stehen dann standig unter Beschu?.«
Die anderen nickten resigniert.
»Das war's vorlaufig«, entschied Serrano. »Ich wollte Sie auf dem laufenden halten, weil wir alle betroffen sind. Aber wir durfen keine Zeit verlieren.«
»Ware vielleicht nicht schlecht, wenn Ernst davon erfuhre, bevor wir sie holen.« Das war Manolo Yanes' Stimme. »Dann konnte sie sich anstandigerweise eine Kugel in den Kopf jagen. Das wurde allen eine Menge Scherereien ersparen.«
Ainslie hatte erwartet, da? Yanes' Bemerkung einen scharfen Tadel auslosen wurde. Zu seiner Uberraschung blieb er jedoch aus; statt dessen herrschte nur Schweigen.
»Das mag unangenehm fur Sie sein, Sergeant Ainslie, aber wir haben beschlossen, Sie die Verhaftung vornehmen zu lassen.« Nach kurzer Pause fragte er rucksichtsvoll: »Bereitet Ihnen das irgendwelche Probleme?«
Er wu?te es also. Ainslie konnte sich denken, da? sie alles von Cynthia und ihm wu?ten. Ihm fiel ein, was Ruby gesagt hatte:
»Es wird mir keinen Spa? machen, Sir. Wer hatte wohl Spa? daran? Aber ich tue, was erforderlich ist.« Irgendwie fuhlte er sich Cynthia gegenuber verpflichtet, diese Sache durchzustehen.
Serrano nickte anerkennend. »Da es um einen City Commissioner geht, wird die Offentlichkeit ab sofort jeden Schritt mit Argusaugen verfolgen. Sie genie?en einen ausgezeichneten Ruf, und ich bin zuversichtlich, da? keine Pannen, keine Fehler passieren.«
Der Assistant Chief warf einen Blick auf den Zettel, den seine Sekretarin ihm eben hingelegt hatte. »Wir lassen Ernst seit heute morgen beschatten. Vor einer halben Stunde ist sie in ihr Buro im Rathaus gefahren. Dort befindet sie sich jetzt.« Er sah zu Ainslie auf. »Sie mussen eine Kriminalbeamtin mitnehmen. Detective Bowe wird Sie begleiten.«
Ainslie nickte. Heutzutage wurde keine Frau mehr von einem einzelnen Beamten verhaftet; das leistete Klagen wegen angeblicher sexueller Belastigung zu leicht Vorschub.
Serrano fuhr fort: »Ich habe angeordnet, da? Sie von einer Streifenwagenbesatzung unterstutzt werden. Sie steht bereits unten und wartet auf Ihre Befehle. Und das hier brauchen Sie auch.« Er ubergab den im Vorgriff auf die Anklagebeschlusse ausgestellten Haftbefehl. »Und jetzt los!«
Im uberfullten Lift sah Ruby zu Ainslie auf, aber er murmelte: »Spater. Erzahlen Sie's mir unterwegs.« Als sie aus der Kabine traten, wies er Ruby an: »Sie besorgen uns einen Wagen. Ich rede inzwischen mit unseren Begleitern.«
Die beiden uniformierten Beamten - Sergeant Ben Braynen, den Ainslie gut kannte, und sein Partner - warteten vor dem Personaleingang neben ihrem blauwei?en Streifenwagen. »Wir sind eure Verstarkung«, sagte Braynen zur Begru?ung. »Der Befehl ist von ganz oben gekommen. Du scheinst verdammt wichtig zu sein.«
»Hochstens vorubergehend«, erklarte Ainslie ihm. »Und ich bekomme trotzdem nur den ublichen Gehaltsscheck.«
»Okay, welchen Auftrag haben wir?«
»Wir fahren zur City Hall in Coconut Grove, wo die Commissioners ihre Buros haben. Ich nehme dort mit Bowe eine Verhaftung vor, und ihr kommt zur Verstarkung mit.« Er wies den Haftbefehl vor und zeigte seinem Kollegen, auf welchen Namen er ausgestellt war.
»Ohne Schei??« fragte Braynen unglaubig. »Stimmt das wirklich?«
Ruby Bowe stellte sich mit einem neutralen Dienstwagen vor den Streifenwagen.
»Ja, leider«, bestatigte Ainslie. »Bleibt also dran. Wir brauchen euch wahrscheinlich nicht, aber es beruhigt, euch in der Nahe zu wissen.«
Ainslie wartete, bis sie auf die Stra?e hinausgefahren waren, bevor er Ruby fragte: »Also, was gibt's?«
»Wichtig ist, da? Cynthia uns moglicherweise schon erwartet«, sagte Ruby. »Wegen einer Tatsache, die ich gestern am spaten Abend rausbekommen habe.«
»Viel Zeit haben wir nicht mehr. Los, reden Sie schnell!«
Und Ruby berichtete...
Seit sie aus Eleanor Ernsts Tagebuch wu?te, da? Cynthia das Kind ihres Vaters zur Welt gebracht hatte, war sie bestrebt gewesen, das weitere Schicksal des Babys aufzuklaren: eines ungeliebten Kindes, dessen Geschlecht Eleanor Ernst nicht einmal erwahnt hatte und das sofort zur Adoption freigegeben worden war.
