deutlich anzusehen war.
»Das hangt davon ab, wann wir in Dordrecht ein Schiff nach Koln erwischen, oder ob wir den Landweg nehmen mussen. Im letzten Fall wird die Reise etliche Wochen dauern.«
»Wochen?« Elisabeth war entsetzt. »So viel Zeit haben wir nicht.« Sie hatten Anton inzwischen in alle Einzelheiten des seltsamen Falles eingeweiht.
»Glaubst du wirklich, dass es nicht mein Mann war, der Ludwig umgebracht hat?«, fragte Anne und zupfte an der Jakobsmuschel, die sie sich an ihren schweren grauen Umhang genaht hatte. Sie hatten sich als Pilgerinnen ausgegeben, die den Schrein der Heiligen Drei Konige zu Koln besuchen wollten und den Jakobsweg bereits hinter sich hatten. Anton hatte die passende Kleidung sowie die beiden Muscheln und Pilgerstabe bei einem Handler in der Barren Lane mitten in Dowgate aufgetrieben, wofur ihm die Frauen sehr dankbar waren. Auf seine schuchterne, linkische Art genoss er diese Dankbarkeit sehr. Er hob das runde Kinn und straffte den Rucken, wann immer er sich an die Frauen wandte. Und er schien endlich bemerkt zu haben, dass all seine Wamser viel zu knapp waren, denn jetzt zupfte er andauernd an den Armeln.
»Ich wei? gar nichts mehr, aber die seltsamen Kaufleute scheinen mir doch sehr verdachtig zu sein«, meinte Elisabeth. »Ich hoffe, dass wir Koln schnell erreichen.« Sie hatte Angst, sie konnten zu spat kommen. Zu spat – wozu?
Ein gunstiger Wind fuhrte dazu, dass die Pilgerinnen und ihr Begleiter schon am Abend des vierten Tages Dordrecht erreichten. Sie gingen von Bord und suchten sich in einem der besseren Viertel der Stadt ein Quartier fur die Nacht. Die beiden Frauen mieteten ein gemeinsames Gemach; Anton musste in der Schankstube schlafen.
Elisabeth zog sich nicht aus, wahrend Anne aus ihrem Leinensack ein Nachthemd kramte und rasch hineinschlupfte. Trotzdem sah Elisabeth die Striemen und Narben auf ihrer zarten Haut. Sie verspurte einen unbandigen Hass auf Edwyn Palmer und wunschte sich plotzlich, er habe ihren Bruder ermordet, damit er dem Henker ubergeben werden konnte – fur diese und fur alle anderen Missetaten, die er in seinem schandlichen Leben begangen hatte.
Am anderen Morgen begaben sich die drei zum Hafen und suchten nach einem Schiff, das den Rhein hinauf nach Koln fuhr. Sie fanden keines. Sie liefen am Kai auf und ab, befragten Matrosen und Kapitane, warteten auf einlaufende Schiffe, sahen zu, wie die Waren mit gro?en Kranen entladen wurden, und verzweifelten allmahlich. Stunden spater standen alle drei an der Hafenmauer beisammen und beobachteten, wie ein Holk aus England einlief. Er hatte Wollballen und Erze geladen. Wie Ameisen liefen die Schauerleute auf das Schiff zu, vertauten es und schwarmten aus, um die Ladung zu loschen. Der Kapitan verlie? mit langen, majestatischen Schritten sein Schiff und unterhielt sich unter gro?en Gesten mit dem Maat. Anton zwinkerte seinen beiden Pilgerinnen zu und ging auf den Schiffsfuhrer zu. Er sprach ihn an, und die beiden Frauen sahen, wie sich eine lange Verhandlung anzubahnen schien. Doch dann kehrte Anton niedergeschlagen zuruck. »Wieder nichts«, sagte er. »Dieser Holk fahrt zwar rheinaufwarts, aber nur bis Nijmwegen. Das bringt uns gar nichts.« Wahrend er sich mit Elisabeth und Anne unterhielt, lief eine Gruppe Seeleute des englischen Schiffes an ihnen vorbei und sturzte sich in das Gewirr der engen Gassen von Dordrecht. Anton sah ihnen kurz nach – und verstummte.
»Was ist los?«, fragte Elisabeth.
Anton rieb sich die Augen, schaute vor und zuruck und schuttelte den Kopf. »Ach, nichts, ich hatte geglaubt, ein bekanntes Gesicht gesehen zu haben.«
»Einen Freund?«, fragte Anne neugierig und schenkte Anton ein zartes Lacheln.
»Nein, nein…« Anton zauderte. »Ach, ich habe wohl einen falschen Blick getan.«
»Was machen wir nun?«, fragte Elisabeth und stutzte sich auf ihren Pilgerstab. »Ich habe ein ungutes Gefuhl – das Gefuhl, zu spat zu kommen.«
»Wir konnten uns zu Fu? auf den Weg machen – den Rhein entlang«, schlug Anton vor.
»Du hast selbst gesagt, dass wir in diesem Fall ein paar Wochen unterwegs sein werden.«
»Nicht, wenn wir uns einem Handelszug anschlie?en«, gab Anton zu bedenken. »Diese Zuge sind mit Pferden und Wagen unterwegs, und au?erdem sind sie gut bewacht, sodass es eine sichere Reise ware. Dann sind wir eine oder hochstens zwei Wochen unterwegs.«
»Wie kommen wir an einen solchen Zug?«, fragte Anne.
