Als Cruz von einem Gefangniswarter begleitet den Vernehmungsraum verlie?, rief er Jensen noch zu: »Morgen fruh sorge ich als erstes dafur, da? du das Tonband und die Papiere abholen kannst!«
Am nachsten Morgen betrat Malcolm Ainslie als einer der ersten Kunden die First Union Bank in Coral Gables und ging direkt ins Buro des Filialleiters. Eine Sekretarin schien ihn aufhalten zu wollen, aber Ainslie wies seine Polizeiplakette vor und marschierte weiter.
Der Filialleiter, ein sportlicher Mittvierziger, lachelte beim Anblick von Ainslies Plakette. »Na ja, ich gebe zu, da? ich heute morgen auf dem Weg zur Bank vielleicht ein bi?chen zu schnell gefahren bin.«
»Daruber sehen wir hinweg«, sagte Ainslie, »wenn Sie uns bei einem kleinen Problem behilflich sind.«
Er erklarte dem Filialleiter, ein gegenwartig inhaftierter Kunde der Bank warte drau?en in einem neutralen Dienstwagen. Er solle zu seinem Schlie?fach begleitet werden, um es zu offnen, damit die Polizei seinen Inhalt sicherstellen konne. »Das tut Ihr Kunde vollig freiwillig - Sie konnen ihn selbst fragen, wenn Sie wollen -, deshalb brauchen wir keinen Durchsuchungsbefehl, aber wir mochten diese Sache rasch und diskret abwickeln.«
»Ich naturlich auch«, bestatigte der Filialleiter. »Haben Sie...«
»Ja, Sir.« Ainslie gab ihm den Zettel, auf den Jensen seinen Namen und die Schlie?fachnummer geschrieben hatte.
Der Filialleiter zog die Augenbrauen hoch, als er den Namen las. »Das erinnert an eine Szene aus einem von Mr. Jensens Buchern.«
»Schon moglich«, stimmte Ainslie zu. »Nur ist sie leider nicht erfunden.«
An diesem Freitagmorgen war Ainslie als erstes in die Asservatenkammer gegangen, in dem Jensens personlicher Besitz, den er unmittelbar nach seiner Einlieferung hatte abgeben mussen, aufbewahrt wurde. Zu den dort lagernden Gegenstanden gehorte ein Schlusselring, von dem Ainslie den Schlussel abnahm, der offenbar zu einem Bankschlie?fach pa?te.
Der eigentliche Vorgang im Schlie?fachraum der Bank dauerte nicht lange. Patrick Jensen, dessen Hande fei waren, obwohl sein linkes Handgelenk an Ruby Bowes rechtes gefesselt war, leistete die erforderliche Unterschrift und sperrte das Schlie?fach mit seinem Schlussel auf.
Sobald die Kassette herausgezogen war, trat eine Technikerin aus der Abteilung Spurensicherung vor. Sie offnete den Deckel mit Gummihandschuhen an den Handen und nahm vier Gegenstande heraus: eine alte zusammengefaltete Immobilienbroschure, eine beschriebene Notizbuchseite, ein benutztes Flugticket und eine Minikassette Olympus XB60 aus einem Diktiergerat. Die Technikerin legte alles in einen Kunststoffbehalter, den sie rundherum zuklebte.
Die Technikerin wurde die Sachen ins Labor mitnehmen, damit sie auf Fingerabdrucke untersucht werden konnten, bevor von allem zwei Kopien angefertigt wurden - vor allem von der Tonbandaufnahme, die als wichtigstes Beweisstuck galt. Danach wurde Ainslie die vier Originale sowie einen Satz Kopien bei der Staatsanwaltschaft abliefern. Der zweite Satz war fur die Mordkommission bestimmt.
»Okay, das war's«, sagte Ainslie. »Wir konnen gehen.«
Aber der Filialleiter, der bisher im Hintergrund geblieben war, hatte noch eine Frage: »Mr. Jensen, Ihr Schlie?fach ist jetzt leer, wie ich sehe. Brauchen Sie's in Zukunft noch?«
»Bestimmt nicht«, erklarte Jensen ihm.
»Darf ich Sie dann um den Schlussel bitten?«
»Sorry, Sir.« Ainslie schuttelte den Kopf. »Den mussen wir als Beweisstuck behalten.«
»Aber wer zahlt dann die Schlie?fachgebuhr?« fragte der Filialleiter, als die Besucher den Raum verlie?en.
Der Rest dieses Freitags verging mit der Auswertung der sichergestellten Beweisstucke. Ainslie uberbrachte Staatsanwalt Knowles die vier Originale und einen Satz Kopien. Dann fuhr er zur Mordkommission zuruck, um sich gemeinsam mit Newbold und Bowe in Leo Newbolds Dienstzimmer, wo sie ungestort waren, ihre Kopie des Tonbands anzuhoren.
Die Tonqualitat war ausgezeichnet. Jedes Wort, das Patrick Jensen und Cynthia Ernst gesprochen hatten, war deutlich zu verstehen. Schon nach dem ersten Drittel flusterte Bowe aufgeregt: »Das Band enthalt tatsachlich, was Jensen versprochen hat. Da ist
»Man merkt, da? er das Gesprach geschickt dirigiert hat«, stellte Newbold fest. »Unauffallig, aber doch so, da? er alles Wichtige aufnehmen konnte.«
»Cynthia ist gewisserma?en selbst in die Falle getappt«, konstatierte Bowe befriedigt.