»Es ist ein Madchen gewesen«, berichtete Ruby. »Das habe ich im Adoptionszentrum gleich anfangs erfahren.« Weitergehende Auskunfte sowie die Einsichtnahme in die damalige Akte hatte das Zentrum jedoch aus Datenschutzgrunden verweigert. Ruby hatte nicht darauf bestanden, erklarte sie Ainslie, weil diese Informationen nicht ermittlungsrelevant waren. Die Existenz des Kindes war schon bekannt, und die Aufklarung seines Schicksals hatte keinen Einflu? auf die Ermittlungen im Mordfall Ernst gehabt.
»Aber die Sache hat angefangen, mich personlich zu interessieren«, sagte Ruby. »Ich bin noch mehrmals im Zentrum gewesen, weil ich dort eine altere Sozialarbeiterin kennengelernt hatte, der ich zugetraut habe, sich uber die Vorschriften hinwegzusetzen und mir Informationen zu liefern. Sie hat lange gezogert - und mich vorgestern angerufen, weil sie nachste Woche pensioniert wird. Ich bin gestern abend zu ihr gefahren, und sie hat mir die fotokopierte Adoptionsakte mitgegeben.«
Aus dieser Akte ging hervor, berichtete Ruby weiter, da? die Adoption von Cynthias Tochter keine zwei Jahre gedauert hatte. Die Adoptiveltern waren in einem Verfahren wegen Kindesmi?handlung verurteilt worden und hatten die Kleine wieder hergeben mussen. Danach war das Madchen bis zu seinem vierzehnten Geburtstag, mit dem die Akte schlo?, in standig wechselnden Pflegefamilien untergebracht gewesen.
»Eine traurige Mischung aus Gleichgultigkeit und seelischer Grausamkeit«, stellte Ruby fest. »Ich wollte mich bei der letztgenannten Familie nach ihr erkundigen, aber das war uberflussig, als ich den Namen gesehen habe, den die Kleine bekommen hat - und noch heute tragt.«
»Namlich?«
»Maggie Thorne.«
Der Name kam Ainslie bekannt vor; er konnte ihn nur nicht einordnen.
»Den Fall hat damals Jorge Rodriguez bearbeitet«, fuhr Ruby fort. »Die Sache mit dem deutschen Touristen Niehaus, der bei einem Raububerfall erschossen worden ist. Ich glaube, Sie haben... «
»Richtig, ich habe gemeinsam mit Jorge ermittelt.«
Ainslie erinnerte sich wieder an die Einzelheiten - an einen kaltblutigen Mord, der international Aufsehen erregt hatte, und das schuldige Paar: Kermit Kaprum, ein junger Schwarzer, und Maggie Thorne, eine junge Wei?e... die ballistischen Untersuchungen hatten gezeigt, da? beide geschossen hatten, wobei die todlichen Schusse aus Thornes Waffe stammten... bei ihrer Vernehmung hatte sie die Tat gestanden.
Schon damals, das wu?te Ainslie noch gut, war ihm das Gesicht der jungen Frau bekannt vorgekommen. Jetzt war ihm auch klar, warum. Er hatte nicht die Beschuldigte, sondern Cynthia - ihre Mutter - gekannt. Noch nachtraglich war Maggie Thornes Ahnlichkeit mit ihr geradezu unheimlich.
»Das ist noch nicht alles«, sagte Ruby, als sie auf den Bayshore Drive abbog. »Die Mitarbeiterin aus dem Adoptionszentrum, von der ich die Akte habe, hat versucht, sich abzusichern. Werden vertrauliche Unterlagen aus irgendeinem Grund weitergegeben, mu? die wahre Mutter des Kindes informiert werden und das hat die Sozialarbeiterin getan. Sie hat Cynthia einen Formbrief uber Maggie Thorne geschrieben -diesen Namen hat Cynthia vermutlich erstmals gehort -, um ihr mitzuteilen, die Polizei habe Auskunfte uber ihre Tochter eingeholt. Dieser Brief ist am Freitag an die alte Adresse in Bay Point abgeschickt worden. Cynthia durfte ihn inzwischen haben.«
»Der Fall Niehaus...« Ainslie war so verwirrt, da? seine Stimme schwankte. »Wie ist der ausgegangen?« Es gab so viele Falle. Er glaubte sich zu erinnern, was aus dem jungen Paar geworden war, wollte aber trotzdem sichergehen.
»Kaprum und Thorne sind beide zum Tod verurteilt worden. Sie sitzen in der Death Row, legen durch samtliche Instanzen Berufung ein.«
Ainslie konnte nur noch an Cynthia denken, die einen Formbrief erhalten hatte... Cynthia war hellwach; sie verfolgte wichtige Falle und wurde den Namen Maggie Thorne sofort mit der Sache Niehaus in Verbindung bringen und ihre Schlu?folgerungen aus der Tatsache ziehen, da? die Polizei sich fur ihre Tochter interessierte... Ein Formbrief, der ihr praktisch mitteilte, ihr einziges Kind, das sie nie kennengelernt hatte, werde bald hingerichtet
