STEINER SASSZUM zweitenmal im Cafe Hellebarde. Er schob dem Kellner einen Funfschillingschein hin und bestellte einen Kaffee.
»Telefonieren?« fragte der Kellner.
Steiner nickte. Er hatte noch einige Male mit wechselndem Gluck in anderen Lokalen gespielt und besa? jetzt etwa funfhundert Schilling.
Der Kellner legte ihm einen Pack Journale hin und ging. Steiner griff nach einer Zeitung und begann zu lesen. Aber er legte sie bald wieder beiseite; es interessierte ihn wenig,“ was in der Welt los war. Fur jemand, der unter Wasser schwamm, gab es nur eins: wieder hochzukommen… es war ihm gleich, was die Fische fur Farben hatten.
Der Kellner brachte den Kaffee und stellte ein Glas Wasser dazu. »Die Herren kommen in einer Stunde.«
Er blieb am Tisch stehen. »Schones Wetter heute, was?« fragte er nach einiger Zeit.
Steiner nickte und starrte auf die Wand, an der eine Aufforderung hing, durch Malzbiertrinken das Leben zu verlangern.
Der Kellner schlurfte hinter die Theke zuruck. Nach einiger Zeit brachte er auf einem Tablett ein zweites Glas Wasser heran.
»Bringen Sie mir lieber einen Kirsch«, sagte Steiner.
»Gut. Sofort.«
»Trinken Sie auch einen mit.«
Der Kellner verbeugte sich. »Danke, mein Herr. Sie haben Verstandnis fur unsereins. Das ?ndet man selten.«
»Ach wo!« erwiderte Steiner. »Ich langweile mich nur, das ist alles.«
»Ich habe Leute gekannt, die sind schon auf schlechtere Ideen gekommen, wenn sie sich gelangweilt haben«, sagte der Kellner.
Er trank und kratzte sich die Gurgel. »Mein Herr«, sagte er dann vertraulich,»ich wei? doch, worum es sich bei Ihnen handelt – wenn ich Ihnen einen Rat geben durfte, wurde ich Ihnen den toten Osterreicher empfehlen. Es gibt ja auch noch tote Rumanen, die sind sogar etwas billiger – aber wer kann schon rumanisch?«
Steiner sah ihn scharf an.
Der Kellner lie? seine Gurgel im Stich und begann, sich den Nacken zu reiben. Er kratzte dazu mit dem Fu? wie ein Hund. »Am besten ware naturlich ein Amerikaner oder ein Englander«, sagte er nachdenklich. »Aber wann stirbt schon mal ein Amerikaner in Osterreich! Und wenn schon, vielleicht durch einen Autounfall – wie kommt man an den Pa??«
»Ich glaube, ein deutscher ist besser als ein osterreichischer«, sagte Steiner. »Schlechter zu kontrollieren.«
»Das schon. Aber Sie kriegen keine Arbeitserlaubnis darauf. Nur Aufenthalt. Mit einem toten Osterreicher dagegen konnen Sie uberall in Osterreich arbeiten.«
»Bis man erwischt wird.«
»Ja, naturlich! Aber wer wird in Osterreich schon erwischt? Hochstens der Falsche…«
Steiner mu?te lachen. »Man kann auch mal der Falsche sein. Es bleibt gefahrlich.«
»Ach, wissen Sie, mein Herr«, sagte der Kellner,»gefahrlich soll’s auch sein, wenn man in der Nase bohrt.«
»Ja; aber darauf steht kein Zuchthaus.«
Der Kellner ?ng an, vorsichtig seine Nase zu massieren. Er bohrte aber nicht. »Ich meine es gut, mein Herr«, sagte er. »Ich habe hier meine Erfahrungen gesammelt. Ein toter Osterreicher ist noch das Reellste.«
GEGEN ZEHN UHR kamen die beiden Pa?handler. Einer von ihnen, ein behender Mensch mit Vogelaugen, fuhrte die Unterhaltung. Der andere sa? nur massig und aufgeschwemmt dabei und schwieg.
