hatte. Auf Montesinos Aufforderung hin zeigte und erlauterte er anschlie?end die einzelnen Gegenstande.
Danach wurde Julio Verona erneut als Zeuge aufgerufen. Er sagte aus, die Fingerabdrucke auf den Plastikbeuteln in dem Karton stammten von Cynthia Ernst; auch die Handschrift auf mehreren Etiketten sei untersucht worden und stamme ebenfalls von ihr.
»Was den dritten Anklagebeschlu? betrifft«, erklarte Montesino den Geschworenen, »werde ich keinen Zeugen aufrufen, um bestatigen zu lassen, da? Cynthia Ernst den Namen des Taters, der den sogenannten Rollstuhlmord verubt hat, erfahren und entgegen ihrer gesetzlichen Verpflichtung nicht angezeigt hat. Darauf kann ich verzichten, weil Sie alle, meine Damen und Herren, selbst Zeugen sind, seit Sie vorhin diese Tonbandaufnahme gehort haben.«
Auch diese Feststellung loste Kopfnicken und zustimmendes Gemurmel aus.
Bei ihrem Schlu?wort fa?te Montesino sich kurz.
»Diese Verhandlung ist lang und schmerzlich gewesen, und ich mochte sie nicht unnotig hinauszuziehen, sondern Sie lediglich noch an eine Tatsache erinnern. Es ist
Danach zogen die Generalstaatsanwaltin und alle Justizangestellten sich zuruck, damit die Geschworenen sich ungestort beraten konnten.
Es dauerte nicht lange. Nach kaum einer Viertelstunde wurden der Bezirksrichter und die Generalstaatsanwaltin hereingerufen, worauf der Richter die Entscheidung der Geschworenen erhielt und laut verlas. In allen drei Fallen verfugte der Anklagebeschlu? die Verhaftung Cynthia Ernsts.
»Ihr mu?t euch beeilen, Jungs«, sagte Curzon Knowles warnend, als er Ainslie eine Aktenhulle mit zwei unterzeichneten Ausfertigungen der drei Anklagebeschlusse ubergab. »Sobald die Geschworenen hier herauskommen, ist ihr Geheimhaltungsschwur nichts mehr wert. Irgend jemand redet doch, und dann breitet sich diese Nachricht uber Commissioner Ernst wie ein Buschfeuer aus - naturlich auch bis zu ihr.«
Sie standen auf dem Gang vor dem Verhandlungsraum der Anklagekammer. Wahrend Knowles ihn zum Aufzug begleitete, fragte Ainslie: »Konnen Sie die Geschworenen noch eine Zeitlang hierbehalten? Ist noch eine weitere Verhandlung angesetzt?«
»Eine. Das haben wir bewu?t so geplant, aber mehr als eine Stunde bringt Ihnen das nicht. Danach wird die Sache riskanter.«
Knowles fuhr fort: »Das Prasidium ist bereits uber die Anklagebeschlusse informiert; Montesino hat den Chef angerufen. Ubrigens noch etwas: Ich soll Ihnen ausrichten, da? Sie gleich nach Ihrer Ruckkehr zu Assistant Chief Serrano kommen sollen.« Er musterte Ainslie neugierig. »Ziemlich ungewohnlich, da? die Fuhrungsspitze in Ermittlungen wegen eines Mordfalls eingreift.«
»Nicht bei einem City Commissioner. Der Oberburgermeister und die Commissioners genie?en besondere Vorrechte und mussen sehr vorsichtig angefa?t werden.«
Als Staatsbeamter, der fur viele Gro?- und Kleinstadte in ganz Florida zustandig war, verstand Knowles weniger von Lokalpolitik als selbst ein Detective-Sergeant.
Auf dem Papier, das wu?te Ainslie, war das Police Department von der Stadtpolitik unabhangig, aber die Wirklichkeit sah anders aus. Die City Commission kontrollierte den Polizeihaushalt uber den Stadtdirektor, der den Polizeiprasidenten ernannte und ihn auch absetzen konnte, was schon einmal vorgekommen war. Die Commissioners besa?en Insiderkenntnisse uber hohe Polizeibeamte, die befordert werden sollten. Und alle hatten Freunde im Prasidium, durch die sie unauffallig Druck ausuben konnten - was sie manchmal taten.
