am Boden lag. Ainslie war berechtigt, jeden Zeugen, auch Mitglieder der Familie Davanal und ihre Hausangestellten, zur Vernehmung ins Polizeiprasidium bringen zu lassen, aber was ware damit zum gegenwartigen Zeitpunkt gewonnen gewesen?
»Also gut, gehen Sie voraus«, forderte er Holdsworth auf. Zu Jorge sagte er noch: »Ich werde versuchen, ein paar Zeitangaben zu bekommen.«
Der Salon, in den Malcolm Ainslie geleitet wurde, war wie anscheinend alle Raume dieses Hauses gro?, elegant und mit viel Geschmack teuer eingerichtet. Felicia Maddox-Davanal sa? in einem luxurios mit Seidenbrokat bezogenen Louisquinze-Sessel. Sie war eine klassische Schonheit von etwa vierzig Jahren mit aristokratischen Zugen, schmaler Nase, hohen Wangenknochen, glatter Stirn und faltenlosem Hals, wobei letzterer auf eine fruhere Schonheitsoperation schlie?en lie?. Ihr fulliges, glanzendes hellbraunes Haar war blond gestrahnt und fiel locker bis auf ihre Schultern. Sie trug einen cremefarbenen Rock, der ihre schonen Beine zur Geltung brachte, eine gleichfarbene Seidenbluse und einen breiten Gurtel mit Goldapplikationen. Alles an ihr war perfekt - Gesicht, Frisur, Fingernagel, Kleidung -, und das wu?te sie auch, wie Ainslie deutlich spurte.
Sie bot ihm mit einer Handbewegung wortlos einen vor ihr stehenden Louisquinze-Stuhl an - ein nicht sehr stabil wirkendes und entschieden unbequemes Sitzmobel, wie er amusiert feststellte. Falls sie ihn damit in seine Schranken weisen wollte, stand ihr eine Uberraschung bevor.
Wie bei jedem Gesprach mit Hinterbliebenen begann Ainslie: »Ich mochte Ihnen mein Beileid zum Tod Ihres... «
»Danke, das ist nicht notig.« Davanals Stimme klang ruhig und beherrscht. »Mit den personlichen Dingen werde ich allein fertig. Beschranken wir uns also aufs Dienstliche. Sie sind Sergeant, glaube ich.«
»Detective-Sergeant Ainslie.« Er hatte beinahe »Ma'am« hinzugefugt, beherrschte sich aber noch rechtzeitig. Auch er beherrschte dieses Dominanzspiel.
»Nun, als erstes mochte ich wissen, warum ein Team meiner eigenen Fernsehstation daran gehindert worden ist, dieses Haus zu betreten, das ebenfalls uns Davanals gehort.«
»Mrs. Maddox-Davanal«, sagte Ainslie ruhig, aber bestimmt, »ich will Ihre Frage aus Hoflichkeit beantworten, obwohl Sie die Antwort bestimmt langst kennen. Aber danach ubernehme
»Nun zu der Sache mit dem Fernsehteam«, fuhr er fort. »In diesem Haus hat sich ein bisher ungeklarter Todesfall ereignet, und unabhangig davon, wem es gehort, sind die Anordnungen der Polizei zu befolgen. Und die Medien -
»Augenblick!« Ein eleganter Zeigefinger schien ihn durchbohren zu wollen. »Wer ist Ihr Vorgesetzter?«
»Detective-Lieutenant Leo Newbold.«
»Blo? ein
Aus heiterem Himmel war eine unerwartete Konfrontation entstanden. Aber das kam gelegentlich vor, denn plotzlicher Stre?, vor allem durch gewaltsamen Tod, wirkte sich bei manchen Leuten so aus. Dann erinnerte er sich an Officer Navarros Kommentar:
»Madam«, sagte Ainslie, »ich begleite Sie sofort zu einem Telefon, damit Sie Chief Ketledge anrufen konnen, was Ihr gutes Recht ist.« Er legte einen stahlernen Unterton in seine Stimme. »Aber wenn Sie mit ihm sprechen, konnen Sie ihm mitteilen, da? ich Sie sofort nach diesem Telefongesprach in meine Dienststelle
Sie starrten sich an. Davanal atmete schwer, ihr Mund war ein schmaler Strich, ihre Augen funkelten ha?erfullt. Schlie?lich sah sie weg, hob dann erneut den Kopf und sagte leiser: »Stellen Sie Ihre Fragen.«
Ainslie, dem sein dialektischer Sieg keinen rechten Spa? machte, fragte mit normaler Stimme: »Wann und wie haben Sie vom Tod Ihres Mannes erfahren?«
»Heute morgen kurz vor halb acht. Ich bin ins Schlafzimmer meines Mannes gegangen, das im gleichen Stockwerk wie meines liegt, weil ich ihn etwas fragen wollte. Als ich ihn nicht angetroffen habe, bin ich in sein Arbeitszimmer im Erdgescho? gegangen - er steht oft fruh auf und geht dort hinunter. Ich habe seine Leiche so aufgefunden, wie Sie sie gesehen haben, und sofort die Polizei gerufen.«
»Was wollten Sie Ihren Mann fragen?«
»Wie bitte?« Seine uberraschende Frage schien Davanal so zu verwirren, da? Ainslie sie wiederholte.
