werden. Mitleid und tiefstes Mitgefuhl uberwaltigten ihn und verdrangten in diesem Augenblick alle anderen Erwagungen. Malcolm lie? den Kopf sinken und bedeckte sein Gesicht mit den Handen. Ein krampfartiger Schauer durchlief seinen Korper. Er weinte.

»Entschuldigung«, sagte Ainslie zu Ruby. »Aber manchmal verliert man das Gefuhl fur Proportionen.« Er dachte an die Demonstranten vor dem Raiford-Gefangnis, die anscheinend die Opfer des Morders vergessen hatten.

»Ich habe letzte Nacht auch geweint. Manchmal ist dieser Job...« Ruby schuttelte den Kopf.

»Wenn wir reingehen«, erklarte er ihr, »mochte ich zuerst allein mit Cynthia sprechen.«

»Das durfen Sie nicht. Das ware gegen... «

»Ich wei?, ich wei?! Das ist gegen die Vorschriften, aber Cynthia wurde nie versuchen, mir sexuelle Belastigung vorzuwerfen; dazu ist sie zu stolz. Sie haben selbst gesagt, da? das Schreiben der Adoptionszentrale am Freitag an ihre alte Adresse in Bay Point gegangen ist; vielleicht hat sie's noch gar nicht bekommen. In diesem Fall konnte ich ihr die Nachricht schonender beibringen, und selbst wenn sie schon informiert ware... «

»Malcolm, ich mu? Sie an etwas erinnern«, wandte Ruby behutsam ein. »Sie sind kein Priester mehr.«

»Aber ich bin ein Mensch. Und ich versto?e gegen die Vorschriften, obwohl ich dazu Ihr Einverstandnis brauche.«

»Ich habe auch meine Pflicht«, protestierte sie. Beide waren sich daruber im klaren, da? Ruby mit ihrer Karriere dafur bezahlen wurde, wenn etwas schiefging.

»Horen Sie, ich stelle mich auf jeden Fall vor Sie, indem ich behaupte, ich hatte es Ihnen befohlen. Bitte!«

Sie hatten das Hafengebiet Dinner Key mit dem Rathaus erreicht. Ruby parkte direkt vor dem Haupteingang. Der Streifenwagen hielt gleich dahinter.

Ruby zogerte noch immer. »Ich wei? nicht recht, Malcolm.« Dann fragte sie: »Sagen Sie das auch Sergeant Braynen?«

»Nein. Sein Partner und er bleiben ohnehin hier drau?en. Sie kommen mit hinein, warten aber in der Eingangshalle, wahrend ich in Cynthias Buro gehe. Geben Sie mir eine Viertelstunde Zeit.«

Ruby schuttelte den Kopf. »Zehn Minuten. Hochstens.«

»Einverstanden.«

Die beiden betraten die einzigartige und anachronistische Miami City Hall durch den Haupteingang.

In einer Zeit, in der offentliche Gebaude kaum prachtig genug sein konnten und kathedralische Bauten die vermeintliche Bedeutung von Politikern unterstrichen, druckt das Rathaus von Miami - einer der wichtigsten Gro?stadte Amerikas - eher das Gegenteil aus. Das auf einer Landzunge errichtete, auf zwei Seiten an die Biscayne Bay grenzende Gebaude ist ein verhaltnisma?ig kleiner, einstockiger Bau, auf dessen wei?er Fassade nur sein Name und einige wenige Jugendstilmotive in leuchtendem Blau prangen.

Viele Besucher staunen uber die Schlichtheit dieses Gebaudes, obwohl darin der gewahlte Oberburgermeister, sein Stellvertreter, drei Commissioners und der Stadtdirektor ihre Buros haben. Andere, vor allem altere Besucher, fuhlen sich an einen Flugbootstutzpunkt erinnert, was nicht uberraschend ist, weil es der Fluggesellschaft Pan American Airways von 1934 bis 1951 als Stutzpunkt fur die Flying Clippers gedient hat, die Miami mit zweiunddrei?ig Landern verbunden haben. Als Flugboote dann wie die Saurier ausstarben, mu?te Pan Am den Stutzpunkt schlie?en, der 1954 zur Miami City Hall wurde.

Hier war Geschichte gemacht worden; vielleicht wird hier heute wieder Geschichte gemacht, dachte Malcolm.

In der Eingangshalle blieben Ainslie und Bowe am Schreibtisch eines Sicherheitsbeamten stehen. Der Uniformierte winkte sie durch, als sie ihre Polizeiplaketten vorwiesen. Bevor Ainslie, der wu?te, wo Cynthias Buro im Erdgescho? lag, sich nach links wandte, zeigte er zu einer Sitzgruppe hinuber, um Ruby zu bedeuten, sie solle dort warten. Sie trennte sich widerstrebend von ihm, wobei sie sehr betont auf ihre Armbanduhr sah.

Bevor sie in das Gebaude gegangen waren, hatte Ainslie Braynen und seinen Partner angewiesen, im Streifenwagen zu bleiben, ihre Funkgerate eingeschaltet zu lassen und sich sofort zu melden, falls er sie rief.

