»Wo habt ihr euch eigentlich getroffen?«, fragte Elisabeth. »Es gibt in Dowgate eine Herberge der besseren Art, dessen Besitzer Ludwig gut kannte. Immer, wenn er nach London kam, sind wir ins Waterstone Inn gegangen. Master Dillon Foyles hat uns ein verschwiegenes Zimmer unter dem Dach gegeben. Es waren Stunden des Himmels.« Anne lachelte versonnen und wehmutig, die Anwesenheit Antons hatte sie vollkommen vergessen. »Ludwig war so zartlich. Und so verstandnisvoll. Wir waren immer so glucklich nach unseren Liebesstunden und haben uns schon auf die nachsten gefreut. Nur beim letzten Mal war es seltsam. Es tut mir Leid, dass wir so auseinander gegangen sind.«

Elisabeth lehnte sich auf ihrem Stuhl vor. »Wie meinst du das?«

»Bei unserem letzten Gesprach hatte ich nicht mehr daran gedacht, aber es ist auch nicht wichtig. Es ist nur traurig, dass wir in Missstimmung voneinander geschieden sind. Wir konnten ja nicht wissen, dass es fur immer war.« Ihr Blick wurde tranenfeucht.

»Habt Ihr Euch gestritten?«, wollte Anton wissen, der sehr neugierig zugehort hatte.

»Ludwig hat die Herberge fluchtartig verlassen, ohne mich auch nur in die Nahe meines Hauses zu begleiten. Er hatte mir gesagt, dass er etwas Schreckliches erfahren habe, als er zum Abort im Hof ging und an einem offen stehenden Fenster vorbeikam. Er war so verwirrt, dass er sofort nach Koln aufbrechen wollte. Wahrscheinlich war es etwas Geschaftliches.«

Elisabeth fuhlte sich, als wurde ihr der Boden unter den Fu?en fortgezogen. Sie erinnerte sich an das Gesprach mit dem ehrwurdigen Ulrich Heynrici, dem Ludwig mitgeteilt hatte, dass er in London Schlimmes vernommen hatte. Lag hier der wahre Grund fur den Tod ihres Bruders? »Was war das, was er mit angehort hat?«, fragte sie Anne.

Ihre Freundin sah sie verstandnislos an. »Ich wei? es nicht, aber es ist wohl kaum wichtig. Als ich mich kurze Zeit vorher ebenfalls erleichtern musste, bin ich auch an diesem Fenster vorbeigekommen und habe die Manner gesehen, die dort in dem Zimmer sa?en und beim Wein die Kopfe zusammensteckten.«

»Hast du horen konnen, woruber sie gesprochen haben?«, wollte Elisabeth wissen.

Anne kratzte sich am Kinn. »Es hat mich nicht interessiert.

Ich habe nicht zugehort. Ich wei? nur, dass ich auf diese Manner bose war, weil sie mir meinen Ludwig abspenstig gemacht hatten.«

»Hast du sie sehen konnen?«, fragte Elisabeth atemlos.

»Ja. Glaubst du, das ist wichtig?«

»Wenn du sie deutlich sehen konntest, war das auch Ludwig moglich«, dachte Elisabeth laut nach. »Er hat moglicherweise einige der Manner gekannt und gehort, woruber sie sprachen. Wenn es ihn derart entsetzt hat, dass er London fluchtartig verlassen hat, ohne sich von seiner Liebsten gebuhrend zu verabschieden, muss es sehr, sehr wichtig gewesen sein.«

»Ihr wollt damit sagen, dass dieses belauschte Treffen im Zusammenhang mit dem Tod Eures Bruders steht?«, meinte Anton, dem deutlich anzusehen war, dass er sich an seiner eigenen Denkleistung erfreute.

Anne sah ihn zweiflerisch an. »Das glaube ich kaum. Wer sonst als mein uber alles geliebter Gemahl sollte Ludwig umgebracht haben?«

»Haben die Manner bemerkt, dass Ludwig sie belauscht hat?«, warf Elisabeth ein.

»Ich wei? es nicht, aber wozu soll das wichtig sein?«

Sie mussten unbedingt nach Koln zuruck, und zwar so schnell wie moglich. Doch vorher wollte Elisabeth diesem Master Foyles und seiner Herberge einen kleinen Besuch abstatten.

Anton Lautensack begleitete sie, denn es stellte sich heraus, dass er das Waterstone Inn kannte. Es lag nicht weit entfernt in der Bush Lane, einer nach Norden abzweigenden Seitenstra?e der Thames Street. Die Herberge war ein altes Fachwerkhaus mit einem windschiefen Giebel, aber es machte einen recht gepflegten Eindruck, und der Unrat vor seiner Tur war kaum gro?er als vor der Tur eines beliebigen Wohnhauses. Anton Lautensack fuhrte die beiden Frauen in das Innere des Wirtshauses, in dem bereits eifrig gezecht wurde, denn es war inzwischen recht spat geworden. Einige der Gaste schauten die beiden Damen zwar scheel und begehrlich an, doch niemand wagte eine bose Bemerkung zu machen. Die Gegenwart Anton Lautensacks wirkte Wunder.

