Generalstaatsanwaltin selbst ubernehmen.

Wurden Zeugen vernommen, schrieb eine Gerichtsstenografin ihre Aussagen mit.

Jeder Geschworene konnte die Verhandlung durch Fragen unterbrechen, was oft genug vorkam. Alle Beteiligten verpflichteten sich durch einen Eid zur Geheimhaltung dessen, was hier besprochen wurde; die unbefugte Weitergabe von Informationen ware als Straftat geahndet worden.

Adele Montesino stand jetzt vor den sechs Tischen und begann mit einer flapsigen Bemerkung: »Ich mochte mich fur die schreckliche Hitze entschuldigen. Die Klimaanlage soll angeblich bald wieder funktionieren; wer bis dahin irgendein Kleidungsstuck ablegen will, kann das in vernunftigem Rahmen tun. Am einfachsten ist das naturlich fur Manner - wenn auch weniger interessant.«

Unter halblautem Gelachter zogen mehrere Manner ihre Jacken aus.

»Ich stehe heute vor Ihnen, um drei Anklagebeschlusse gegen ein und dieselbe Frau zu erwirken«, fuhr Montesino fort. »Der erste betrifft eine Anklage wegen zweifachen Mordes, und die Beschuldigte hei?t Cynthia Mildred Ernst.«

Bis dahin hatten die Geschworenen entspannt gewirkt; jetzt war es mit ihrer Gelassenheit vorbei. Die meisten setzten sich abrupt auf, und einige achzten sogar horbar. Der Vorsitzende beugte sich stirnrunzelnd nach vorn, um zu fragen: »Ist das eine zufallige Namensgleichheit?«

»Nein, Mr. Foreman«, antwortete die Generalstaatsanwaltin. Sie wandte sich wieder an alle Geschworenen. »Ja, meine Damen und Herren, ich spreche von Miami City Commissioner Cynthia Ernst. Und die beiden Mordopfer sind ihre verstorbenen Eltern - Gustav und Eleanor Ernst.«

Alle starrten sie verblufft an. »Das kann ich nicht glauben!« sagte eine altere Schwarze.

»Ich hab's zuerst auch nicht glauben wollen«, gab Montesino zu, »aber jetzt bin ich davon uberzeugt. Und ich wei?, da? Sie es ebenfalls glauben werden, sobald Sie die Zeugenaussagen und eine wichtige Tonbandaufnahme gehort haben. Zumindest werden Ihre Zweifel dann soweit ausgeraumt sein, da? Sie ein Strafverfahren anordnen.«

Sie blatterte in den vor ihr auf dem Tisch liegenden Papieren. »Der zweite Anklagebeschlu?, den ich ebenfalls gegen Cynthia Ernst erwirken mochte, betrifft aktive Beihilfe zur Vertuschung einer schweren Straftat, als sie noch Polizeibeamtin war. Bei diesem Verbrechen handelt es sich um die Ermordung zweier anderer Menschen, und ich werde Ihnen auch dafur Beweise vorlegen. Der dritte Anklagebeschlu? bezieht sich auf Behinderung der Justiz durch Verschweigen von Wissen uber ein Verbrechen - in diesem Fall den Namen eines Morders.«

Die Geschworenen starrten sich verwundert an, als wollten sie fragen: Kann das wahr sein? Halblautes Stimmengewirr erfullte den Raum.

Adele Montesino wartete geduldig, bis wieder Ruhe einkehrte, und rief dann ihren ersten Zeugen auf: Malcolm Ainslie, der vom Gerichtsdiener hereinbegleitet und an den Tisch der Anklagebehorde gefuhrt wurde. Als er aufgerufen wurde, hatte Ainslie wieder seine Jacke angezogen.

Die Generalstaatsanwaltin begann: »Mr. Foreman, meine Damen und Herren Geschworenen, dies ist Sergeant Malcolm Ainslie vom Miami Police Department, ein Kriminalbeamter der Mordkommission. Stimmt das, Sir?«

»Ja, Ma'am.«

»Eine personliche Frage, Sergeant Ainslie: Warum schwitzen Sie, obwohl Sie hier nicht angeklagt sind?«

Die Geschworenen lachten schallend.

»Mochten Sie, da? der Gerichtsdiener Ihre Jacke nimmt?«

»Ja, bitte.« Ainslie konstatierte nuchtern, da? Montesino clever war, wenn sie die Geschworenen bei Laune hielt; spater waren sie dann um so eher bereit, ihr zu geben, was sie wollte. Er wunschte sich, er ware ebenfalls gutgelaunt.

»Sergeant Ainslie«, fuhr Montesino fort, »erzahlen Sie uns bitte, wann und wie Sie erstmals mit Ermittlungen wegen des Mordes an Gustav und Eleanor Ernst befa?t gewesen sind.«

Ainslie, der mude und gestre?t war, atmete tief durch, um Kraft fur diese personliche Zerrei?probe zu sammeln.