Gelegentlich, auch das wu?te Ainslie, gab es Meinungsverschiedenheiten zwischen City Commission und Police Department, weil die Commission eifersuchtig uber ihre Privilegien wachte und empfindlich reagierte, wenn diese beschnitten wurden. Schon deshalb hatte Lieutenant Newbold seine Vorgesetzten, die Majors Yanes und Figueras, vor funf Tagen uber die sensationellen neuen Erkenntnisse informiert. Die beiden hatten diese Informationen weitergegeben, und da die Fuhrungsspitze Grund zur Besorgnis hatte, uberwachte sie alle weiteren Schritte.
»Viel Gluck!« sagte Knowles noch, als die Aufzugtur sich schlo?.
Seine tiefen Depressionen vom vergangenen Freitag hatten uber das Wochenende und auch gestern angehalten, als das Netz um Cynthia sich stetig enger zuzog.
In seinem Privatleben hatte es einige Veranderungen gegeben. Am spaten Freitagabend hatte er Karen seinen Entschlu? mitgeteilt, nach diesem Fall aus der Mordkommission auszuscheiden und vielleicht auch den Polizeidienst zu quittieren, obwohl das noch zweifelhaft war. Darauf hatte Karen ihn umarmt und ihm fast unter Tranen versichert: »Darling, ich bin so erleichtert! Ich habe erlebt, wie du unter diesen Scheu?lichkeiten leidest. Du solltest bei der Polizei ganz aufhoren. Mach dir um die Zukunft keine Sorgen; wir kommen schon irgendwie zurecht!
Jetzt kam es darauf an, diesen Auftrag - unter allen Umstanden sein letzter Einsatz - so rasch wie moglich durchzufuhren.
Die Aufzugstur offnete sich im Erdgescho? des Gerichtsgebaudes.
Als Polizeibeamter hatte Ainslie seinen neutralen Dienstwagen gleich vor dem Gebaude geparkt, und die Fahrt ins Prasidium - drei Blocks nach Norden und zwei nach Westen -dauerte nicht lange.
Im Vorzimmer von Assistant Chief Serrano, der alle polizeilichen Ermittlungen beaufsichtigte, begru?te ihn eine Sekretarin:
»Guten Tag, Sergeant Ainslie. Sie werden erwartet.« Sie stand auf und offnete ihm die Tur zum Chefburo.
Drinnen sprachen Otero Serrano, Mark Figueras, Manolo Yanes und Leo Newbold miteinander. Als Ainslie eintrat, verstummten sie und sahen ihm entgegen.
»Sind das die Anklagebeschlusse, Sergeant?« Chief Serrano, ein gro?er, sportlicher Mann, sa? an seinem Schreibtisch. Als ehemaliger Kriminalbeamter hatte er eine Bilderbuchkarriere gemacht.
»Ja, Sir.«
Ainslie uberreichte ihm die mitgebrachte Aktenhulle. Serrano zog die zweifach ausgefertigten Schriftstucke heraus und verteilte sie, damit die anderen sie ebenfalls einsehen konnten.
Wahrend die vier Manner lasen, fuhrte die Sekretarin Ruby Bowe herein. Sie blieb bei Ainslie stehen und flusterte. »Wir mussen miteinander reden. Ich habe ihr Kind gefunden.«
»Cynthias?« Er starrte sie verblufft an. »Mussen wir...«
Sie antwortete flusternd: »Nein, noch nicht.«
Von den anderen, die weiterlasen, war gelegentlich ein unterdrucktes Stohnen zu horen, dann achzte Figueras vernehmlich: »O Gott! Schlimmer hatte's nicht kommen konnen.«
»Manchmal passieren eben Dinge, die keiner fur moglich halt«, stimmte Serrano resigniert zu.
Die Tur ging erneut auf, und Polizeiprasident Farrell Ketledge kam herein. Alle schwiegen und setzten sich unwillkurlich auf. »Weitermachen«, sagte der Chief halblaut. Er trat an ein Fenster, drehte sich um und erklarte Serrano: »Das ist Ihre Show, Otero.«
Die vier lasen weiter.
»Cynthia hat uns echt aufs Kreuz gelegt«, sagte Figueras. »Hat sich befordern lassen,
»Die gottverdammten Medien werden uns in der Luft zerrei?en«, sagte Yanes voraus.
Obwohl der erste Anklagebeschlu? wegen Mordes schwerwiegender war, schmerzten der zweite und dritte Beschlu? Cynthias Vertuschung zweier Morde, als sie noch Kriminalbeamtin gewesen war, und das Verschweigen eines dritten Mordes - offenbar am meisten.
»Kommt der Fall vor Gericht, kann der Proze? sich jahrelang hinziehen«, stellte Newbold fest. »Und wir