Der junge Kaufmann redete auf Englisch mit dem Wirt. Dieser schaute die beiden Frauen neugierig an, stellte den Humpen fort, den er soeben fullen wollte, und sagte etwas, das Elisabeth nicht verstand. Anton kaufte seinen Begleiterinnen je einen Becher Wei?wein – »vom Rhein, gekauft vom Bonenberg’schen Handelshaus«, wie er stolz sagte –, und die drei setzten sich an das Ende eines der langen Tische.

»Was hat er gesagt?«, wollte Elisabeth wissen. Sie ruhrte den Wein nicht an. Anne dagegen nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. Er schien ziemlich sauer zu sein.

»Es waren Kolner Kaufleute, die am fraglichen Abend das Gemach an der Ruckseite des Hauses fur sich beansprucht hatten«, erklarte Anton. »Der Wirt wei? nicht, worum es bei dieser Zusammenkunft ging, aber er war sicher, dass die Handelsherren, funf oder sechs an der Zahl, verschiedenen Gewerben angehorten. Es waren wohl auch ein oder zwei Weinhandler darunter. Angeblich sind sie so ubersturzt aufgebrochen, dass sie zu zahlen vergessen haben, weswegen Mr. Foyles sehr verstimmt uber sie ist. Er hat versucht, sie im Stalhof aufzutreiben, doch dort musste er erfahren, dass sie alle nach Koln abgereist waren. Sie haben sich seitdem nicht mehr hier blicken lassen.«

»Wir mussen so schnell wie moglich nach Koln zuruck«, sagte Elisabeth entschlossen. »Dort laufen alle Faden zusammen.« Sie setzte den Becher an die Lippen und sturzte den Wein in einem Zug herunter. Er war wirklich entsetzlich sauer.

Es war Anton, der an diesem Abend auf die passende Idee kam. Als der Larm in der Herberge immer starker zunahm und sich die drei nur noch brullend unterhalten konnten, schlug der junge Mann, der inzwischen Anne genauso eindringlich anstarrte wie Elisabeth, den beiden vor, sich als Pilgerinnen zu verkleiden. In diesem Aufzug wurden sie an Bord eines jeden Schiffes gehen konnen und keinerlei Aufsehen erregen. Anne und Elisabeth hatten dem sauren, unvermischten Wein heftig zugesprochen und stimmten dem Plan begeistert zu. Der Alkohol hatte die dunklen Wolken, die ihre Gemuter verfinstert hatten, fortgeblasen. Inzwischen erschien ihnen ihre Suche wie ein gro?es Abenteuer, in dem es nur Gefahren gab, die man meistern konnte. Frohlich schlugen sie die Becher gegeneinander. Doch in jedem Kelch ist die Neige bitter.

NEUNZEHN

Die Stadt glitt an ihnen vorbei. Elisabeth stand an der Reling der Kogge »Saint Bernard of Quaritch« und betrachtete die vorbeiziehenden Hauser. Sie zog sich die ungewohnte, ausladende Pilgerhaube enger um den schmerzenden Kopf. Anton stand zwischen ihr und Anne und schaute der voruberziehenden Stadt erleichtert nach. Ihm schien der billige Wein nichts ausgemacht zu haben. Elisabeth aber fuhlte sich, als donnere eine Kuhherde uber ihren Kopf hinweg. Au?erdem kratzte der grobe Stoff der Haube.

Auch der lange, graue Glockenmantel war ihr unangenehm, aber er war die beste Verkleidung fur die beiden Frauen und wurde sie uberdies von allen Wegezollen befreien. Sorgen machte ihr der Umstand, dass sie lediglich eine Uberfahrt nach Dordrecht gefunden hatten; das Schiff fuhr nicht den Rhein hinunter. In Dordrecht wurden sie sich um eine weitere Reisemoglichkeit kummern mussen. Jeder erzwungene Aufenthalt war ungunstig, denn Elisabeth befurchtete nach dem, was sie im Waterstone Inn gehort hatte, dass eine gro?e Sache im Gange war, die weit uber ein Eifersuchtsdrama hinausging, auch wenn Anne noch immer glaubte, ihr Mann habe Ludwig ermordet.

Der Wind hatte aufgefrischt und blies von Westen. Mit hoher Geschwindigkeit segelte die »Saint Bernard of Quaritch« die Themse hinunter, hatte bald London hinter sich gelassen und glitt nun an dunkelgrunen Wiesen und kleinen Dorfern vorbei. Elisabeth schaute sich immer wieder an Deck um, doch au?er ihr, Anne und Anton waren keine weiteren Reisenden an Bord. Die Matrosen schielten zwar manchmal scheel heruber, schienen aber ungefahrlich zu sein. Der Kapitan hatte die seltsame Reisegruppe gern an Bord genommen, nachdem Anne aus der Kasse ihres Kontors eine stattliche Summe fur die Uberfahrt nach Dordrecht geboten hatte.

»Wann werden wir in Koln sein?«, fragte Elisabeth Anton Lautensack, dem die Freude uber diese Reise

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