da? Doil nicht der Morder der Ernsts ist.«

»Das ist naturlich kein Beweis«, sagte Figueras nachdenklich, »aber eine begrundete Annahme, Sergeant, die ich teilen wurde.«

Als nachstes lie? Ainslie Ruby Bowe schildern, wie sie die am Tatort beschlagnahmten Papiere gesichtet, dabei erschreckende Aufschlusse uber Cynthias Kindheit erhalten und zuletzt einen ganzen Karton voller Beweise fur den von Patrick Jensen verubten Doppelmord entdeckt hatte - Beweismaterial, das Cynthia Ernst absichtlich unterschlagen hatte.

Abschlie?end schilderte Ainslie, wie Jensen heute verhaftet worden war, worauf er Cynthia Ernst belastet und angeboten hatte, dem Staatsanwalt Schriftstucke und ein Tonband zu ubergeben.

Obwohl Yanes und Figueras als Veteranen abgebruht waren, wirkten beide wie vor den Kopf geschlagen. »Haben wir irgendeinen Beweis dafur«, fragte Yanes, »da? Cynthia Ernst in den Mord an ihren Eltern verwickelt ist?«

»Vorerst nicht, Sir«, gab Ainslie zu. »Daher sind Jensens Tonband und die Schriftstucke - falls sie so belastend sind, wie sein Anwalt behauptet - ungeheuer wichtig. Morgen mu?te der Staatsanwalt das ganze Material haben.«

»Okay, das mu? ich erst mal nach oben weitermelden«, entschied Figueras. Er sah zu Newbold hinuber. »Sollte wirklich ein City Commissioner verhaftet werden, mussen wir sehr behutsam vorgehen. Diese Sache ist verdammt hei?.« Er nahm seine Brille ab, rieb sich die Augen und murmelte: »Mein Vater wollte immer, da? ich Arzt werde.«

»Wir wollen keine Zeit mit Spielchen vergeuden«, sagte Floridas Generalstaatsanwaltin Adele Montesino streng zu Stephen Cruz. »Curzon hat mir von Ihrer verruckten Idee erzahlt, Ihr Mandant konnte sich wegen Totschlags schuldig bekennen. Okay, Sie haben sich einen kleinen Scherz erlaubt, aber jetzt befassen wir uns mit der Realitat. Mein Angebot lautet folgenderma?en: Ist das Beweismaterial, das Ihr Mandant uns anbietet, so gut, wie er behauptet, und ist er bereit, es vor Gericht durch seine Aussage zu bestatigen, verzichten wir darauf, fur ihn die Todesstrafe zu beantragen.«

»Halt, nicht so schnell!« protestierte Cruz mit erhobener Stimme.

An diesem Spatnachmittag sa?en sie in Montesinos imponierendem Buro mit mahagonigetafelten Wanden und Bucherschranken voller gewichtiger juristischer Fachwerke. Das gro?e Fenster fuhrte auf einen Innenhof mit einem Springbrunnen hinaus; dahinter waren Burohochhauser und in der Ferne das Meer zu sehen. Als E?tisch hatte Montesinos riesiger Schreibtisch zwolf Personen Platz geboten. In einem nach allen Richtungen dreh- und kippbaren Ledersessel hinter dem Schreibtisch sa? die Generalstaatsanwaltin - eine kleine, untersetzte Gestalt, die ihrem beruflichen Spitznamen »Bullterrier« wieder einmal alle Ehre machte.

Stephen Cruz, der Curzon Knowles rechts neben sich hatte, sa? Montesino gegenuber.

»Halt, nicht so schnell!« wiederholte Cruz. »Das ist kein Entgegenkommen, denn mein Mandant hat ein Verbrechen aus Leidenschaft verubt... Sie erinnern sich an Leidenschaft, Adele -Liebe und Ha?.« Dabei lachelte er plotzlich.

»Danke, da? Sie mich daran erinnert haben, Steve.« Montesino, die nur wenige mit ihrem Vornamen anzusprechen wagten, war dafur bekannt, Sinn fur Humor und Wortgefechte zu haben. »Aber ich mochte auch Sie an etwas erinnern: an die Moglichkeit, da? Ihr Mandant in ein weiteres Schwerverbrechen verwickelt ist - in den Fall Ernst, bei dem eindeutig Mord vorliegt. Unter diesen Umstanden ist mein Angebot, nicht die Todesstrafe zu beantragen, sogar gro?zugig.«

»Um das beurteilen zu konnen«, wandte Cruz ein, »mu?te man die Alternative kennen.«

»Die kennen Sie genau. Lebenslanglich.«

»Aber doch wenigstens mit einer Anmerkung - mit einer bei der Urteilsverkundung ausgesprochenen Empfehlung, dem Gouverneur nach zehn Jahren eine Begnadigung nahezulegen?«

»Ausgeschlossen!« wehrte Montesino ab. »Das gibt's nicht mehr, seit wir den Bewahrungsausschu? abgeschafft haben.«

Wie alle drei wu?ten, hatte Cruz damit eine sehr entfernte Moglichkeit angesprochen. Seit 1995 bedeutete lebenslanglich in Florida genau das, was das Wort besagte - lebenslangliche Haft. Gewi?, jeder Haftling konnte nach zehn Jahren ein Gnadengesuch einreichen, aber fur die meisten - insbesondere fur Morder - bestand kaum Hoffnung, da? der Gouverneur sie begnadigen wurde.