Seit Malcolm Ainslie letzte Woche zweifelsfrei erfahren hatte, da? Cynthia Ernst erst Jensens Doppelmord vertuscht und anschlie?end die Ermordung ihrer eigenen Eltern organisiert hatte, war er seinen dienstlichen Pflichten weiterhin nachgekommen - manchmal jedoch fast roboterhaft. Bestimmte Dinge, das stand fest, mu?te er selbst erledigen; dazu gehorte auch die heutige Zeugenaussage. Aber er wunschte sich zum erstenmal seit Jahren verzweifelt, er konnte die ganze Sache einem Stellvertreter uberlassen und einfach weggehen.

In den letzten Tagen voller Arbeit und Enthullungen hatte er kaum mehr klar denken konnen. Als am Freitagabend das Ergebnis ihrer Ermittlungen feststand, hatte ihn gro?e Traurigkeit erfa?t. Seine Gedanken kreisten standig um Cynthia... Cynthia, deren Leidenschaft er einst geteilt hatte; deren Kompetenz er so oft bewundert, an deren Integritat er stets geglaubt hatte. Und in letzter Zeit hatte es eine Cynthia gegeben, fur die er aufrichtiges Mitleid empfand, seit er wu?te, da? sie als Kind mi?braucht worden war und ihr Baby hatte weggeben mussen, ohne es uberhaupt richtig gesehen zu haben.

Gewi?, es hatte warnende Anzeichen gegeben. Malcolm erinnerte sich an die dusteren Vorahnungen, mit denen er Ruby Bowe vor einem Monat den Auftrag erteilt hatte, den Inhalt der nach der Tat in der Villa der Ernsts beschlagnahmten Kartons zu sichten. Damals hatten sie bereits gewu?t, da? Doil nicht der Morder des Ehepaars Ernst gewesen war, und bei dieser Gelegenheit hatte er fluchtig daran gedacht, Cynthia konnte in die Morde verwickelt sein. Er hatte seinen Verdacht fur sich behalten, weil er ihn selbst fur unwahrscheinlich hielt, und spater nicht weiterverfolgt. Aber nun hatte ihn die Wirklichkeit eingeholt.

Was mu?te er jetzt tun? Selbstverstandlich hatte er keine Wahl. Obwohl er Cynthia bemitleidete, weil sie so viel durchgemacht hatte, und sogar ihren Ha? auf ihre Eltern verstand, konnte er deren Ermordung niemals billigen. Wie in diesem Augenblick wurde er tun, was er tun mu?te - aber kummervoll und unter Schmerzen.

Trotz aller Konflikte und emotionaler Wirren hatte er jedoch einen festen Entschlu? gefa?t.

Vor eineinhalb Jahren hatte Karen ihn nach Doils letztem Doppelmord gefragt: »Oh, Liebling, wieviel mehr kannst du ertragen?« Und er hatte geantwortet: »Von der Art wie heute abend nicht mehr viel.«

Diese Antwort war eine Ausflucht gewesen, das hatten sie beide gespurt. Aber noch heute wurde er Karen eine andere, differenziertere Antwort geben. Sie wurde lauten: Liebste, ich habe genug. Dies ist mein letzter Mordfall.

Im Augenblick konzentrierte er sich jedoch darauf, Adele Montesinos Frage zu beantworten: Erzahlen Sie uns bitte, wann und wie Sie erstmals...

»Als Leiter einer Sonderkommission, die zur Aufklarung einer Mordserie gebildet worden war.«

»Und hat es so ausgesehen, als sei auch das Ehepaar Ernst diesem Serienmorder zum Opfer gefallen?«

»Anfangs ja.«

»Und spater?«

»Spater sind begrundete Zweifel aufgetaucht.«

»Konnen Sie uns diese Zweifel naher erlautern?«

»Wir Ermittler sind allmahlich zu der Auffassung gelangt, der wahre Tater habe versucht, den Mord an dem Ehepaar Ernst als weitere Tat eines Serienmorders hinzustellen, gegen den wir damals ermittelt haben. Letztlich hat das jedoch nicht geklappt.«

»Sie haben eben >wir Ermittler< gesagt, Sergeant. Stimmt es, da? Sie ursprunglich als einziger Kriminalbeamter bezweifelt haben, auch die Ernsts seien Opfer dieses Serienmorders geworden?«

»Ja, Ma'am.«

»Ich wollte Ihnen nicht zuviel Bescheidenheit durchgehen lassen«, sagte Montesino lachelnd, und einige der Geschworenen lachelten ebenfalls.

»Stimmt es auch, Sergeant Ainslie, da? ein Gesprach, das Sie mit Elroy Doil, einem uberfuhrten Serienmorder, vor seiner Hinrichtung gefuhrt haben, bei Ihnen den Verdacht geweckt hat, die Ermordung der Ernsts gehore nicht zu dieser Mordserie, und Sie bei weiteren Ermittlungen die Gewi?heit gewonnen haben,

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