Cynthia Ernst habe den Doppelmord geplant und dafur einen Killer angeheuert?«
Ainslie war entsetzt. »Damit uberspringen Sie schrecklich viele... «
»Sergeant!« unterbrach Montesino ihn. »Bitte beantworten Sie meine Frage einfach mit ja oder nein. Ich denke, Sie haben sie verstanden, aber wenn Sie wollen, kann die Stenografin sie Ihnen nochmals vorlesen.«
Er schuttelte den Kopf. »Ich habe sie gehort.«
»Und die Antwort?«
»Ja«, sagte Ainslie unbehaglich.
Er wu?te, da? das eine klassische Suggestivfrage gewesen war: Sie lie? Tatsachen aus und war der Beschuldigten gegenuber unfair. Vor Gericht ware der Verteidiger aufgesprungen und hatte Einspruch erhoben, dem jeder Richter stattgegeben hatte. Aber bei Verhandlungen der Anklagekammer gab es keine Einspruche, weil keine Verteidiger zugelassen waren - auch keine Beschuldigten. Soviel bekannt war, wu?te die Beschuldigte - Cynthia Ernst -nicht einmal, da? diese Verhandlung stattfand.
Eine weitere Tatsache: Staatsanwalte legten der Anklagekammer beliebig viel oder wenig Beweismaterial vor; im allgemeinen gaben sie nur das absolute Minimum preis. Und wenn sie einen Anklagebeschlu? fur sich behielten, arbeiteten sie mit Tricks, wie Montesino es jetzt tat, um das Verfahren zu beschleunigen.
Ainslie, der schon mehrmals vor Anklagekammern ausgesagt hatte, mi?fiel diese Einrichtung von Mal zu Mal mehr, und er wu?te, da? viele Polizeibeamte sein Unbehagen teilten, weil auch sie fanden, das System der Anklagekammern sei einseitig und nicht mit unparteiischer Rechtsprechung vereinbar.
Obwohl Adele Montesino das Verfahren zu straffen versuchte, gingen die Zeugenbefragungen zwei Stunden lang weiter. Malcolm Ainslie war nach knapp einer Stunde entlassen und hinausgeschickt worden; er mu?te sich allerdings zur Verfugung halten, weil er spater nochmals aussagen sollte. Was andere Zeugen darlegten, durfte er nicht horen; au?er den Geschworenen waren nur die Justizangestellten der Anklagekammer wahrend der gesamten Verhandlung zugelassen.
Das Tatmotiv fur den Doppelmord - Cynthia Ernsts lebenslanger Ha? auf ihre Eltern - erlauterte Detective Ruby Bowe, die in einem chicen Leinenkostum auftrat, alle Fragen sorgfaltig abwog und sich gewandt ausdruckte.
Bowe schilderte, wie sie Eleanor Ernsts geheime Tagebucher entdeckt hatte, aber Adele Montesinos Fragen horten vor Cynthias Schwangerschaft auf. Statt dessen ubersprang Bowe auf Drangen Montesinos, die Eleanors Tagebucher offenbar im Klartext kannte, viele Jahre und las einen wichtigen Eintrag vor:
Bowe erwartete, auch uber Cynthias Schwangerschaft und die Geburt ihres Kindes befragt zu werden, aber Montesino sagte: »Danke, Detective, das war alles.«
Als Ruby Bowe spater mit Ainslie uber die Auslassung diskutierte, stellte er nuchtern fest: »Die Tatsache, da? Cynthia von ihrem Vater schwanger gewesen ist, hatte allzu viele Sympathien fur sie wecken konnen. Als Staatsanwaltin darf man das nicht zulassen.«
Um die Glaubwurdigkeit der Tonbandaufnahme zu untermauern, befragte die Generalstaatsanwaltin als nachsten Zeugen Julio Verona, den Chef der Spurensicherung im Miami Police Department. Nachdem er sich als Fachmann ausgewiesen hatte, fuhr Montesino fort: »Soviel ich wei?, haben Ihre Tests bewiesen, da? auf dem Tonband, das Sie uns vorspielen werden, tatsachlich die Stimmen Cynthia Ernsts und Patrick Jensens zu horen sind. Ist das richtig?«
»Ja, das stimmt.«
»Bitte beschreiben Sie uns die Tests und Ihre Schlu?folgerungen daraus.«
»In unserem Archiv hatten wir bereits Aufnahmen von Commissioner Ernst aus ihrer Zeit als Kriminalbeamtin sowie von Mr. Jensen, der einmal wegen einer anderen Sache vernommen worden war. Diese Aufnahmen haben wir mit der vorhin von Ihnen erwahnten verglichen.« Verona erlauterte, mit welchen technischen Mitteln der Stimmenvergleich vorgenommen worden war, und stellte abschlie?end fest: »Die beiden Stimmen waren jeweils identisch.«
»Und jetzt spielen wir Ihnen das Tonband vor, das zum Beweismaterial in diesem Fall gehort«, erklarte Montesino den Geschworenen. »Horen Sie bitte aufmerksam zu, aber falls Sie irgendeine Stelle noch mal horen wollen, konnen wir das Band beliebig oft abspielen.«
Verona blieb da, um den mitgebrachten Recorder zu bedienen. Sobald Patrick Jensen und Cynthia Ernst zu horen waren - erst bei ihrer Bestellung, dann etwas leiser, als sie uber den Kolumbianer Virgilio sprachen -, konzentrierten alle Geschworenen sich sichtlich darauf, jedes Wort mitzubekommen. Als Cynthia protestierte, nachdem Jensen ihr erzahlt hatte, da? Virgilio der Rollstuhlmorder war -
»Psst!« sagten mehrere Stimmen nachdrucklich, und eine Geschworene fragte: »Konnen wir das bitte noch mal horen?«
»Gewi?.« Die Generalstaatsanwaltin nickte Verona zu, der auf die Taste STOP druckte, das Band etwas zuruckspulte und es wieder anlaufen lie?.
