drei Manner verstellten die Autotur; die Kinder waren etwas zuruckgewichen.
»Ich kann's nicht glauben!« flusterte Garcia. »Die wollen die Tur aufbrechen.«
»Das gibt 'ne Uberraschung«, sagte Dannelly mit der rechten Hand an ihrer Dienstwaffe.
Aber als der Mann mit dem Schraubenzieher sich durch einen raschen Blick in die Runde vergewissern wollte, da? sie nicht beobachtet wurden, sah er ein naher kommendes Polizeifahrzeug.
»Mein Streifenwagen!« sagte Dannelly triumphierend.
Die drei Manner wichen sofort zuruck und verschwanden hastig. Der Neuankommling, den Dannelly als Alec Polite identifiziert hatte, rutschte aus, als er um den Minivan herumging, und konnte sich gerade noch auf der Motorhaube abstutzen. Dann verschwand auch er.
Der Streifenwagen hielt, und Fahrer und Beifahrer stiegen zu einem kurzen Rundgang aus. Wie immer in Little Haiti war die Stra?e beim Erscheinen der Polizei plotzlich wie leergefegt. Einer der Uniformierten sah kurz zu dem blauen Lumina hinuber, dann stiegen die beiden wieder ein und fuhren weg.
»Fahren wir auch?« fragte Garcia.
»Augenblick noch.« Diesmal benutzte Dannelly ihr Kombigerat, um zu telefonieren. Als Sergeant Ainslie sich meldete, sagte sie: »Teresa Dannelly. Ich habe eine Frage... «
»Schie?en Sie los, Terry.«
»Ist am ersten Tatort - im Royal Colonial - nicht ein unidentifizierter Handflachenabdruck sichergestellt worden?«
»Yeah, und wir haben bisher noch keinen gefunden, der dazu pa?t.«
»Wir haben einen Abdruck von Alec Polite. Er ist auf unserem Van, und ich furchte, da? es hier bald regnen wird. Konnen Sie dafur sorgen, da? er uberpruft wird, wenn wir schnell irgendwo hinfahren?«
»Klar kann ich das«, antwortete Ainslie. »Fahrt zum Parkplatz fur sichergestellte Wagen und stellt den Van unter dem Dach ab. Ich schicke einen von der Spurensicherung los, der sich dort mit euch trifft.«
»QSL. Danke, Malcolm.« Sie nickte Jose Garcia zu, der wieder am Steuer sa?. »Los, wir hauen ab!«
Eine Stunde spater wurde Malcolm Ainslie angerufen.
»Hier ist Sylvia Waiden. Ich habe den Abdruck von Sergeant Dannellys Van mit unserem Teilabdruck aus dem Royal Colonial verglichen. Die beiden sind sich nicht im geringsten ahnlich. Sorry.«
»Schon in Ordnung«, sagte Ainslie. »Jeder Verdachtige weniger kann uns nur recht sein.«
Die Kriminalbeamten Hector Fleites und Ogden Jolly erwartete ein Erlebnis ganz anderer Art. Beide waren vom Raubdezernat abkommandiert. Fleites, jung und ehrgeizig, wollte einen privaten Sicherheitsdienst grunden, sobald er ein paar Jahre Erfahrung im Polizeidienst gesammelt hatte. Jolly war kompetent, aber gelassener und humorvoller als Fleites.
Die beiden hatten James Calhoun zu uberwachen, der seinen Spitznamen »Little Jesus« dem auf seiner Brust eintatowierten Kreuz und seiner Behauptung verdankte, der wiedergekehrte Jesus zu sein, der bald gen Himmel auffahren werde.
»Inzwischen ist er hier unten flei?ig gewesen«, hatte Detective Jolly gescherzt. Calhoun war wegen Totschlag, Raububerfall und bewaffnetem Einbruch vorbestraft und hatte zweimal gesessen. Jetzt war er auf Bewahrung entlassen und wohnte in den Brownsville Projects - ein weiterer inoffizieller Name fur eine vor allem von Hispanics und Schwarzen bewohnte Siedlung hinter dem Northside Shopping Center. Von dort aus waren Fleites und Jolly in einem Werkstattwagen der Southern Bell hinter ihm her zu der beliebten Disko Kampala Stereophonie gefahren.
Dies war nun schon der dritte Abend, an dem Calhoun sich im Kampala vollaufen lie?. Um einundzwanzig Uhr hatten die Kriminalbeamten die mitgebrachten Sandwiches mit mehreren Bechern Kaffee hinuntergespult, waren mude und fingen an, sich zu langweilen.
Dann sahen sie mehrere Nutten, die wie zufallig die Stra?e entlangschlenderten und sich herausfordernd umsahen, bevor sie das Kampala betraten. Diese Frauen kannten die beiden Kriminalbeamten aus der Zeit, als sie noch Streifenpolizisten gewesen waren. Und der Cadillac, der jetzt in der Nahe auf einem schwachbeleuchteten Parkplatz stand, gehorte bestimmt einem Zuhalter, der seine Pferdchen im Auge behielt, wahrend er sie anschaffen lie?.
Die potentiellen Freier waren offenbar verstandigt worden, denn bald fuhr ein Auto nach dem anderen vor. Ihre Fahrer betraten die Disko, kamen dann mit einer der Nutten heraus und verzogen sich mit ihr in den nachsten dunklen Winkel, wo ihre Schatten miteinander verschmolzen - allerdings nicht lange. Mit einem Luxuspuff war dieses Unternehmen nicht zu vergleichen.