Ainslie ging weiter den Korridor entlang, bis er eine Tur erreichte, an der ein Schild verkundete:

OFFICE OF THE COMMISSIONER CYNTHIA ERNST

An dem Schreibtisch in dem fensterlosen Vorzimmer sa? ein junger Assistent. Im Buro nebenan arbeitete eine Sekretarin an einem Computer. Die massive dunkelgrune Tur zwischen den beiden Raumen war geschlossen.

Ainslie wies nochmals seine Polizeiplakette vor. »Ich mu? dienstlich zu Commissioner Ernst. Aber melden Sie mich bitte nicht an.«

»Nicht notig.« Der junge Mann zeigte auf die dunkelgrune Tur. »Sie konnen gleich reingehen.« Ainslie offnete die Tur, trat ein und schlo? sie hinter sich.

Cynthia sah ihm entgegen. Sie sa? mit ausdrucksloser Miene hinter einem reichverzierten Schreibtisch. Ihr Buro war geraumig und angenehm funktionell, aber nicht luxurios. Aus dem Fenster gegenuber der Tur hatte man einen schonen Blick auf den Hafen mit den vor Anker liegenden Ausflugsschiffen. Hinter der schlichten Tur in der rechten Seitenwand lag vermutlich eine kleine Toilette.

Fur einige Augenblicke herrschte Schweigen zwischen ihnen, bis Ainslie begann: »Ich mochte nur sagen, da? ich...«

»Danke, nicht notig!« Cynthias Lippen bewegten sich kaum.

Ihr Blick war eisig.

Sie wu?te alles. Weitere Erklarungen waren auf beiden Seiten uberflussig, das merkte er. Cynthia hatte ausgezeichnete Verbindungen; als City Commissioner konnte sie Gefalligkeiten erweisen, die andere Leute zu Dank verpflichteten. Offenbar hatte jemand, der in ihrer Schuld stand - vielleicht sogar aus der Anklagekammer oder dem Polizeiprasidium -, rasch nach dem Telefonhorer gegriffen, um sie zu warnen.

»Du wirst's wahrscheinlich nicht glauben, Cynthia«, sagte Ainslie, »aber ich wollte, es gabe etwas, irgend etwas, das ich tun konnte.«

»Schon, denken wir mal daruber nach.« Ihre Stimme war so eisig wie ihr vollig abwesender Gesichtsausdruck. »Ich wei?, da? du Hinrichtungen magst, deshalb konntest du an der meiner Tochter teilnehmen - damit alles vorschriftsma?ig klappt. Vielleicht auch an meiner. Das wurde dir sicher Spa? machen, nicht wahr?«

»Ich bitte dich, hor auf damit.«

»Was ware dir lieber - Reue und Tranen, ein schwacher Abglanz von Frommigkeit aus deinem fruheren Gewerbe?«

Malcolm Ainslie seufzte. Obwohl er nicht recht wu?te, worauf er gehofft hatte, war er sich daruber im klaren, da? er jegliche Hoffnung aufgeben mu?te. Und er war sich auch daruber im klaren, da? er Ruby hatte mitnehmen sollen. Da? er sie dazu uberredet hatte, ihn mit Cynthia allein zu lassen, war ein Fehler gewesen.

»Was ich zu tun habe, ist auf jeden Fall schwierig«, sagte er und uberreichte ihr den Haftbefehl. »Tut mir leid, aber du bist verhaftet. Ich mu? dich darauf hinweisen, da?...«

Cynthia lachelte spottisch. »Ich nehme die Belehrung uber meine Rechte als erhalten an.«

»Ich brauche deine Pistole. Wo ist sie?« Ainslies rechte Hand lag jetzt an seiner eigenen Glock, die er aber nicht zog. Er wu?te, da? Cynthia ebenfalls eine 9mm-Pistole dieses Typs besa?; wie alle in den Ruhestand tretenden Polizeibeamten hatte sie ihre Dienstwaffe als Geschenk der Stadt behalten durfen.

»Hier im Schreibtisch.« Sie war aufgestanden und deutete auf eine Schublade.

Ohne sie aus den Augen zu lassen, zog Ainslie die Schublade mit der linken Hand auf und tastete nach der Pistole ab. Sie lag unter einem weichen Tuch. Er nahm sie heraus und steckte sie ein.

»Dreh dich bitte um.« Er hielt Handschellen bereit.

»Nein, noch nicht.« Ihre Stimme klang fast wieder normal. »Ich mu? erst auf die Toilette. Bestimmte Dinge kann man mit auf den Rucken gefesselten Handen schlecht erledigen.«

»Nein. Bleib, wo du bist.«

Cynthia wandte sich ungeruhrt ab und ging zu der inneren Tur, die er beim Hereinkommen gesehen hatte. Uber die Schulter hinweg forderte sie ihn spottisch auf: »Los, tu's doch, wenn's dir nicht pa?t - erschie? mich!«

Zwei fluchtige Gedanken gingen ihm durch den Kopf, aber er verdrangte beide.

Als die Tur aufging, sah er dahinter ein WC. Ebenso offensichtlich war, da? dieser kleine Raum keinen

Вы читаете Der Ermittler
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату