wirkte so lieb und unreif. So unschuldig und nett.«
»Was fur ein Jammer«, flusterte Anne.
Elisabeth hatte es schon seit einiger Zeit vermutet. Ihre Freundin schien ein Auge auf den schuchternen Jungling geworfen zu haben, doch heute Abend hatte sie eine bittere Enttauschung erlebt. Elisabeth verstand die Manner nicht. Sobald sich ihnen ein Weiberrock naherte, verloren sie den Verstand, oder besser: Sie dachten dann nur noch mit dem Korperteil, der den Frauen fehlte.
Nebenan war man zum quiekenden und kreischenden Hohepunkt gekommen, nun war Ruhe eingekehrt. Elisabeth drehte sich so weit wie moglich von Anne weg, die wieder ihr Nachtgewand ubergestreift hatte. Ein saurer Geruch stieg Elisabeth in die Nase. Es war ihr eigener. Allmahlich wurde es Zeit, dass sie sich wusch. Aber wo sollte sie das unbeobachtet in einem solchen Haus tun? Sie hatte das Gefuhl, dass sich eine Schlinge immer enger um ihren Hals zog. Als sie an Anton dachte, beschlich sie ein merkwurdiges Gefuhl. Er war nicht ganz der Mann, fur den sie ihn gehalten hatte. Was war, wenn sie sich vollig in ihm getauscht hatten? Wer war er in Wirklichkeit?
ZWANZIG
Der Weg zum Tod fiel Andreas immer noch schwer. Spat am Abend, er war schon zu Bett gegangen, hatte Grete, die alte Magd, ihn geweckt und ihm mitgeteilt, dass eines seiner Pfarrkinder, eine Witwe von beinahe achtzig Jahren, im Sterben lag und nach der letzten Olung verlangte. Andreas hatte sich rasch angezogen, den neuen Familiaris geweckt und war mit ihm in das nachtliche Koln eingetaucht. Das Haus der Witwe befand sich in der Breiten Stra?e, doch diese war nach Einbruch der Dunkelheit mit einer Kette abgesperrt, sodass Andreas einen Umweg uber die Glockengasse machen musste. Odilo, der Familiaris, leuchtete ihm mit der Laterne und fuhrte ihn durch die stillen, finsteren Stra?en. Nur ganz vereinzelt sah man hinter Fenstern und Hauten den flackernden Schein von Kerzen oder Talglichtern. Die Umrisse der hohen Steingebaude erinnerten an angefeilte Zahne, wahrend die kleineren Fachwerkbauten, deren Fassaden in der Finsternis zu einer einformigen Masse geworden waren, wie Zahnlucken in einem fauligen Gebiss waren.
Weit vorn tanzte ein Licht zwischen den Mauern der Glockengasse. Es kam naher. Andreas verlangsamte seinen Schritt. Der Familiaris bemerkte es und wartete auf den jungen Geistlichen. Andreas blieb neben ihm stehen. Es war sehr still in dieser Nacht, nicht einmal der Larm des Wirtshauses an der Herzogstra?e war zu horen. Es war, als sei diese Nacht aus Raum und Zeit gefallen. Nur das Licht da vorn tanzte uber dem unebenen Pflaster und spiegelte sich in der Gosse. Es kam naher.
Langsam schalten sich drei Umrisse aus dem tintenschwarzen Dunkel, aber sie wurden dadurch nicht greifbarer. Irgendetwas an ihnen beangstigte Andreas. Er zischte Odilo zu, er solle das Licht loschen. Der Familiaris blies die Kerze in der kleinen Laterne aus, und gemeinsam druckten sie sich in einen Hauseingang und warteten darauf, dass die Schatten vorubergingen.
»Was soll das?«, flusterte der Familiaris Andreas ins Ohr. »Warum gehen wir nicht einfach an ihnen vorbei?«
Andreas wusste es selbst nicht. Er gab keine Antwort.
Die drei wurden zu Menschen. Zu erkennbaren Menschen. Der mit der Laterne war einer der Leuchtmanner, die man sich mieten konnte, wenn man nachts eine Besorgung in der Stadt zu machen hatte. Den zweiten Mann kannte er. Es war Johannes Dulcken, der bankrotte Weinhandler. Seine uber das ganze Wams verteilte Amulettsammlung glitzerte im Kerzenschein. Durch Dulckens humpelnden Gang klirrten die magischen Symbole bei jedem Schritt. Der dritte Mann war ein grobschlachtiger Baum von einem Kerl mit feuerrotem Haar und Armen wie Baumstammen. Sie blieben stehen und klopften verstohlen an eine Tur. Rasch wurde ihnen geoffnet, und sie verschwanden im Innern des unbeleuchteten Hauses. Andreas atmete auf und wagte es, aus dem Hauseingang hervorzukommen. Nun erst sah er, welches Haus die drei betreten hatten.
Es war das prachtige Giebelhaus der Witwe Leyendecker.