»Ich habe da eine Idee…«, murmelte Anton.
Sie schlugen ihr Quartier in einer anderen Herberge auf. Anton entschuldigte sich bei den Damen, dass das Haus keinen sonderlich guten Ruf hatte, doch der Wirt kannte einfach jeden Kaufmann in der Stadt und wusste immer, wer gerade zu einer Handelsreise aufbrach und wer zuruckerwartet wurde.
Leider gehorte sein Haus zu jenen, die man offentlich nennen konnte. Als die beiden angeblichen Pilgerinnen den dunklen, larmigen und stinkenden Schankraum des steinernen Giebelhauses betraten, setzte Gejohle und Gepfeife ein, das sie beinahe taub machte. Auch Anton konnte nichts dagegen tun. An langen Tischen sa?en zechende und dobbelnde Seeleute, viele hatten Weibsbilder auf dem Scho?, die den beiden Damen recht liederlich vorkamen. Der Wirt lief auf die Gruppe zu und erkannte Anton sofort. Er grinste Elisabeth und Anne an und meinte: »Habt Ihr Euch wirklich den rechten Ort fur diese frommen Frauen ausgesucht, Meister Lautensack?«
»Manchmal muss man Dinge in Kauf nehmen, wenn man dafur andere Dinge bekommt, auf die man gro?en Wert legt«, antwortete Anton recht weltmannisch. Elisabeth musste grinsen. Anton hatte einen Seitenblick auf Anne geworfen, die ihn ebenfalls amusiert, doch zugleich warmherzig ansah. Anton fuhr fort: »Diese beiden Pilgerinnen in meiner Obhut sind auf dem Weg nach Koln. Wisst Ihr, wann der nachste Kaufmannszug dorthin aufbricht?«
»Nach Koln? Na, heute zumindest nicht mehr.« Der Wirt lachte so schallend, dass sein gewaltiger Bauch erzitterte und plotzlich ein Eigenleben zu fuhren schien. »Ich kann Euch gern Quartiere geben – zum Vorzugspreis, da Ihr einer meiner besten Kunden seid.«
Elisabeth horchte auf. Anton war so gut in diesem Haus bekannt? Das hatte sie nie erwartet. Er wirkte so jung und unerfahren. Vielleicht hatte sie sich in ihm getauscht. Gewaltig getauscht.
»Ihr wisst doch bestimmt, wer sich bald auf die Reise nach Koln macht«, beharrte Anton. Inzwischen musste er brullen, denn in dem Larm der Schankstube hatte ihn der Wirt sonst nicht mehr verstanden. Magde liefen mit irdenen Krugen umher, gossen uberall Wein und Bier nach und boten andere Dienste an. An einem der Tische in der dunkelsten Ecke keuchte plotzlich einer der Manner laut und lustvoll auf, und die anderen lachten ohrenbetaubend laut und donnerten ihre Humpen auf die Holzplatte. Elisabeth schuttelte sich, und auch Anne verzog das Gesicht in Abscheu.
»Ich wei? es nicht, aber morgen kann ich es in Erfahrung bringen. Wenn Ihr so lange hier bleiben wollt…«
»Wir konnen ja morgen wieder kommen«, schlug Elisabeth schnell vor.
»Vielleicht habt Ihr dann die Gelegenheit bereits verpasst«, lachte der Wirt und hielt sich den Bauch. »Wenn Ihr von Felix Streuvels etwas erfahren wollt, musst Ihr ihm auch etwas geben. Zum Beispiel die ehrende Anwesenheit zweier wunderschoner, junger Pilgerinnen. Ich mache Euch einen Sonderpreis, und Ihr beiden bekommt eine Kammer ganz fur euch allein. Einverstanden?«
Was blieb den Frauen anderes ubrig? Sie nickten und packten ihre Pilgerstabe so fest, als waren es Schwerter. Anton nickte ihnen aufmunternd zu. »Ich bleibe hier unten. Macht Euch keine Sorgen um mich. Ich komme schon zurecht.« Er grinste.
Der Wirt fuhrte die beiden Frauen unter das Dach und wies ihnen eine enge, fensterlose Kammer zu. Licht fiel nur durch die Spalten zwischen den Dachziegeln. Talglichter oder gar eine Kerze gab es nicht. »Gute Ruh«, sagte der Wirt und ging.
Das Tageslicht, das durch die Ritzen fiel, reichte gerade noch aus, um das breite, abgeschabte Bett und die offenbar mit Stroh gefullte Matratze erkennen zu konnen. Das Laken aus grobem Leinen war nicht sonderlich sauber.
Als die beiden Frauen zuchtig nebeneinander lagen und das Licht des Tages endgultig der Dunkelheit gewichen war, horten sie von nebenan eindeutige Gerausche. Ein Bett knarrte, Keuchen und Stohnen einer Frau mischte sich mit dem Grunzen eines Mannes.
»Ob das Anton ist?«, flusterte Anne mit tiefer Abscheu in der Stimme. »Hattest du gedacht, dass er ofter hier verkehrt? Ich hatte ein ganz anderes Bild von ihm.«
»Ich auch«, gab Elisabeth zu. »Es macht mir immer Angst, wenn ich mich in einem Menschen so tausche. Er