Der Redner zog einen deutschen Pa? hervor. »Wir haben uns bei unseren Geschaftsfreunden erkundigt. Sie konnen diesen Pa? auf Ihren eigenen Namen ausgestellt bekommen. Die Personalbeschreibung wird weggewaschen und Ihre eigene eingesetzt. Bis auf den Geburtsort naturlich, da mussen Sie schon Augsburg nehmen, weil die Stempel von dort sind. Das kostet allerdings zweihundert Schilling mehr. Prazisionsarbeit, verstehen Sie?«
»Soviel Geld habe ich nicht«, sagte Steiner. »Ich lege auch keinen Wert auf meinen Namen.«
»Dann nehmen Sie ihn so. Wir andern nur die Fotogra?e. Den kleinen Stempelrand, der uber das Foto lauft, machen wir Ihnen gratis dazu.«
»Nutzt nichts. Ich will arbeiten. Mit dem Pa? da bekomme ich keine Arbeitserlaubnis.«
Der Redner zuckte die Achseln. »Dann bleibt nur der osterreichische. Damit konnen Sie hier arbeiten.«
»Und wenn bei der Polizeibehorde angefragt wird, die ihn ausgestellt hat?«
»Wer soll anfragen? Wenn Sie nichts ausfressen?«
»Dreihundert Schilling«, sagte Steiner.
Der Redner fuhr zuruck. »Wir haben feste Preise«, erklarte er beleidigt. »Funfhundert, nicht einen Groschen darunter.«
Steiner schwieg.
»Bei dem deutschen hatte man was machen konnen, so was kommt ofter vor. Aber ein osterreichischer ist was Rares. Wann hat ein Osterreicher schon mal einen Pa?? Im Lande braucht er keinen, und wann reist er schon ins Ausland? Dazu noch bei der Devisensperre! Funfhundert ist geschenkt dafur.«
»Dreihundertfunfzig.«
Der Redner ereiferte sich. »Dreihundertfunfzig habe ich selbst der Trauerfamilie gezahlt. Was meinen Sie, was fur Arbeit dazu gehort hat! Dazu die Provisionen und die Spesen. Pietat ist teuer, mein Herr! So frisch vom Grabe weg was zu bekommen, da mussen Sie schon bare Pimperlinge auf den Tisch zahlen! Nur bares Geld trocknet die Tranen und la?t die Trauer zurucktreten! Vierhundertfunfzig meinetwegen, gegen unsere Interessen, weil Sie uns sympathisch sind.«
Sie einigten sich auf vierhundert. Steiner zog eine Fotogra?e von sich aus der Tasche, die er in einem Automaten fur einen Schilling hatte machen lassen. Die beiden gingen damit los, und eine Stunde spater brachten sie den Pa? zuruck. Steiner bezahlte ihn und steckte ihn ein.
»Viel Gluck!« sagte der Redner. »Und noch einen Tip. Wenn er abgelaufen ist, konnen wir ihn verlangern. Datum wegwaschen und andern. Sehr einfach. Die einzige Schwierigkeit sind die Visa. Je spater Sie weiche brauchen, um so besser – desto langer kann man das Datum verschieben.«
»Das hatten wir doch jetzt schon tun konnen«, sagte Steiner.
Der Redner schuttelte den Kopf. »Besser fur Sie so. Sie haben so einen echten Pa?, den Sie gefunden haben konnen. Eine Fotogra?e auszutauschen ist nicht so schlimm, wie etwas Schriftliches zu andern. Und Sie haben ja ein Jahr Zeit. Da kann viel passieren.«
»Hoffentlich.«
»Strenge Diskretion naturlich, nicht wahr? Unser aller Interesse. Hochstens mal eine seriose Empfehlung. Sie kennen ja den Weg. Alsdann, guten Abend.«
»Guten Abend.«
»Strszecz miecze«, sagte der Schweiger.
»Er spricht nicht deutsch«, grinste der Redner auf einen Blick Steiners. »Hat aber eine wunderbare Hand fur Stempel. Streng serios naturlich.«
Steiner ging zum Bahnhof. Er hatte seinen Rucksack dort in der Gepackaufbewahrung gelassen. Am Abend vorher war er aus der Pension ausgezogen. Die Nacht hatte er auf einer Bank in den Anlagen geschlafen. Morgens hatte er sich in der Bahnhoftoilette den Schnurrbart abrasiert und dann die Fotogra?e machen lassen. Eine wilde Genugtuung erfullte ihn. Er war jetzt der Arbeiter Johann Huber aus Graz.
Unterwegs blieb er stehen. Er hatte noch etwas zu regeln aus der Zeit, als er Steiner hie?. Er ging zu einem Telefonautomaten und suchte im Telefonbuch eine Nummer. »Leopold Schafer«, murmelte er,»Trautenaugasse siebenundzwanzig.« Der Name hatte sich ins Gedachtnis eingebrannt.
Er fand die Nummer und rief an. Eine Frau meldete sich. »Ist der Wachmann Schafer zu Hause?« fragte er.
»Ja, ich will ihn gleich rufen.«
»Das ist nicht notig«, erwiderte Steiner rasch. »Hier ist die Polizeidirektion Elisabethpromenade. Um zwolf Uhr