erschien. Seine wurdevolle Haltung und die untadelige Kleidung verrieten den Butler. Nach einem kurzen Blick auf ihre Polizeiplaketten sprach er sie mit britischem Akzent an.
»Guten Morgen, Officers. Bitte folgen Sie mir.« In der geraumigen, mit kostbaren Antiquitaten ausgestatteten Eingangshalle drehte er sich nach ihnen um. »Mrs. Maddox-Davanal telefoniert gerade. Sie la?t Sie bitten, hier auf sie zu warten.«
»Nein«, widersprach Ainslie energisch. »Wir haben die Meldung bekommen, hier sei jemand erschossen worden. Wir gehen sofort zum Tatort.« Rechts fuhrte ein mit Teppichboden ausgelegter Korridor in einen Seitenflugel des Hauses; fast am Ende stand ein uniformierter Polizeibeamter, der jetzt rief: »Der Tote liegt hier!«
Als Ainslie hingehen wollte, wandte der Butler ein: »Mrs. Maddox-Davanal hat ausdrucklich darum gebeten, da? Sie...«
Ainslie blieb stehen. »Wie hei?en Sie?«
»Ich bin Mr. Holdsworth.«
»Vorname?« fragte Jorge, der sich bereits Notizen machte.
»Humphrey. Aber Sie mussen bitte einsehen, da? dieses Haus... «
»Nein, Holdsworth«, unterbrach Ainslie ihn,
»Gewi?«, sagte Holdsworth widerstrebend.
»Und bestellen Sie Mrs. Maddox-Davanal, da? wir sie bald sprechen mochten.«
Ainslie ging mit Jorge den Korridor entlang. Der wartende Uniformierte mit dem Namensschild NAVARRO sagte: »Hier drinnen, Sergeant.« Er fuhrte die beiden in einen Raum, der eine Kombination aus Fitnessraum und Arbeitszimmer zu sein schien. Ainslie und Jorge blieben mit ihren Notizbuchern in der Hand in Turnahe stehen, um die Szene vor ihnen in Augenschein zu nehmen.
Der gro?e Raum lag in der Morgensonne, die durch geoffnete Terrassenturen hereinfiel. Die Turen fuhrten auf eine verschnorkelte Veranda mit prachtvollem Blick auf die Bucht und den fernen Ozean hinaus. Im vorderen Teil des Raums, in dem die Kriminalbeamten standen, befanden sich ein halbes Dutzend Fitnessgerate - teils chromblitzend, teils mattschwarz -, wie Wachposten der Spartaner aufgereiht. Eine komplizierte Gewichthebemaschine dominierte; au?erdem gab es einen Rudersimulator, ein programmierbares Laufband, eine Sprossenwand und zwei Gerate, deren Zweck nicht ohne weiteres ersichtlich war. Mindestens drei?igtausend Dollar wert, schatzte Ainslie.
Der Rest des Raums war ein elegantes, luxurioses Arbeitszimmer mit Sesseln, mehreren Tischen und Schranken, wandhohen Bucherregalen aus Eiche, in denen Lederbande standen, und einem klassisch schlichten Schreibtisch, dessen Ledersessel etwas zuruckgeschoben war.
Zwischen Sessel und Schreibtisch lag ein toter wei?er Mann auf dem Fu?boden. Er lag auf der rechten Seite, die obere linke Schadelhalfte fehlte, und Kopf und Schultern waren mit einer Mischung aus Blut, Knochensplittern und Gehirnmasse bedeckt. Eine Blutlache, die zu gerinnen begann, hatte sich uber den Fu?boden ausgebreitet. Der Tote trug ein wei?es Hemd und eine beige Hose, die jetzt beide mit Blut getrankt waren. Obwohl keine Waffe zu sehen war, wies alles auf Tod durch Erschie?en hin. »Ist irgend etwas angefa?t oder verandert worden, seit Sie hier sind?«, fragte Rodriguez den jungen Polizeibeamten. Navarro schuttelte den Kopf. »Nein. Ich wei?, worauf ich achten mu?.« Dann fiel ihm etwas ein. »Als ich gekommen bin, ist die Frau des Toten hier im Zimmer gewesen. Sie konnte etwas verandert haben. Das mussen Sie sie selbst fragen.«
»Machen wir«, versicherte Jorge ihm. »Noch eine Frage furs Protokoll. Hier ist keine Schu?waffe zu sehen. Haben Sie hier oder anderswo eine gesehen?«
»Ich hab' mich gleich nach einer umgesehen, aber noch keine entdeckt.«
Ainslie fragte ihn: »Wie hat Mrs. Maddox-Davanal gewirkt, als Sie sie in diesem Raum angetroffen haben?«
Navarro zogerte, dann deutete er auf den Toten. »Wenn man uberlegt, wie's hier aussieht und da? das ihr Mann ist, hat sie eher ruhig gewirkt - ziemlich gelassen, konnte man sagen. Das hat mich gewundert. Und sie... «
»Ja?« fragte Ainslie.