Malcolm Ainslie, der verwirrt und durcheinander war, au?erte sich nicht dazu.
Am Spatnachmittag kam ein Anruf von der Staatsanwaltschaft fur Ainslie. Als er dort eintraf, wurde er in Adele Montesinos Buro gefuhrt. Curzon Knowles war bei ihr.
»Wir haben uns dieses Tonband angehort«, sagte Montesino. »Sie vermutlich auch.«
»Ja, Ma'am.«
»Ich wollte Ihnen das personlich sagen, Sergeant Ainslie«, fuhr Montesino fort. »Die Anklagekammer tritt am kommenden Dienstagmorgen zusammen. Wir beantragen drei Anklagebeschlusse gegen Cynthia Ernst, wobei der wichtigste die Anklage wegen Mordes ist - und wir brauchen Sie als Zeugen.«
»Wir haben also das Wochenende und den Montag fur unsere Vorbereitungen, Malcolm«, fugte Knowles hinzu. »Und wir werden diese drei Tage brauchen, um Beweise zu sichten, Zeugen und Sachverstandige zu laden, Ihre Aussage uber Jensens Enthullungen zu protokollieren und tausend weitere Dinge zu erledigen. Am besten kommen Sie gleich morgen fruh um acht Uhr in mein Buro.«
»Wird gemacht«, murmelte Ainslie automatisch.
»Bevor Sie gehen«, fuhr Montesino fort, »mochte ich noch etwas sagen, Sergeant. Ich habe erfahren, da? Sie lange Zeit als einziger nicht geglaubt haben, das Ehepaar Ernst sei einem Serienmorder zum Opfer gefallen, und sich geschickt und geduldig daran gemacht haben, das Gegenteil zu beweisen, was Ihnen jetzt gelungen ist. Ich danke Ihnen dafur, gratuliere Ihnen zu diesem Erfolg und werde meine Gedanken zu diesem Thema an geeigneter Stelle vorbringen.« Sie lachelte. »Schlafen Sie sich gut aus. Sie haben vier anstrengende Tage vor sich.«
Als Ainslie zwei Stunden spater nach Hause fuhr, hatte er eigentlich ein Gefuhl des Triumphes empfinden mussen. Statt dessen empfand er tiefe Traurigkeit.
»Wir haben wie der Teufel geschuftet, um alles zusammenzubekommen«, sagte Curzon Knowles zu Ainslie. »Alle haben mitgespielt, und wir glauben, da? wir uberzeugend argumentieren konnen, aber diese verdammte Hitze ist wirklich lastig!« An diesem Dienstagmorgen um neun Uhr sa?en Knowles und Ainslie im Dade-County- Gerichtsgebaude in Miami im vierten Stock in einem fur Staatsanwalte reservierten kleinen Buro. Nebenan befand sich der Verhandlungsraum der Anklagekammer, in dem die heutige Verhandlung stattfinden wurde.
Beide Manner hatten ihre Jacken abgelegt, weil die Klimaanlage ausgefallen war und jetzt angeblich von Wartungstechnikern instandgesetzt wurde - bisher ohne spurbaren Erfolg.
»Montesino will Sie als ersten Zeugen aufrufen«, fuhr der Staatsanwalt fort. »Bitte versuchen Sie, uns bis dahin nicht wegzuschmelzen.«
Stimmen auf dem Flur signalisierten, da? die achtzehn Mitglieder der Anklagekammer den Saal betraten. Die Kammer bestand aus neun Mannern und neun Frauen, ungefahr zu gleichen Teilen Hispanics, Schwarze und Wei?e.
Die Hauptaufgabe einer Anklagekammer ist leicht zu definieren: Sie mu? entscheiden, ob das vorgelegte Belastungsmaterial die Eroffnung eines Strafverfahrens gegen einen Verdachtigen rechtfertigt. Manche Anklagekammern haben zusatzlich die Aufgabe, Korruption und Mi?wirtschaft in offentlichen Einrichtungen zu untersuchen, aber der unmittelbare strafrechtliche Auftrag ist wichtiger und historisch fundiert.
Im Vergleich zu normalen Strafprozessen laufen Verfahren vor der Anklagekammer uberraschend formlos ab. Hier im Dade County stand ein Bezirksrichter zur Verfugung, der aber nur selten an den Verhandlungen teilnahm. Er belehrte die Geschworenen uber ihre Rechte und Pflichten, vereidigte sie -im allgemeinen fur ein halbes Jahr - und ernannte einen Vorsitzenden, seinen Stellvertreter und den Protokollfuhrer. Der Richter beriet die Geschworenen auf ihren Wunsch in Rechtsfragen und nahm nach jeder Verhandlung ihre Entscheidung entgegen.
Im Verhandlungsraum sa?en die Geschworenen an vier langen Tischen; der Vorsitzende, sein Stellvertreter und der Protokollfuhrer hatten ihren Platz an einem Quertisch. Am zweiten Quertisch ihnen gegenuber sa? ein Staatsanwalt, der das Beweismaterial erlauterte und Zeugen befragte. Diese Rolle wurde heute die
