zweiten Ausgang besa?. Die Tur fiel rasch ins Schlo?. Ainslie nahm die rechte Hand von seiner Dienstwaffe und ging mit gro?en Schritten auf die Tur zu, um sie zu offnen - notfalls mit Gewalt. Er ahnte plotzlich, da? er zu langsam reagiert hatte.

Aber bevor er die Tur erreichte, wurde sie schon nach wenigen Sekunden von innen aufgerissen. Cynthia, deren Gesicht zu einer ha?erfullten Maske erstarrt war, stand mit funkelnden Augen auf der Schwelle. »Halt! Keine Bewegung!« fauchte sie ihn an. In der rechten Hand hielt sie eine winzige Schu?waffe.

In dem Bewu?tsein, ubertolpelt worden zu sein, weil diese Waffe vermutlich auf der Toilette versteckt gewesen war, begann er: »Cynthia, hor zu... wir konnen...«

»Halt die Klappe!« In ihrem Gesicht arbeitete es. »Du hast gewu?t, da? ich diese Waffe habe. Du hast's doch gewu?t?«

Ainslie nickte langsam. Er hatte es nicht sicher gewu?t, aber vor kaum einer Minute war ihm diese Moglichkeit in den Sinn gekommen; das war einer seiner Gedanken gewesen, die er verworfen hatte. Die Waffe, die Cynthia in der Hand hielt, war die winzige verchromte, funfschussige Pistole Smith & Wesson, ihre »Wegwerfwaffe«, die sie damals bei dem Bankraub mit Geiselnahme, den Ainslie und sie zufallig miterlebt hatten, so wirkungsvoll zum Einsatz gebracht hatte.

»Und du hast geglaubt, ich wurde sie vielleicht gegen mich verwenden! Um mir und allen anderen eine Menge Schwierigkeiten zu ersparen. Los, gib's zu!«

Dies war der Augenblick der Wahrheit. »Ja, du hast recht«, gab Ainslie zu. Das war sein zweiter Gedanke gewesen.

»Nun, ich werde sie gebrauchen. Aber dich nehme ich mit, du Schweinehund!« Er sah, wie sie langsam ihre Pistole hob, um wie eine Scharfschutzin zielen zu konnen.

Verschiedene Moglichkeiten fuhren ihm wie Blitze durch den Kopf. Er hatte beispielsweise nach seiner Waffe greifen konnen; aber Cynthia hatte bei der ersten Bewegung abgedruckt - und er hatte den Bankrauber mit dem Loch mitten in der Stirn gesehen. Was Ruby betraf, waren bisher noch keine funf Minuten vergangen. Mit vernunftigen Argumenten war Cynthia nicht mehr beizukommen. Konnte er noch etwas tun? Nein, gar nichts. Er konnte nur akzeptieren, da? sein Ende gekommen war...

Cynthia war schu?bereit. Er schlo? die Augen, dann horte er den Schu?... Seltsamerweise spurte er nichts... Er machte die Augen wieder auf.

Cynthia war zusammengebrochen; ihre Augen waren geschlossen, und sie hielt weiter die kleine Pistole umklammert. Aus einer Einschu?wunde an ihrer linken Brustseite quoll Blut.

An der Tur zum Vorzimmer richtete Ruby Bowe sich aus der halb gebuckten Haltung auf, in der sie mit ihrer 9mm-Pistole gezielt hatte.

5

Die sensationelle Meldung von Cynthia Ernsts gewaltsamem Tod brandete wie eine Flutwelle durch Miami.

Und die Nachrichtenmedien uberschlugen sich.

Das taten auch die beiden verbliebenen City Commissioners, die in hellem Zorn gegen die vermeintlich fahrlassige Erschie?ung ihrer Kollegin protestierten.

Noch bevor die Leiche abtransportiert werden konnte, nachdem ein Notarzt Cynthia Ernsts Tod festgestellt hatte, waren zwei Fernsehteams da, filmten im Rathaus und stellten Fragen, die niemand vernunftig beantworten konnte. Abgehorte Funkgesprache der Polizei hatten sie ebenso alarmiert wie andere Reporter und Fotografen, die rasch zu ihnen stie?en.

Mit hastig angeforderter Verstarkung bemuhten Sergeant Braynen und sein Partner sich, Ruhe und Ordnung zu bewahren.

Fur Malcolm Ainslie und Ruby Bowe glichen die Ereignisse nach der Konfrontation einer Filmmontage mit verwirrend rasch wechselnden Szenen. Nach hastigen Telefongesprachen mit Assistant Chief Serrano wurden sie angewiesen, vorerst im Rathaus zu bleiben und mit niemandem zu sprechen, bis ein Ermittlerteam der Abteilung Innere Angelegenheiten eintraf -das ubliche Verfahren in Fallen von dienstlichem Schu?waffengebrauch mit Verletzungen oder Todesfolge. Das aus einer Sergeantin und einem Kriminalbeamten bestehende Team traf wenig spater ein und befragte Ainslie und Bowe eingehend, aber keineswegs feindselig.