»Ich... ich wollte...« Sie schien nach Worten zu suchen. »Das wei? ich wirklich nicht mehr.«
»Gibt's eine Verbindungstur zwischen den beiden Schlafzimmern?«
»Ah... nein.« Eine verlegene Pause. »Das sind eigenartige Fragen.«
Nicht so eigenartig, dachte Ainslie. Erstens gab es keine plausible Erklarung dafur, warum Davanal
»Nein, ich habe nichts gehort.«
»Ihr Mann konnte also schon langere Zeit tot gewesen sein, als Sie ihn aufgefunden haben?«
»Das nehme ich an.«
»Hatte Ihr Mann gro?ere Probleme oder Feinde? Fallt Ihnen irgend jemand ein, der ihn vielleicht hatte toten wollen?«
»Nein.« Mrs. Maddox-Davanal, die ihre Beherrschung zuruckgewonnen hatte, fuhr fort: »Was ich Ihnen jetzt erzahle, wurden Sie fruher oder spater ohnehin erfahren. In mancher Beziehung haben mein Mann und ich uns nicht sonderlich nahegestanden; er hat seine Interessen gehabt, ich habe meine, sie sind nicht deckungsgleich gewesen.«
»Hat dieses Arrangement schon lange bestanden?«
»Seit ungefahr sechs Jahren; wir haben vor neun Jahren geheiratet.«
»Hat's zwischen Ihnen oft Streit gegeben?«
»Nein.« Sie verbesserte sich. »Nun, wir haben uns manchmal wegen irgendwelcher Bagatellen gestritten - aber eigentlich nie uber wichtige Dinge.«
»Hat einer von Ihnen eine Scheidung erwogen?«
»Nein. Unser Arrangement hat beide zufriedengestellt. Fur mich hat die Ehe bestimmte Vorteile gehabt; in gewisser Beziehung hat sie mir eine Art Freiheit gegeben. Und was Byron betrifft, hat er genau gewu?t, da? er's ziemlich gut getroffen hatte.«
»Wurden Sie mir das bitte erklaren?«
»Bevor wir geheiratet haben, ist Byron ein sehr attraktiver und beliebter Mann gewesen, aber er hatte weder viel Geld noch gute Berufsaussichten. Nach unserer Hochzeit ist in beiden Punkten Abhilfe geschaffen worden.«
»Konnten Sie das erlautern?«
»Er hat wichtige Managerposten erhalten - erst bei unserer Warenhauskette Davanal's, dann bei unserer Fernsehstation WBEQ.«
»Hat er zuletzt noch einen dieser Posten innegehabt?« erkundigte Ainslie sich.
»Nein.« Davanal zogerte, bevor sie weitersprach. »Ehrlich gesagt, hat Byron unsere Erwartungen nicht erfullt - er ist faul und unfahig gewesen. Wir haben ihn schlie?lich vollig aus der Geschaftsfuhrung herausnehmen mussen.«
»Und danach?«
»Die Familie hat Byron einfach ein Taschengeld zugestanden. Darum habe ich vorhin gesagt, er habe gewu?t, da? er's ziemlich gut getroffen hatte.«
»Wurden Sie mir sagen, wie hoch dieses Taschengeld gewesen ist?«
»Ist das erheblich?«
»Wahrscheinlich nicht. Ich denke allerdings, da? die Zahl im Lauf unserer Ermittlungen ohnehin auf den