»Sie hat mir gesagt, da? sie ein Fernsehteam von WBEQ erwartet. Das ist... «
»Ja, die Station der Davanals. Was hat sie noch gesagt?«
»Sie wollte - sie hat's mir praktisch befohlen -, da? ich dafur sorge, da? die Fernsehleute eingelassen werden. Ich habe ihr erklart, da? sie auf die Ermittler der Mordkommission warten mu?. Das hat ihr nicht gefallen.«
Der junge Polizeibeamte zogerte erneut.
»Fallt Ihnen sonst noch was dazu ein?« fragte Jorge ihn. »Dann raus mit der Sprache!«
»Nun, das ist blo? ein Eindruck, aber ich glaube, die Lady ist es gewohnt, alles und jeden unter Kontrolle zu haben, und kann andere Verhaltnisse nicht leiden.«
»Und alles das ist passiert«, fragte Ainslie, »wahrend ihr Mann...« er zeigte auf den Toten, »... so dagelegen hat?«
»Genau.« Navarro zuckte mit den Schultern. »Den Rest mu?t ihr rauskriegen, schatze ich.«
»Wir tun unser Bestes«, sagte Jorge, der sich weiter Notizen machte. »Aber es ist immer nutzlich, einen Cop mit guter Beobachtungsgabe zu erwischen.«
Als nachstes erledigte Jorge mit seinem Kombigerat einige Routineanrufe, um die Spurensicherung, einen Gerichtsmediziner und einen Staatsanwalt anzufordern. Bald wurde in diesem Raum und anderen Teilen des Hauses ziemliches Gedrange herrschen.
»Ich sehe mich inzwischen mal um«, sagte Ainslie. Er trat vorsichtig auf die offenen Terrassenturen zu. Ihm war schon aufgefallen, da? ein Flugel etwas schief in seinen Angeln zu hangen schien;
Innerhalb weniger Minuten hatte der bisher nur leicht bewolkte Himmel sich verdunkelt, und jetzt schien es gleich Regen zu geben. Ainslie hastete in den Raum zuruck und wies Officer Navarro an, die Ruckseite des Hauses abzusperren und von einem weiteren Polizeibeamten bewachen zu lassen.
»Wenn die Spurensicherung eintrifft«, sagte Ainslie zu Jorge, »soll sie diese Fu?spuren fotografieren, bevor der Regen sie wegwascht, und Gipsabdrucke von denen im Blumenbeet nehmen. Hier scheint jemand eingebrochen zu haben«, fuhr er fort. »Das mu?te gewesen sein, bevor der Ermordete hier hereingekommen ist.«
Jorge runzelte die Stirn. »Trotzdem hatte Maddox-Davanal den Eindringling sehen mussen - schlie?lich ist er durch einen aufgesetzten Schu? getotet worden. Hat er die Trainingsgerate benutzt, mu? er ziemlich fit gewesen sein und hatte sich vermutlich gewehrt. Aber von Kampfspuren ist hier nichts zu sehen.«
»Er konnte uberrascht worden sein. Wer den Schu? abgegeben hat, kann sich erst versteckt und dann an ihn herangeschlichen haben.«
»Wo versteckt?«
Sie sahen sich beide in dem gro?en Raum um. Jorge deutete als erster auf die grunen Samtportieren rechts und links neben den Terrassenturen. Der rechte Vorhang wurde durch eine verknotete Kordel zusammengehalten, aber links fehlte dieser Knoten, und der Stoff hing glatt herab. Ainslie zog ihn vorsichtig beiseite und entdeckte auf dem Teppich darunter weitere Schmutzspuren.
»Ich setze die Spurensicherer auch darauf an«, sagte Jorge. »Wir brauchen jetzt vor allem ein paar Zeitangaben. Wann der Tod eingetreten ist, wann die Leiche aufgefunden worden ist, wann... «
Der Butler Holdsworth betrat den Raum und sprach Ainslie an. »Mrs. Maddox-Davanal ist jetzt bereit, Sie zu empfangen. Darf ich bitten?«
Ainslie zogerte. Als Kriminalbeamter zitierte man bei Mordermittlungen die zu Befragenden herbei - nicht etwa umgekehrt. Andererseits war es verstandlich, da? eine Ehefrau den Raum mied, in dem ihr Mann noch tot