Als die Tonbandstimmen dann uber zwei Zahlungen von zweihunderttausend Dollar sprachen - eine fur den Kolumbianer, eine fur Jensen - und Cynthia Ernst vorschlug, den Mord an ihren Eltern durch »Eigentumlichkeiten« als Tat des Serienmorders zu tarnen, wurden mehrmals emporte, aufgebrachte und entschlossene Ausrufe laut, und als die Aufnahme zu Ende war, stellte ein Mann nachdrucklich fest: »Eindeutig schuldig, und mehr brauche ich gar nicht zu horen!«
»Ich verstehe, was Sie meinen, Sir, und achte Ihre Gefuhle«, sagte Adele Montesino. »Aber hier geht es um zwei weitere Anklagebeschlusse, deshalb mochte ich Sie bitten, noch etwas Geduld zu haben. Ich wei? ubrigens nicht, ob das schon jemand aufgefallen ist, aber die Klimaanlage scheint wieder zu funktionieren.«
Ihre Feststellung loste sporadischen Beifall und etliche Seufzer aus, diesmal vor Erleichterung.
Danach wurden verhaltnisma?ig rasch einige Lucken geschlossen. Ein vorgeladener IRS-Inspektor legte Cynthia Ernsts Steuerakten vor, die bewiesen, da? sie die Zinsen ihres Bankguthabens auf den Cayman Islands ordnungsgema? angegeben und versteuert hatte. Ihr Bankguthaben war durch Einzahlungen, die als Geschenke steuerfrei waren, auf uber funf Millionen Dollar angewachsen. »Ich weise darauf hin«, sagte der Inspektor zuletzt, wahrend er seine Lesebrille abnahm, »da? Ms. Ernsts Steuern vollig in Ordnung sind.«
»Aber die Existenz dieses Bankkontos«, erklarte Montesino den Geschworenen, »untermauert die Tonbandaussage, Ms. Ernst habe die Absicht gehabt, fur die Ermordung ihrer Eltern vierhunderttausend Dollar zu bezahlen.« Montesino wies nicht auf die Ironie des Schicksals hin, da? nur durch Cynthias Steuerehrlichkeit Beweismaterial entstanden war, das sonst fur amerikanische Gerichte unerreichbar auf den Cayman Islands gelegen hatte.
Malcolm Ainslie wurde wieder hereingerufen. Er berichtete uber die Offnung von Jensens Bankschlie?fach mit dem Tonband, das die Anklagekammer gehort hatte, sowie weiteren Gegenstanden. Einer davon war ein auf den Namen Jensen ausgestelltes Flugticket der Cayman Airways fur einen Flug Miami - Grand Cayman und zuruck.
»Was hat dieser Flug zu bedeuten?« fragte Montesino.
»Mr. Jensen hat mir vorgestern im Beisein seines Anwalts erklart«, sagte Ainslie, »er habe mit Cynthia Ernst drei Tage auf den Cayman Islands verbracht und in dieser Zeit die Ermordung des Ehepaars Ernst geplant. Und er hat ausgesagt, sie seien getrennt hingeflogen - Miss Ernst unter dem Namen Hilda Shaw mit American Airlines von Miami aus.«
»Haben Sie diese zweite Aussage verifiziert?«
»Ja, Ma'am. Ich bin bei American Airlines in Miami gewesen, und die Fluggesellschaft hat mit Hilfe ihrer im Computer gespeicherten Passagierlisten festgestellt, da? an diesem Tag eine Hilda Shaw mit American Airlines nach Grand Cayman geflogen ist.«
Diese Feststellungen beruhten auf Horensagen, das wu?te Ainslie, und waren vor einem normalen Gericht nicht zugelassen worden, aber in diesem manchmal etwas merkwurdigen Verfahren waren sie erlaubt.
Mit Bezug auf den zweiten angestrebten Anklagebeschlu? wegen Nichtanzeige der von Jensen verubten beiden Morde wies Ainslie auf den Karton mit belastendem Material, das Cynthia Ernst gesammelt und versteckt