»Schei?e!« sagte Fleites. »Erkennen uns die Weiber, gehen sie rein und verpfeifen uns.«
»Lehn dich ganz zuruck«, riet Jolly ihm. »Dann sieht uns niemand.«
»Mu? unbedingt mal raus«, murmelte Fleites. »Zuviel Kaffee, kann's nicht langer halten.« Er wartete einen Augenblick ab, in dem keine Paare zu sehen waren, stieg aus dem Wagen und verschwand in einem unbeleuchteten Durchgang zwischen zwei Hausern. Als er fertig war, zog er seinen Rei?verschlu? hoch und wollte zuruckgehen, als er eine Nutte, die ihn erkennen wurde, mit ihrem Freier auf sich zukommen sah. Er machte sofort kehrt, aber der Durchgang endete schon nach wenigen Metern als Sackgasse vor einer hohen Mauer.
Obwohl es hier ziemlich dunkel war, sah er an der Mauer einen Mullcontainer stehen. Fleites steuerte sofort darauf zu, zog sich hoch und walzte sich uber den Rand. Im nachsten Augenblick mu?te er angewidert feststellen, da? der offene Abfallbehalter halb mit einer klebrigen, ubelriechenden Masse gefullt war. Wahrend drau?en das Paar neben dem Mullcontainer stehenblieb, versuchte Fleites, nasse Kartoffelschalen, Huhnerknochen, Bananenschalen, faule Tomaten und eine ranzige, schmierige undefinierbare Substanz von sich abzukratzen.
Im Gegensatz zu den anderen Paaren lie? dieses hier sich viel Zeit, bis es nach ungefahr zwanzig Minuten endlich verschwand. Jolly sah auf, als Fleites die Autotur offnete und wieder einstieg, und hielt sich die Nase zu. »Jesus, Mann - du stinkst!« Er musterte seinen Kollegen genauer, sah lauter Kuchenabfalle an ihm kleben und brach in schallendes Gelachter aus.
Hector Fleites nickte unglucklich - wegen seines Zustands und weil er wu?te, da? zwei Dinge sich nicht andern lie?en. Erstens wurde er noch sechs Stunden Uberwachungseinsatz ertragen mussen. Und zweitens wurde Ogden Jolly den Kollegen bis in alle Ewigkeit die Story erzahlen, wie Fleites einmal wirklich abgetaucht war.
Am Montag der dritten Uberwachungswoche kamen die Detectives Ruby Bowe und Bernard Quinn mit Malcolm Ainslie zu einer Besprechung zusammen. Bowe und Quinn hatten gemeinsam mit zwei Kollegen aus dem Raubdezernat Earl Robinson beschattet.
Earl Robinson war von Anfang an der Hauptverdachtige gewesen. Auf seiner FIVO-Karte wurde er als »sehr aggressiv« bezeichnet. Er war ein ehemaliger Profiboxer, der an Stra?enecken predigte - immer aus der Offenbarung - und der rachende Engel Gottes zu sein behauptete. Er hie? der »Racher« und war vorbestraft wegen fahrlassiger Totung, bewaffneten Raububerfalls und Korperverletzung mit einem Messer.
Deshalb war Ainslie uberrascht, als Ruby Bowe ihm erklarte: »Wir vier sind alle dafur, Robinson von unserer Liste zu streichen. Unserer Uberzeugung nach ist er harmlos. In seiner Freizeit arbeitet er als freiwilliger Helfer im Camillus House, einem Obdachlosenheim.«
»Ja, das stimmt«, bestatigte Bernard Quinn.
Nach Bowes Darstellung war Robinson straffrei geblieben, seit er vor einem Jahr Gott gefunden hatte. Seit damals war er ein friedlicher Burger, arbeitete regelma?ig und betreute in seiner Freizeit Obdachlose.
»Die meisten >Bekehrungen< dieser Art sind ein Schwindel«, fugte Quinn hinzu. »Aber seine ist echt, glaube ich.«
»Wir haben mit David Daxman, dem Heimleiter, gesprochen«, berichtete Ruby Bowe.
»Den kenne ich«, sagte Ainslie. »Ein guter Mann.«
»Daxman bestatigt, da? Robinson, den er seit Jahren kennt, sich vollig verandert hat.« Ruby warf einen Blick in ihr Notizbuch. »>Ein sanfter Mensch, der anderen helfen will< - so beschreibt er ihn. Er sagt, da? Robinson bei den Obdachlosen sehr beliebt ist.«
»Okay, Robinson brauchen wir nicht weiter zu observieren«, entschied Ainslie. »Streicht ihn von unserer Liste.« Er lehnte sich in seinen Schreibtischstuhl zuruck und seufzte.
Zwei Tage nach der feierlichen Beisetzung des Ehepaars Ernst erschien eine Bekanntmachung der Miami City Commission, die seit Gustav Ernsts Tod aus dem Oberburgermeister, dem Burgermeister, dem Stadtmanager und zwei Referenten bestand. Satzungsgema? hatte die Kommission nach dem Tod eines City Commissioners innerhalb von zehn Tagen einen Nachfolger zu wahlen, der den Rest seiner Amtszeit ubernehmen wurde. In