Falls Cruz enttauscht war, lie? er sich nichts anmerken. »Ubersehen Sie dabei nicht etwas? Angesichts dieser schlimmen Alternativen konnte mein Mandant beschlie?en, die Beweise nicht vorzulegen und seine Chance im Schwurgerichtsverfahren zu suchen.«

Montesino nickte Knowles zu. »Uber diese Moglichkeit haben wir schon gesprochen«, sagte der Staatsanwalt. »Unserer

Uberzeugung nach fuhrt Ihr Mandant einen personlichen Rachefeldzug gegen Ms. Ernst und wurde das Belastungsmaterial auf jeden Fall vorlegen.«

»Wir sind bereit, uber eine Absprache wegen des Strafma?es nachzudenken«, fugte Adele Montesino hinzu, »sobald alle Beweise auf dem Tisch liegen und wir wissen, was Ihr Mandant wirklich verbrochen hat. Aber uber mein Angebot hinausgehende Garantien wird's nicht geben. Also Schlu? mit den Spitzfindigkeiten, Schlu? mit dieser Diskussion. Auf Wiedersehen, Counselor.«

Knowles begleitete Cruz hinaus. »Wollen Sie unser Angebot annehmen, mussen Sie sich schnell melden - und mit >schnell< meine ich noch heute.«

»Mein Gott, fur den Rest meines Lebens hinter Gitter! Das ist unmoglich, unvorstellbar!« jammerte Jensen.

»Es mag unvorstellbar sein«, sagte Stephen Cruz, »aber in deinem Fall ist's nicht unmoglich. Das ist der beste Deal, den ich fur dich rausholen konnte, und wenn du nicht lieber auf den elektrischen Stuhl willst, mit dem du nach der Sachlage rechnen mu?t, rate ich dir, dieses Angebot anzunehmen.« Wie Cruz aus Erfahrung wu?te, kam im Gesprach mit Mandanten, denen man unangenehme Wahrheiten mitzuteilen hatte, irgendwann der Zeitpunkt fur klare, deutliche Worte.

Die beiden sa?en im Dade-County-Gefangnis in einem Vernehmungsraum. Jensen war in Handschellen aus seiner Zelle hergebracht worden, in die er aus dem nur einen Wohnblock entfernten Polizeiprasidium verlegt worden war. Drau?en war es bereits dunkel. Fur diesen spaten Besuch hatte Cruz eine Sondergenehmigung gebraucht, aber ein Anruf der Staatsanwaltschaft hatte ihm den Weg geebnet.

»Es gibt noch eine weitere Moglichkeit, auf die ich dich als dein Anwalt hinweisen mu?. Du konntest das Tonband und die ubrigen Beweise nicht vorlegen und dich nur wegen der Ermordung Naomis und ihres Geliebten vor Gericht verantworten. Dann mu?test du allerdings standig damit rechnen, da? spater Beweise auftauchen, die Cynthia und dich wegen der Ermordung des Ehepaars Ernst belasten.«

»Die tauchen bestimmt auf«, sagte Jensen bedruckt. »Nachdem ich davon gesprochen habe, werden die Cops - in erster Linie Ainslie - nicht lockerlassen, bis sie alles beweisen konnen. Ainslie hat unmittelbar vor der Hinrichtung mit Doil gesprochen; er wollte Cynthia anschlie?end etwas mitteilen, das Doil uber ihre Eltern gesagt hat, aber sie ist ihm ins Wort gefallen. Ich wei?, da? Cynthia starr vor Angst gewesen ist, weil sie sich gefragt hat, wieviel Ainslie rausgekriegt haben mag.«

»Du wei?t, da? Ainslie ein ehemaliger Priester ist?«

»Yeah. Vielleicht befahigt ihn das zu ungewohnlichen Einsichten.« Jensens Entschlu? schien festzustehen; er schuttelte den Kopf. »Ich werde das Tonband und die ubrigen Beweise nicht zuruckhalten. Ich will, da? alles rauskommt. Teils, weil ich die standigen Lugen satt habe, teils weil ich unabhangig davon, was mir passiert, dafur sorgen will, da? auch Cynthia nicht straffrei ausgeht.«

»Dann sind wir wieder bei dem Deal, den die Staatsanwaltschaft angeboten hat«, stellte Cruz fest. »Ich habe versprochen, deine Antwort noch heute abend zu uberbringen.«

Ihr Gesprach dauerte eine weitere halbe Stunde, bis Jensen schlie?lich unter Tranen eingestand: »Ich will nicht auf dem Stuhl sterben, und wenn das die einzige Moglichkeit ist, ihm zu entgehen, mu? ich wohl zustimmen.« Er seufzte schwer. »Vor ein paar Jahren, als ich noch obenauf gewesen bin, als ich alles hatte, was man sich nur wunschen konnte, hatte ich mir nie traumen lassen, da? ich jemals in diese Lage geraten konnte.«

»Leider«, bestatigte Cruz, »bist du nicht der einzige, von dem ich diese Klage gehort habe.«

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