Die alte Wittib stohnte und jammerte schrecklich, als Andreas ihr, unterstutzt von dem entsetzten Familiaris, die letzte Olung spendete und die Beichte abnahm. Die Alte war noch bei klarem Verstand, und die Liste ihrer Missetaten war lang: Sie hatte uber ihre Freundinnen gelastert, Marktfrauen ubers Ohr gehauen, beim Spinnen Flachs unter die Wolle gemischt und viele ahnlich schwere Verbrechen begangen. Andreas horte kaum zu. In Gedanken war er bei seinem Erlebnis in der Glockengasse. Was machte ein zum billigen Kramer verkommener Weinhandler des Nachts bei einer jungst zur Witwe gewordenen Kauffrau? Man konnte sich so seinen Teil denken, doch wer war der vierschrotige Kerl? Was wurde im Leyendecker’schen Haus mitten in der Nacht verabredet? Welche dunklen Machenschaften waren da im Gange? Hatte es etwas mit Ludwigs Tod zu tun? Anstatt endlich klarer zu werden, wurde die Angelegenheit immer undurchsichtiger.
Er beeilte sich zu gehen, denn es war nicht seine Aufgabe, den Tod der Wittib abzuwarten. Dafur waren die wenigen alten Freundinnen zustandig, die bereits nebenan su?en Brei a?en und schwatzten. Auch der Familiaris war offenbar froh, dem Haus des Todes entrinnen zu konnen. Es schien seine erste Erfahrung mit dem wichtigsten Abschnitt des menschlichen Lebens zu sein. Auf dem Ruckweg zu Sankt Kolumba kamen sie wieder am Leyendecker-Haus vorbei. Im ersten Stock brannte das ruhige Licht einiger guter Wachskerzen. Was mochte dort Geheimnisvolles zur Sprache kommen? Andreas schaute angestrengt nach oben, sah aber niemanden. Naturlich konnte er nicht einfach an das Portal klopfen und um Einlass bitten; er hatte keinen Grund fur einen Besuch, erst recht nicht zu so spater Stunde. Schweren Herzens ging er an dem Anwesen vorbei und dachte an Elisabeth. Er vermisste sie so. Sicherlich hatte sie gewusst, was nun zu tun war. Als Andreas wieder vor dem Pastorat stand, kam er sich wie ein Versager vor. Vielleicht hatte die Losung des schrecklichen Ratsels ganz nahe vor ihm gelegen. Er nahm sich vor, bei nachster Gelegenheit Barbara Leyendecker aufzusuchen und sie nach diesem nachtlichen Besuch zu fragen.
Diese Gelegenheit lie? auf sich warten. Die Beerdigung der Wittib, die noch in derselben Nacht gestorben war, war eine traurige Pflicht der nachsten Tage. Hinzu kamen zwei weitere Beerdigungen auf dem kleinen Kirchhof von Sankt Kolumba sowie eine Trauung, Predigtvorbereitungen, die taglichen Messen und sogar eine Vorlesungsvertretung fur Pfarrer Hulshout an der Universitat, wovor Andreas gro?e Angst hatte, denn er hatte noch nie vor so vielen Menschen theologische Diskurse gefuhrt. Die Vorlesung fand in der Aula theologica im Kapitelhaus hinter dem Dom statt, und Andreas brachte sie mit viel Stottern mehr schlecht als recht hinter sich. So kam er erst sechs Tage spater dazu, Barbara Leyendecker einen Besuch abzustatten.
Er traf sie im Lagerraum fur die Weinfasser an. Sie machte sich nicht die Muhe, ihn ins Haus zu bitten, sondern stellte sich breitbeinig vor ihn, stemmte die Hande in die Huften und fragte: »Was verschafft mir die Ehre Eures Besuches?«
»Ich mochte mit Euch uber einen gemeinsamen Bekannten von uns reden.«
Sie hob die Augenbrauen, sagte aber nichts. Die Kerzen an den Wanden des Weinkellers warfen zuckende Schatten auf ihr Gesicht. Tief hinten, in den Schatten, lagerten die Fasser, die uber Wohlstand oder Untergang entscheiden konnten. Edle Weine vom Rhein, der Mosel, aus dem Badischen, aber auch aus Frankreich hatten den Ruhm und Reichtum des Leyendecker’schen Hauses begrundet. Es hatte den Anschein, als wolle sie allein das Geschaft weiterfuhren.
»Ich habe in der letzten Zeit oft an Johannes Dulcken denken mussen«, begann Andreas und hielt inne. Noch immer schwieg sie. Kein Muskel zuckte in ihrem Gesicht; nichts gab ihre Gedanken preis.
»War er zufallig vor kurzem bei Euch?«
»Warum fragt Ihr das? Sucht Ihr immer noch den angeblichen Morder meines Gatten?«
»Ihr habt meine Frage nicht beantwortet.«
»Muss ich das?«
»Ihr habt keine Verpflichtung, mir Rede und Antwort zu stehen. Aber vielleicht seid Ihr bereit, mit dem besten Freund Eures verstorbenen Mannes zu reden.«
Barbara Leyendeckers dunkelbraune Augen spruhten Feuer. »Darf ich nicht mehr selbst entscheiden, mit wem ich reden will?«
Andreas wand sich vor Unbehagen. »Naturlich durft Ihr das. Ich habe mich blo? gewundert, was ein so armer