Das Police Department, das selbst noch Informationen sammelte, lehnte es zunachst ab, sich zur Erschie?ung von City Commissioner Ernst zu au?ern, versprach aber luckenlose Aufklarung bei einer Pressekonferenz um achtzehn Uhr, an der auch der Polizeiprasident teilnehmen wurde.

Unterdessen teilte der Chief of Police dem Oberburgermeister und den City Commissioners mit, er werde sie eine Stunde vor dieser Pressekonferenz anrufen und personlich uber die neuesten Erkenntnisse informieren. Eine Besprechung in seinem Buro ware zweckma?iger gewesen, aber das »Sonnenscheingesetz« Floridas bestimmte, da? die Commissioners nirgends zusammenkommen durften, ohne da? Medien und Offentlichkeit informiert und zugelassen wurden.

Nach ihrer Befragung mu?ten Ainslie und Bowe in Assistant Chief Serranos Buro hinter verschlossener Tur Serrano und den Majors Yanes und Figueras ausfuhrlich Bericht erstatten. Die beiden beantworteten alle Fragen wahrheitsgema?; andererseits wurden keine allzu bohrenden Fragen gestellt - beispielsweise nicht danach, weshalb Malcolm und Ruby sich im Rathaus fur kurze Zeit getrennt hatten. Ainslies Instinkt sagte ihm, da? die Reihen sich schlossen, weil das Police Department alles unternahm, um seine eigenen Leute zu schutzen. Und er fragte sich, ob ihre Vorgesetzten daran dachten, was Major Yanes bei der letzten Besprechung uber Cynthia gesagt hatte: Sie konnte sich anstandigerweise eine Kugel in den Kopf jagen. Das wurde allen eine Menge Scherereien ersparen. Empfanden sie kollektive Schuldgefuhle, weil niemand gegen diese Au?erung protestiert hatte? Und spurten sie vielleicht, da? bohrende Fragen Dinge ans Tageslicht fordern konnten, die sie nicht horen wollten?

Diese Fragen, das wu?te Ainslie, wurden niemals beantwortet werden.

Zuletzt wurde die amtliche Version der Ereignisse von Serrano handschriftlich zu Papier gebracht, um abgetippt und als erste Pressemitteilung verbreitet zu werden:

Aufgrund dreier Anklagebeschlusse einer Anklagekammer sollten zwei Kriminalbeamte - Sergeant Malcolm Ainslie und Detective Ruby Bowe - City Commissioner Cynthia Ernst verhaften. Als die Verhaftete scheinbar entwaffnet war, da sie die nachweislich in ihrem Besitz befindliche Pistole abgegeben hatte, und bevor ihr Handschellen angelegt werden konnten, zog sie uberraschend eine versteckt getragene kleine Pistole. Aber bevor die Verhaftete auf Sergeant Ainslie schie?en konnte, wurde sie von Detective Bowe mit ihrer Polizeidienstwaffe erschossen.

Diese Tatsachen bestatigten wenig spater die beiden uniformierten Beamten, Sergeant Braynen und sein Partner, die sofort nach dem Schu? von Ainslie uber Funk verstandigt worden und nach kaum einer halben Minute am Ort des Geschehens gewesen waren.

Malcolm und Ruby redeten erst spater in einem ruhigen Augenblick daruber, was wirklich passiert war.

»Nachdem ich ein paar Minuten gewartet hatte, bin ich nervos geworden«, berichtete Ruby. »Aber das war wohl gut so, nicht wahr?«

Ainslie legte beide Hande auf Rubys Schultern und sah ihr in die Augen. »Sie haben mir das Leben gerettet«, erklarte er ihr. »Falls ich jemals etwas fur Sie tun kann, brauchen Sie's nur zu verlangen.«

»Sollte mir etwas einfallen«, sagte sie mit schwachem Lacheln, »melde ich mich bei Ihnen. Aber ich hab's auch aus eigenem Interesse getan. Ohne Sie ware die Arbeit in der Mordkommission ganz anders. Sie haben uns allen viel beigebracht, waren uns immer ein leuchtendes Beispiel gewesen. Es macht Sie hoffentlich nicht verlegen, wenn ich das sage?«

Ainslie zuckte befangen die Schultern. »Ein bi?chen, nehme ich an.« Dann fugte er mit Bedacht hinzu: »Die Zusammenarbeit mit Ihnen, Ruby, habe ich immer als ein Privileg empfunden.«

Dies war nicht der rechte Augenblick, fand er, ihr von seinem Entschlu? zu erzahlen, die Mordkommission und vielleicht auch das Police Department zu verlassen. Davon brauchten vorlaufig nur Karen und er zu wissen.

Die Vorbereitungen fur die Pressekonferenz wurden in fliegender Eile getroffen, wahrend zugleich die Telefondrahte zwischen Polizeiprasidium und Staatsanwaltschaft hei? liefen. Man einigte sich darauf, alle Cynthia Ernst betreffenden Tatsachen bekanntzugeben: die drei Anklagebeschlusse; Eleanor Ernsts Tagebucher; Cynthias sexueller Mi?brauch durch ihren Vater; ihre Schwangerschaft; Cynthias Mordkomplott gegen ihre Eltern; sogar die

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